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Gabriel in Griechenland Die Touristen kommen, die Akademiker gehen


Zwei Tage ist Wirtschaftsminister Gabriel mit einer Delegation durch Griechenland getourt. Das Land macht Fortschritte - Gabriel erlebte aber auch Resignation und Wut. 

Der Mann grinst. Ja, er grinst wirklich. Als Klaus-Peter Willsch hinter Sigmar Gabriel steht, wirkt seine Miene kurz so, als wolle er sagen: Das stimmt doch alles gar nicht, was der Gabriel da sagt. Der spinnt doch.

Dienstreise mit dem Wirtschaftsminister. Zwei Tage besucht Gabriel Griechenland, um sich zu informieren und deutsche Unternehmer zum Investieren zu ermuntern. Am Donnerstagnachmittag steht er nun in der gleißenden Sonne vor der Auffahrt zum Megaro Maximo, dem Regierungssitz von Alexis Tsipras.

Griechenland ist auf dem Weg. Nur welchem?

Anderthalb Stunden hat der Sozialdemokrat gerade mit dem griechischen Premierminister zusammengesessen, auf einer hübschen Ledercouch vor vertäfelten Wänden und Bücherregalen. Sie redeten über Europa, die Griechen und wie es nach dem britischen Referendum weitergeht. Nun sagt Gabriel, dass man Europa zusammenhalten müsse: "Der Grexit wird niemals kommen." Das Land habe Reformen gemacht und sei auf gutem Weg.


 Klaus-Peter Willsch sieht es völlig anders. Der CDU- Abgeordnete war immer gegen die Hilfen für die Griechen, weil er das Geld verloren sah. Das Land sollte austreten und allein auf die Beine kommen. Beim Treffen mit Tsipras saß auch Willsch dabei, aber er vernahm wenig Neues: "Das sind die gleichen Antworten, die wir seit Jahren hören. Es passiert aber nichts."


Ein Jahr liegt das Drama um Griechenland zurück. Ein Jahr ist vergangen, seit Europa und die halbe Welt um Griechenland und den Euro zitterten. Und nun: Wo steht das Land? Kommt es auf die Beine? Oder nicht?

Der Tourismus boomt. Sonst aber auch nichts.

Die Zahlen sehen nicht gut aus. Im vergangenen Jahr schrumpfte die Wirtschaft um 0,2 Prozent, im ersten Quartal diese Jahres sogar um 1,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Exporte und Importe gingen zuletzt ebenfalls zurück, und die Investitionen liegen auf dem niedrigsten Stand seit 1960. Erst im nächsten Jahr könnte die Konjunktur zulegen.

Noch immer gelten Kapitalverkehrskontrollen, was bedeutet: Geld fließt aus dem Land nicht leicht rein oder raus. Fast 25 Prozent aller Griechen sind arbeitslos, fast 50 Prozent der Jungen. Ein Drittel der Menschen lebt am Rande der Armut, sagen Experten.

Und das Positive? Der Tourismus boomt. Immerhin. Im vergangenen Jahr besuchten 23,6 Millionen Urlauber das Land, so viel wie nie zuvor. Für dieses Jahr rechnen Experten mit einem weiteren Rekord. Die Griechen haben eine Rentenreform durchgesetzt und von den Geldgebern 7,5 Milliarden Euro erhalten, inzwischen sehen die Kontrolleure von Europäischer Zentralbank, Internationalem Währungsfonds und EU-Kommission das Land "weitgehend auf Kurs", wie sie in einem Bericht schreiben. "Die jetzige Regierung hat Reformen gemacht wie keine ihrer Vorgängerinnen", sagt Gabriel.

Der Hafen Piräus wird verkauft. Oder auch nicht.

Mag sein. Aber sie tricksen auch weiter. Kurz vor Gabriels Reise stand plötzlich der Verkauf des Hafens von Piräus wieder in Frage. Ein Prestigeobjekt. Mit dem 380-Millionen-Deal wollte Tsipras den Geldgebern beweisen, dass er es mit der Privatisierung ernst meine. Dann ließ er ein Gesetz schreiben, um sich auch nach dem Verkauf Einfluss auf den Hafen zu sichern. Aber nun wollten die chinesischen Käufer nicht mehr. Jetzt habe man die Sache bereinigt, heißt es. Wer weiß, wie lange.

