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Wirtschaftskriminalität: Wachstumsbranche Korruption

Die Schmiergeldbranche boomt: Allein die aufgeflogenen Bestechungszahlungen verursachen jährlich einen Schaden von 5,8 Milliarden Euro - Tendenz steigend.

Auf Schiedsrichter Robert Hoyzer ist der Frankfurter Oberstaatsanwalt und Korruptionsexperte Wolfgang Schaupensteiner nicht gut zu sprechen. Mitten in die Debatte um anrüchige Nebenbeschäftigungen deutscher Parlamentarier platzte der Fußball-Wettskandal und drängte die Affären um Stromrechnungen und Beraterverträge von Politikern in den Hintergrund. Doch das eigentliche Wachstum in der Schmiergeldbranche vermuten die Ermittler in den Reihen der Privatwirtschaft, die auch strafrechtlich schärfer ins Visier genommen wird.

Dem Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) zufolge fliegen bestenfalls zwei Prozent der Korruptionsfälle auf. Allein die erfassten Schmiergeldzahlungen verursachten einen jährlichen Schaden von 5,8 Milliarden Euro. "Die Banker und Manager der Großkonzerne lachen doch darüber, dass Politiker in Deutschland über Dienstwagen, Stromrechnungen und Einkaufswagen-Chips stürzen", sagte BDK-Experte Uwe Dolata in einem Interview der "Tageszeitung".

Die meisten Fälle spielen sich in öffentlichen Verwaltungen und Unternehmen ab

Strafverfolger Schaupensteiner will in die privatwirtschaftlichen Beziehungen mehr Licht bringen. Ausgehend von der Stadt Frankfurt haben sich bislang die meisten seiner Fälle an den Schnittstellen zwischen öffentlicher Verwaltung und Unternehmen abgespielt. Häufig waren öffentlich kontrollierte Firmen wie der Flughafenbetreiber Fraport, die Frankfurter Messe oder die Deutsche Bahn AG die Leidtragenden ihrer korrupten Angestellten, die vor der Auftragsvergabe die Hand aufhielten. Anschließend holten sich die Bestecher von der Unternehmensseite die Kosten mit überhöhten Rechnungen zurück und steckten sich obendrein noch so genannte "Kickbacks" in die Tasche.

Dieses für beide Seiten verlockende Prinzip funktioniert natürlich auch bei Geschäften zwischen Unternehmen. Mit dem im vergangenen Sommer aufgedeckten Korruptionsnetz in der Immobilienwirtschaft ist Schaupensteiners Spezialabteilung in eine neue Dimension vorgedrungen: Es geht um milliardenschwere Bauprojekte in halb Europa, mindestens 15 Millionen Euro Schmiergeld, 10 Millionen Euro hinterzogene Steuern und mittlerweile über 80 Beschuldigte. Angeklagt werden diesmal nicht kleine Handwerker und städtische Beamte, sondern Projektentwickler, Fondsmanager, Architekten und Bau-Unternehmer.

Die Tipps kommen zunehmend aus den Firmen selbst

Dass die Verantwortlichen genauso bestraft werden können wie korrupte Beamte, liegt an der deutlichen Strafverschärfung für die so genannte Angestelltenbestechung vor einigen Jahren. Im einstmals korruptionsfreundlichsten Land der Erde dürfen etwa im Ausland eingesetzte Bestechungsgelder seitdem nicht mehr von der Steuer abgesetzt werden. Stattdessen sind die Staatsanwälte seit 1999 verpflichtet, Hinweisen auf korruptes Verhalten deutscher Firmen im Ausland nachzugehen.

Schaupensteiner rechnet mit einer weiter steigenden Anzahl von Anzeigen aus der Privatwirtschaft wie jüngst gegen Manager der Dorint-Hotelkette, die Putzaufträge nur gegen Bakschisch vergeben haben sollen. Die Tipps kämen zunehmend aus den Firmen selbst, wo die Sensibilität für illegale Praktiken enorm gestiegen sei. "Die Leute wissen, wer mit wem was macht."

Damit er das Vertrauen der Anzeigen schreibenden "Whistleblower" (Tippgeber) nicht schon aus Überlastung enttäuschen muss, verlangt Schaupensteiner eine bessere Ausstattung und Organisation von Polizei und Justiz. Auch das häufig geforderte bundesweite Sperr-Register für korrupte Firmen müsse endlich kommen. Korruption bleibt ein Kontrolldelikt, sagt auch Hansjörg Elshorst von der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International: Werden die Kontrollen intensiver, kommen auch mehr Fälle ans Licht. (Internet: www.transparency.de)

Christian Ebner/DPA / DPA