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Versteigerung von Mobilfunkfrequenzen Showdown ums mobile Internet


Heute beginnt ein Milliardenpoker: Die Bundesnetzagentur versteigert neue Mobilfunkfrequenzen. Die letzten weißen Flecken Deutschlands sollen endlich ins digitale Zeitalter befördert werden.
Von Sönke Wiese

Wer wird seinen Kunden künftig die schnellste Datenübertragung und die besten Dienste bieten können? Bei wem werden Besitzer von Smartphones am besten aufgehoben sein? Wer wird künftig den Markt des mobilen Internets in Deutschland beherrschen?

Das alles entscheidet sich in den kommenden Tagen in einer alten Kaserne in Mainz-Gonsenheim. Hier versteigert die Bundesnetzagentur ab Montag eine Reihe von äußerst begehrten Funkfrequenzen. Diese brauchen die Mobilfunkanbieter, weil die mobile Datenübertragung in den vergangenen Jahren regelrecht explodiert ist - iPhone, Blackberry und Co. sind Schuld.

Immer mehr Menschen sind mit Multifunktionsgeräten mobil im Internet unterwegs, und sie rufen immer größere Datenmengen ab: Von 3,5 Millionen Gigabyte 2007 wuchs das Volumen in Deutschland auf 33,5 Millionen Gigabyte im Jahr 2009. "Und das ist erst der Anfang, es wird noch viel schneller gehen", sagt Matthias Kurth, Präsident der Netzagentur. In den USA würden die Mobilfunknetze unter dem Ansturm der Smartphone-Besitzer, die auf ihren teuren Telefonen gerne Filmclips schauen, bereits öfter zusammenbrechen. "Eine derartige Entwicklung müssen wir in Deutschland verhindern", warnt der Behördenchef.

Deutschlands weiße Flecken

Die Kapazitäten, die die bisherigen Frequenzen hergeben, werden auch hierzulande bereits knapp. Wer seinen Kunden künftig attraktive Dienste wie Live-Streaming und Internet-Videos auf dem Handy ruckelfrei bieten will, muss sich also bei der Auktion in Mainz die besten Megahertz-Wellen schnappen. "Es wird für viele Jahre nicht mehr eine solche Chance geben wie jetzt", sagt Kurth.

Die letzte Auktion dieser Art liegt ein knappes Jahrzehnt zurück. Deutschland war damals der am stärksten umkämpfte Mobilfunkmarkt Europas, und so stellte die Versteigerung im August 2000 einen irren Rekord auf: Insgesamt über 50 Milliarden Euro waren die Lizenzen den Bietern wert, sie brauchten die Frequenzen für den neuen UMTS-Standard. Die ungeheure Summe floss in den Staatshaushalt, so dass der damalige Finanzminister Hans Eichel (SPD) frohlockte, UMTS stehe für "Unerwartete Mehreinnahme zur Tilgung von Staatsschulden".

Doch diesmal geht es der Bundesnetzagentur nicht mehr vornehmlich darum, den Unternehmen möglichst viel Geld aus der Tasche zu leiern. Die Regulierungsbehörde nutzt die Versteigerung auch, um endlich die letzten Winkel Deutschlands ins digitale Zeitalter zu befördern. Tatsächlich gibt es immer noch viele weiße Flecken ohne Breitbandinternet oder mit nur miserablen Datenübertragungsraten. Vor allem strukturschwache Regionen in Ostdeutschland, Rheinland-Pfalz und Bayern befinden sich im digitalen Dunkel - ein fataler Standortnachteil.

Das soll sich nun nach dem Willen der Bundesnetzagentur ändern. Denn die attraktivsten Lizenzen sind an eine Bedingung geknüpft: Wer sie ersteigert, muss als erstes die unrentable Provinz abdecken. Erst danach dürfen die Mobilfunkunternehmen die lukrativen Metropolregionen mit schnelleren mobilen Verbindungen ausstatten.

