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Wer steckt hinter ...: ... der Bundesnetzagentur?

Ob Stromleitungen, Telefon, Gas oder Schienenverkehr - Matthias Kurth duldet keine Monopole. Er ist die Antwort des Staates auf die mächtige Versorgungsindustrie. Und er hat gut zu tun.

Matthias Kurth verbringt seine Tage im Tulpenfeld. Er interessiert sich dort allerdings nicht für bunte Zwiebelpflanzen, sondern für die Blüten, die Deutschlands monopolistische Großkonzerne treiben. Kurth ist Chef der Bundesnetzagentur. Und die hat im "Tulpenfeld 4", im ehemaligen Bonner Regierungsviertel, ihren Sitz. Eine zweckdienliche Anschrift, in Laufweite zu den beiden ersten und immer noch wichtigsten "Kunden" Deutsche Telekom und Deutsche Post.

Der drahtige Behördenchef Kurth ist der David im Kampf gegen die Goliaths der Energie-, Versorgungs- und Telekommunikationsindustrie. Jemand, der durchblickt in einem Bereich, in dem zuständige Politiker sich häufig haben einwickeln lassen. Einer, der Milliarden von der Industrie ertrotzte für Staat und Verbraucher.

Seit gut sechs Jahren steht er an der Spitze der Netzagentur. Die hieß bei seinem Amtsantritt noch "Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post", kurz "RegTP". Doch damals wie heute dreht sich alles um dieselbe Frage: Wie knackt man die Monopole, erleichtert man neuen Anbietern den Zugang zum Markt, wie schafft man Wettbewerb? Darum kümmern sich heute fast 2400 Mitarbeiter in der Megabehörde, die neben Telefon und Post inzwischen auch noch die Strom- und Gasmärkte sowie das Schienennetz überwacht.

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit füllte Kurth dem damaligen Finanzminister Hans Eichel (SPD) mit einer atemraubenden Auktion die Staatskasse: Die Versteigerung der Mobilfunklizenzen für den neuen UMTS-Standard brachte knapp 50 Milliarden Euro ein. Die Konzerne bluteten - und haben bis heute nichts mit ihren Lizenzen verdient.

Trotzdem sanken dank Marktöffnung und neuer Konkurrenz die Telefongebühren im Festnetz weiter - seit Kurths Amtsantritt um ein knappes Drittel. "Wir haben jetzt einen erfreulichen Wettbewerb", sagt er, "obwohl mancher Telefonkunde bei der Vielfalt der Angebote kaum noch durchblickt."

Als es darum ging, den Missbrauch der 0190er-Nummern einzudämmen, legte sich der Aufseher wieder mit den Telefonriesen an. Die Kunden wurden über die Kosten nicht ausreichend informiert, und die Konzerne kassierten prächtig. Nun ist die Abzocke beendet. "Ich fühle mich als Anwalt der Verbraucher", so Kurth.

Das bekamen in den vergangenen Monaten die großen Stromanbieter zu spüren. Sie müssen ihre Netzentgelte um 8 bis 18 Prozent reduzieren. Das könnte auch die privaten Strompreise senken. Trotzdem steht Kurth in der Kritik: Den Verbraucherschützern gehen die Kürzungen nicht weit genug, Energiekonzerne wie Eon, RWE und Vattenfall hingegen klagen, dass sie nicht mehr ausreichend verdienten. Vattenfall drohte sogar, Arbeitsplätze abzubauen. Da werden die zuständigen Minister erfahrungsgemäß schwach. Doch Kurth kontert: "Gerade auf dem Strommarkt brauchen wir noch mehr Anbieter."

Der ehemalige Richter am Landgericht Darmstadt kennt die politischen Tricks: Von 1994 bis 1999 war er Staatssekretär im hessischen Wirtschaftsministerium. Sein Chef damals: Hans Eichel als Ministerpräsident. Kurth, der mit 16 in die SPD eintrat, ist in seinem Job trotz des Regierungswechsels in Berlin unangefochten.

Doch nun will er dort weg: Kurth kandidiert für den Posten des Generalsekretärs der Internationalen Telekommunikationsbehörde in Genf - auf Wunsch der Bundesregierung, wie er betont. Die sähe wohl gern einen Deutschen auf dem Posten, von dem aus die weltweiten Funknetze und Satellitenfrequenzen koordiniert werden, auf dem Verbraucherschutz aber kaum eine Rolle spielt. Wäre man in Berlin doch froh, den Unbequemen loszuwerden? Für manche Vorstandsetage gilt das sicher.

"Warten wir ab, es gibt mehrere Bewerber", sagt Kurth. Bis entschieden wird, beobachtet er weiter aus dem Tulpenfeld, was mit den Netzen der Versorger passiert.

Elke Schulze / print