Weltkonjunktur Abschied von Amerika


Die US-Hypothekenkrise hält Finanzwelt und Wirtschaftsexperten weltweit in Atem. Selbst wenn diesmal die Krankheit der US-Wirtschaft noch einmal auf den Rest der Welt überspringt - die Tage, in denen die USA das wirtschaftliche Schicksal der Welt bestimmen, sind gezählt.
Eine Analyse von Sebastian Dullien

Die Hypothekenkrise hat Amerikas Wirtschaft voll erfasst. Die Zahl der neu begonnenen Bauten befindet sich im freien Fall, die Industrie berichtet von rapide schrumpfenden Auftragsbeständen und Entlassungen, die Arbeitslosigkeit steigt. Inzwischen geht die Sorge um, dass auch der Konsum der Amerikaner - lange Jahre wichtigste Konjunkturstütze der weltgrößten Volkswirtschaft - einbrechen könnte. Ökonomen sind sich einig, dass der amerikanischen Wirtschaft ein miserables Jahr und möglicherweise eine lange Krise bevor steht. Um die schlimmsten Folgen abzufedern, haben sich der US-Kongress und US-Präsident George W. Bush bereits auf ein Notfallprogramm mit milliardenschweren Steuersenkungen geeinigt.

Unter Experten umstritten ist dagegen, welche Folgen die Krise in den USA auf den Rest der Welt hat. Während Optimisten darauf verweisen, dass die Wirtschaft in Deutschland und Europa fundamental gesund sei, weiter Jobs schafften und deshalb auch 2008 solide weiterwachsen würden, warnen Pessimisten vor einem Einbruch der Exporte und einer Rezession auch auf dieser Seite des Atlantiks.

Bedeutung der USA nimmt ab

Allein schon die Tatsache, dass unter Fachleuten überhaupt diskutiert wird, ob Deutschland und Europa eine Rezession in den USA halbwegs unbeschadet überstehen können, zeigt allerdings, wie rapide die Bedeutung der USA für die Weltkonjunktur abgenommen hat. Früher lautete ein geflügeltes Wort unter Volkswirten: "Wenn die US-Wirtschaft hustet, bekommen Asien und Europa eine Lungenentzündung." Heute hofft der Rest der Welt, trotz einer Lungenentzündung der amerikanischen Wirtschaft mit einem leichten Schnupfen davon zu kommen.

Und diese Hoffnung hat durchaus Berechtigung: Dank des enormen Wachstums vor allem in den Schwellenländern in Asien wie etwa in Indien und China, aber auch in Osteuropa, hat Amerikas Wirtschaft dramatisch an Bedeutung für die Weltwirtschaft verloren. Anfang der 1960er Jahre machte die Wirtschaftsleistung der Vereinigten Staaten noch fast 40 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung aus. Inzwischen sind es gerade noch 25 Prozent. Die schnell wachsenden "BRIC-Staaten" (Brasilien, Russland, Indien und China) haben zusammen heute einen deutlich höheren Anteil am Welthandel als die USA.

Wachstum ist kräftig und stabil

Besonders erfreulich ist, dass die Wirtschaft in China oder Indien längst nicht mehr nur von der Dynamik in die USA und dem Exportwachstum abhängen. Stattdessen boomt etwa die chinesische Wirtschaft derzeit dank inländischer Investitionen vor allem in Gebäude und neue Infrastruktur und einem rapiden Wachstum des Konsums der Chinesen. Allein 2007 legten die Einzelhandelsumsätze in China um fast 17 Prozent zu. Auch in Osteuropa ist das Wachstum kräftig und stabil.

Davon profitiert auch Deutschland: Im vergangenen Jahr gingen nur noch 8,7 Prozent der deutschen Ausfuhren in die USA, dagegen nahmen die osteuropäischen EU-Staaten bereits 9,3 Prozent der deutschen Exporte ab. Dies mag erklären, warum die deutschen Unternehmen bislang die US-Krise noch verhältnismäßig gelassen wegstecken. Bislang geben die Stimmungsindikatoren aus der deutschen Industrie so auch eher den Optimisten unter den Wirtschaftsexperten Recht: Der weit beachtete Geschäftsklimaindikator des Münchener Ifo-Instituts verzeichnete in der vergangenen Woche sogar erstmals seit Monaten ein leichtes Plus.

Und der Trend der globalen Kräfteverschiebung dürfte sich fortsetzen. Alles deutet darauf hin, dass China und Indien auch in den kommenden Jahren ihr Gewicht rapide steigern werden. In 20 bis 30 Jahren dürfte nach einigen Berechnungen China alleine eine höhere Wirtschaftsleistung haben als die USA. Selbst wenn diesmal also noch einmal die Krankheit der US-Wirtschaft auf den Rest der Welt überspringt - die Tage, in denen die USA das wirtschaftliche Schicksal der Welt bestimmen, sind gezählt.


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