Die absehbaren erforderlichen Investitionen in die Netze bremsen ein wenig die Euphorie der Bieter, eine fulminante Bieterschlacht wie im Jahr 2000 wird es nicht geben. Experten rechnen mit einem Gesamterlös von unter 10 Milliarden Euro. Vier Mobilfunkbetreiber sind im Spiel: T-Mobile (36 Prozent Marktanteil nach Zahl der Kunden), Vodafone (33 Prozent), KPN E-Plus (17 Prozent) und Telefonica O2 (14 Prozent). Weitere Interessenten ließ die Bundesnetzagentur nicht zu, oder sie zogen ihre Pläne zurück.

Entscheidungsschlacht zwischen E-Plus und O2

Einen Kampf wird es vor allem um den Frequenzbereich um die 800 Megahertz geben. Wer diese Wellen nutzen kann, braucht deutlich weniger Funkmasten und hat damit weniger Kosten bei Ausbau und Betrieb seines Netzes. Dieses Spektrum um die 800 Megahertz ist frei geworden, weil die Ausstrahlung von analogen Fernsehkanälen über Antenne nach Jahrzehnten gestoppt wurde. Damit nimmt Deutschland wieder einmal eine Vorreiterrolle ein: Es ist eines der ersten Länder in Europa, das die ehemaligen TV-Wellen für den Mobilfunk freigibt. Andere EU-Staaten sind so weit hinterher, dass sie die von der EU anvisierte Zielmarke 2012 zu verpassen drohen.

Die 60 Megahertz, die in diesem begehrten Bereich zur Verfügung stellen, bietet die Bundesnetzagentur in sechs Paketen zu je 10 Megahertz an. Die beiden großen Mobilfunkunternehmen, T-Mobile und Vodafone, dürfen maximal auf je zwei Pakete bieten, E-Plus und O2 jeweils auf drei Pakete. Mit Spannung blickt die Branche auf die Versteigerung, weil es vor allem zwischen den beiden kleinen Bietern zu einer Entscheidungsschlacht kommen könnte - dann nämlich, wenn sich die finanzstärksten Unternehmen T-Mobile und Vodafone zusammen 40 Megahertz sichern und für die beiden anderen insgesamt nur noch 20 Megahertz zur Verfügung stehen.

Torsten Gerpott, Leiter des Lehrstuhls Telekommunikationswirtschaft an der Universität Duisburg-Essen, prophezeit ein Bietergefecht zwischen E-Plus und O2. Der Verlierer werde sich langfristig wohl "aus dem deutschen Mobilfunkgeschäft verabschieden", zitiert die "Financial Times Deutschland" Gerpott.

E-Plus abgeschlagen an letzter Stelle

Besonders E-Plus, das zur niederländischen KPN gehört, hat einen Erfolg bitter nötig. Während die Konkurrenten in den vergangenen Jahren mit hohen Investitionen ihre Netze für das mobile Internet aufrüsteten, schraubte das Düsseldorfer Unternehmen die Ausgaben zurück, um höhere Gewinne einzufahren. Das rächt sich nun: Nach aktuellen Studien rangiert E-Plus in Sachen Netzqualität weit abgeschlagen an letzter Stelle. Es braucht dringend die maximal möglichen Lizenzen im begehrten Frequenzbereich um die 800 Megahertz, wenn es künftig noch eine entscheidende Rolle in Europas wichtigstem Markt spielen will.

Denn mit dem Long Term Evolution (LTE) ist nach UMTS schon der nächste, bessere Mobilfunkstandard in der Erprobungsphase. Bereits in diesem Jahr soll er in Skandinavien starten. LTE verspricht Übertragungsgeschwindigkeiten von bis zu 100 Megabit pro Sekunde; die werden derzeit selbst im Festnetz kaum erreicht. Und so könnte die neue Technik eines Tages sogar das Geschäft mit Festnetzanschlüssen bedrohen. Doch wer in diesem Milliardenmarkt mitmischen will, braucht die nun von der Bundesnetzagentur offerierten Frequenzen.

Der Showdown in der ehemaligen Mainzer Kaserne wird mehrere Tage, vielleicht Wochen dauern.

mit Reuters

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