Strompreise Der Spagat des Herrn Kurth

Wettbewerb und billiger Strom - für diese Ziele war der Chef der Bundesnetzagentur, Matthias Kurth, stets bereit, weite Wege zu gehen. Doch nun muss er den vier großen Energiekonzernen Zugeständnisse machen, sonst droht in Deutschland bald eine Stromkrise.
Von David Meiländer

Spätestens im Jahr 2030 kommt ein Teil unseres Stroms aus dem Meer. 30 Windparks sollen bis dahin vor der Nordseeküste entstehen und fast ein sechstel des gesamten Energiebedarfs in Deutschland decken. Die geplante Kapazität von 25.000 Megawatt ist gut durchgedacht. Sie entspricht in etwa dem, was verloren geht, wenn bis 2020 alle Atomkraftwerke vom Netz genommen werden, wie es der Atomausstieg vorsiegt.

Eigentlich sind die Windparks also eine gute Sache, doch gleichzeitig auch das größte Problem des Chefs der Bundesnetzagentur, Matthias Kurth. Gelingt es ihm nicht, die großen Energiekonzerne - EnBW, Eon, RWE und Vattenfall - dazu zu bringen, die Windkraftwerke für teures Geld an ihr Netz anzuschließen, könnten langfristig weite Teile Süddeutschlands ohne Energieversorgung dastehen. "Es gibt einfach nicht genug Leitungen, um diese Massen an Strom im Norden ins Netz einzuspeisen und weiter zu transportieren", sagt Ingo Ellersdorfer, Forscher am Institut für Energiewirtschaft in Stuttgart. "Wenn man die Kapazitäten der bestehenden Kabel überlasten würde, würden sie praktisch verglühen."

Knackpunkt Netzentgelte

850 Kilometer müssen in den nächsten Jahren zusätzlich angelegt werden. Jeweils zwei Milliarden Euro kostet das etwa Vattenfall und Eon. Die Stromkonzerne wollen aber nur investieren, wenn ihnen die Bundesnetzagentur in Sachen Strompreis entgegen kommt. Denn wie hoch oder wie niedrig die Firmen ihre Leistungen berechnen dürfen, dabei hat Matthias Kurth eine Menge mitzubestimmen.

Der Behördenchef ist eigentlich kein Mann, der Kompromisse mag. Das hat er in seinem Leben immer wieder gezeigt. Für ihn gab es nur den Sieg. Als er 1978 sein zweites juristisches Staatsexamen ablegte, überzeugte er die Prüfer so sehr, dass diese ihm noch am selben Tag eine Stelle als Richter am Landgericht Darmstadt anboten. "Ich will den Erfolg unbedingt", betont Kurth immer wieder.

Als Chef der Bundesnetzagentur bedeutet Erfolg vor allem eines: Mehr Wettbewerb auf den Energiemärkten. 1998 wurden diese liberalisiert, jeder kann also hierzulande Strom produzieren und anbieten. Dennoch gibt es immer noch Gemeinden, in denen nur ein einziger Energielieferant tätig ist. Seit dem Amtsantritt des 56-jährigen Behördenchefs im Jahr 2001 stiegen die Strompreise um annähernd 30 Prozent, während sie zum Beispiel in Frankreich nahezu stagnierten. Erfolg sieht anders aus.

Angst vor der Stromkrise

Immer wieder hat sich Matthias Kurth deshalb mit den Energieriesen angelegt. Reihenweise kürzte er Eon, RWE, Vattenfall und EnBW die Netzentgelte. Zuletzt im Januar um bis zu 29 Prozent. Ab 2009 will er noch härter gegen sie vorgehen und alle Netzbetreiber dazu zwingen, ihre Entgelte für Konkurrenten und Kunden zu reduzieren. Denn auch wer zum Beispiel von seinen Stadtwerken Strom geliefert bekommt, muss ihnen eine Nutzungsgebühr für die Leitung bezahlen, die an sein Haus angeschlossen ist.

In Zukunft dürfen Netzbetreiber durch die Entgelte nicht mehr verdienen, als einen bestimmten Betrag im Jahr. Der orientiert sich an den kosteneffizientesten Firmen im Markt. Viele Stadtwerke, aber auch die Großkonzerne stellen sich deshalb auf harte Zeiten ein. Im Vorstand von RWE etwa wird sogar offen darüber nachgedacht, das eigene Hochspannungsnetz zu verkaufen. So hatte es Eon vor wenigen Wochen, allerdings nicht ohne rapiden Druck aus Brüssel, schon angekündigt.

"Ich glaube, dass wir uns am historischen Tiefpunkt der Netzrenditen befinden", sagte RWE-Vorstandschef Jürgen Großmann im Juni in einem Zeitungsinterview. "Herr Kurth wird herausfinden, dass nicht mehr investiert wird, wenn er uns die Möglichkeiten zum Geldverdienen nimmt." 6,3 Milliarden Euro, so wird die Bundesnetzagentur immer wieder zitiert, wird der Ausbau des Stromnetzes vermutlich kosten.

Angesichts sinkender Renditen scheuen viele Konzerne die Investition. Die Energieexpertin des Finanzdienstleisters Unicredit, Karin Brinkmann, hält das für vernünftig. Sie kann sich sogar vorstellen, dass fast alle großen Versorger ihre eigenen Strukturen verkaufen werden. "Es ist aber denkbar, dass andere Investoren mit der Rendite aus den Energienetzen etwas anfangen können", sagt sie.

Beobachter rechnen damit, dass Matthias Kurth am Montag auf einer Pressekonferenz in Bonn konkretisieren wird, wie er den Konzernen die Investition schmackhaft machen kann . Vor einer Woche hatte er bereits erste Eckpunkte angedeutet. Kommt es tatsächlich so, könnten die Konzerne weit höhere Netzentgelte verlangen als ihnen eigentlich zustünde. Den Menschen in Süddeutschland wären damit vor dem permanenten Blackout bewahrt - Matthias Kurths ergeiziges Ziel eines funktionierenden Wettbewerbs aber bis auf weiteres in alle Winde zerstreut.


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