Fragt man Firmenchefs, wie sie die Lage sehen, hört man wenig Positives. Noch immer fehle es an vernünftig arbeitenden Grundbuchämtern, noch immer seien die Steuergesetze unverständlich, noch immer erhielten die Unternehmen zu wenig Kredite. "Die Regierung Tspiras muss noch viel lernen", sagt ein Kenner der Athener Verhältnisse.


Manche Unternehmer entdecken auch Fortschritte, wie etwa Michael Frenzel. Der langjährige Chef des Reisekonzerns TUI und jetzige Leiter des deutschen Tourismusverbands hält die Lage heute für "viel stabiler" als früher. "Da hat sich schon etwas getan." Genehmigungen würden schneller erteilt und Aufträge leichter vergeben. Ihn sorgt eine neue Bettensteuer, die die Regierung 2018 einführen will. "Das würgt die boomende Branche ab", sagt Frenzel. Doch für die Steuer kann Tspiras Regierung ausnahmsweise nichts. Die Geldgeber wollen sie.

Junge Akademiker sehen eine Perspektive. Im Ausland.

Freitagmittag. Gabriel sitzt in einem umgebauten Dachgeschoß in Athens Innenstadt. Ein "impact hub". Normalerweise treffen sich hier Existenzgründer, um Ideen auszutauschen. Heute sitzen hier zwei Dutzend junge Griechen zwischen 18 und 35 Jahren, Schulabgänger, Studenten, Gewerkschafter, Berufstätige. Mit Gabriel wollen sie über ihre Zukunft diskutieren. Es ist eine düstere Zukunft.

Sie reden über Hoffnungslosigkeit, über fehlende Perspektiven, übers Auswandern. "Man steht hier vor einer Wand", sagt die 24-jährige Myrto Provida. Entweder man arbeite zum Mindestlohn oder gehe kellnern. Die Germanistik-Studentin zieht nach Mannheim und schreibt sich für Linguistik ein, später will sie als Dolmetscherin arbeiten.


Europa muss zur Entgiftung. Rasch.

Ähnlich handelt Nikos Frantzeskakis. Der 24-jährige Politikstudent wechselt an eine Universität in den USA. "Jeder, der studiert hat, haut ab", sagt er. "Und wer nicht studiert, ist wütend auf die Regierung." 
Ob sich unter Tsipras etwas geändert hat? Frantzeskakis überlegt. Für einige Studentenprogramme gebe es mehr Geld, sagt er. Dann holt er einen Zettel hervor, zeigt auf einige Ziffern. Es taucht die Zahl 79 auf: "So viel Prozent Steuern müssen sie im ersten Jahr zahlen, wenn sie ein Unternehmen gründen wollen. Das geht doch nicht."

Die Hoffnung auf eine Zukunft in Griechenland hat Frantzeskakis dennoch nicht aufgegeben. Nach dem Studium in den USA will er nach Athen zurückkehren. Vielleicht ändert sich etwas, vielleicht bringt der Ausgang des britischen Referendums eine Wende. Diese Stimmung greift auch Gabriel auf. Er spricht von der Trennung auf dem Kontinent, von der Kluft zwischen Nehmer- und Geberländern, zwischen denen, die unter dem Spardiktat leiden, und denen, die fürchten, immer mehr Geld überweisen zu müssen. "Es ist zu viel Gift in Europa. Wir müssen den Kontinent entgiften", sagt er.

Selbst Willsch sieht Fortschritt. Vielleicht.

Am Ende verbucht Gabriel sogar einen Erfolg. Einen kleinen. Nicht bei den Studenten, aber bei Klaus-Peter Willsch. Der sitzt auch in der Runde und hatte vorher den griechischen Notenbankchef Yanis Stournaras besucht. Der hatte lange die Tsipras-Regierung kritisiert, nun lobt er deren Arbeitsmarktsreformen. Tarifverträge würden nicht mehr einheitlich für das ganze Land abgeschlossen, sondern berücksichtigten regionale Besonderheiten. "Das ist wirklich ein Fortschritt", sagt Willsch. Aber so richtig glaubt er nicht daran.

In Berlin will er die Regelung noch mal prüfen. 


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