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Weltwirtschaftsforum in Davos: In der Krise auf den Gipfel

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos wollen die Entscheider aus Politik und Wirtschaft in dieser Woche wieder Ideen und Zuversicht tanken. Da ist nach zwölf Horrormonaten eine Menge aufzuarbeiten.

Von Christian Schütte

Vor einem Jahr standen wir am Rande des Abgrunds. Jetzt sind wir einen Schritt weiter. Man muss kein Zyniker sein, um die Lage vor dem Weltwirtschaftsforum 2009 in Davos auf diese Formel zu bringen. Was waren das doch für überschaubare Zeiten, als sich die großen Entscheider aus Politik, Wirtschaft und Finanzwelt vor einem Jahr hoch in den Graubündener Alpen zum alljährlichen Klassentreffen versammelten.

Sicher, es knirschte bereits vernehmlich im Weltfinanzsystem. Aber die Stars der Investmentwelt, von Goldman Sachs bis Lehman Brothers, glänzten noch alle auf Podien und Partys. Und die wirtschaftspolitischen Sensationen des Forums 2008 waren aus heutiger Sicht geradezu lächerlich bieder.

Kampf gegen die Krise

Dominique Strauss-Kahn etwa, der gerade frisch gekürte neue Chef des IWF, schlug da mit der Forderung Wellen, dass "Länder mit niedrigem fiskalischen Risiko" bereit sein müssten, im Kampf gegen die Krise Konjunkturprogramme aufzulegen. Die Bundesregierung stellte sich demonstrativ taub.

Heute gibt es weltweit kaum ein größeres Land mehr ohne Konjunkturprogramm. Und selbst die Deutschen beschließen in dieser Woche schon das zweite Ankurbelungspaket.

75 Basispunkte Zinssenkung in Amerika waren vor einem Jahr noch das Tagesgespräch. Seither ist der US-Leitzins um über 325 Punkte auf nahe null gefallen, und fast alle Notenbanken fluten die Welt mit Geld.

"Sie haben es verdient, unterzugehen"

Sollen wackelnde Banken gerettet werden? Angesprochen auf mögliche Finanzierungsprobleme einzelner Institute gab sich ein führender europäischer Notenbanker in Davos 2008 lässig und knallhart: "All die Jungs, die ihre Liquiditätsversorgung jetzt immer noch nicht umgestellt haben, haben es verdient, unterzugehen."

Inzwischen ist Lehman Brothers untergegangen - und alle anderen, die ihre Liquiditätsversorgung auch nicht umgestellt hatten, stützt der Steuerzahler.

Ach ja, vor einem Jahr, da waren sich alle zwar einig, dass die USA als Wachstumsmotor erstmal ausfallen würden - aber die Schwellenländer waren noch echte Hoffnungsträger. Nicht bloß ein Abkoppeln, nein, ein Umkoppeln werde es geben, sagten Optimisten: Asien werde die neue Wachstumslokomotive. Jetzt mehren sich die Signale, dass sogar in China Rezession herrscht.

Böse Fragen nach Biosprit

Vor einem Jahr, da konnte der Klimaschutzpapst Al Gore noch mit dem Afrika-Aktivisten Bono den gemeinsamen Kampf gegen Hunger und Erderwärmung ausrufen, ohne dass jemand böse Fragen nach dem Biosprit und den internationalen Nahrungsmittelpreisen stellte.

Vor einem Jahr, da wurde Davos noch von der Nachricht geschockt, dass ein unbekannter Trader namens Kerviel bei der Société Générale in Paris betrügerisch gezockt und einen Schaden von 5 Milliarden Euro angerichtet habe. Krimineller Weltrekord!

Heute nur noch Kinderkram, hat doch Bernard L. Madoff, ein früherer Chef der Börse Nasdaq und eine der angesehensten Figuren an der Wall Street, seine elitäre Kundschaft um 50 Milliarden Dollar betrogen.

Stammgäste bleiben zuhause

Selbst manche, die in Davos schon als Stammgast eingeplant waren, müssen jetzt zu Hause bleiben. John Thain etwa, der vor einem Jahr gerade als Retter von Merrill Lynch angetreten war und der das Institut dann auch tatsächlich unter die schützenden Fittiche von Bank of America steuerte.

Eigentlich sollte Thain diesmal beim Forum über die Zukunft des Weltfinanzsystems sprechen. Doch vergangenen Donnerstag wurde er von der Bank of America gefeuert - die neuen Chefs waren über unerwartete Verluste und vorgezogene Boni bei Merrill nicht amüsiert.

Beiname "Dr. Doom"

Wenn überhaupt ein Davosianer im letzten Jahr an Prestige gewonnen hat, dann Nouriel Roubini. Der New Yorker Ökonom, dem seine finsteren Krisendiagnosen den Beinamen "Dr. Doom" eingetragen haben, galt beim Davos-Auftritt 2007 noch als Kuriosität. 2008 war er die gefürchtete Kassandra, die vor halb ungläubigen, halb faszinierten Zuhörern wieder und wieder ihre Krisenvision herunterratterte.

2009 gilt Roubini in der Öffentlichkeit bereits als Kultfigur, weil seine Absturzprognosen so oft richtig lagen. In Davos wird man sich jetzt eine Woche lang bemühen, ihn doch noch zu widerlegen.

FTD