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WM-Wirtschaft: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Die WM ist vorbei, jetzt wird abgerechnet: Die deutschen Brauer reiben sich die Hände, die Trikothersteller auch, aber im Kino saßen nur ein paar Verirrte. War die WM nur ein ökonomisches Zwischenhoch?

Von Lutz Kinkel

In Hamburg ist der Karneval verpönt, ein Kaufmann mit rotem Pappnäschen gilt als nicht gesellschaftsfähig. Wer dennoch zu einer Karnevalsparty eingeladen wird und sich gezwungen sieht, die Einladung zu akzeptieren, geht zu "Fahnenfleck" - ein Ladengeschäft am feinen Neuen Wall, gegründet 1882. Dort deckt sich der Hanseat diskret mit "Symbolartikeln" ein, darunter auch Kostüme, Schminke und Luftschlangen.

Der Karneval ist indes - und in Hamburg naturgemäß - nur das kleinere Geschäftsfeld. Eigentlich ist "Fahnenfleck", wie es der Name schon sagt, auf Fahnen und Flaggen spezialisiert. Und das zahlte sich während der Fußballweltmeisterschaft aus. Nach dem ersten Spiel der Deutschen, so berichtet Vertriebsleiter Heinz Matthiesen im Gespräch mit stern.de, sei die Nachfrage nach schwarz-rot-goldenem Tuch kräftig angezogen: "Unsere Näherinnen haben in drei Schichten von sechs Uhr morgens bis acht Uhr abends gearbeitet." Dieser Boom sei auch für ihn eine "Überraschung" gewesen - eine freudige natürlich.

Auch aus anderen Branchen purzeln Erfolgsmeldungen herein. Die deutschen Bierproduzenten verzeichneten dank des schönen Wetters Umsatzzuwächse bis zu 15 Prozent. Adidas verkaufte weltweit rund drei Millionen Fußballtrikots und 15 Millionen Bälle: "Wir haben unsere eigenen Ziele noch übertroffen", so Sprecher Oliver Brüggen zu stern.de. Die Deutsche Bahn zählte 15 Millionen zusätzliche Fahrgäste, die Deutsche Telekom fuhr ein Umsatzplus von 350 Millionen Euro ein, auch deshalb, weil die ausländischen Fans fleißig mit ihren Lieben daheim telefonierten. Nicht zuletzt im WM-Kerngeschäft lief alles rund: Die deutschen Fußballstadien seien zu 99,98 Prozent besetzt gewesen, meldet der Ticketvermarkter CTS Eventim, die Rendite werde deutlich höher als erwartet ausfallen.

In diesem Glanz sonnt sich natürlich auch der ansonsten vielgescholtene Wirtschaftsminister Michael Glos. "Die Weltmeisterschaft hat einen positiven Wachstumseffekt ausgelöst", schwärmte Glos in einem Interview mit dem "Handelsblatt". Allein in der Tourismusbranche und im Gastgewerbe seien kurzfristig etwa 50.000 Jobs geschaffen worden, ungefähr die Hälfte dieser Arbeitsplätze könnte auch im nächsten Jahr noch existieren. Experten der Wirtschaftsinstitute sehen die Lage allerdings deutlich nüchterner. So heißt es in einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) lapidar: „Von der Fußball-WM werden keine nennenswerten konjunkturellen Impulse ausgehen.“ Axel Weber, Chef der Bundesbank, sagte der "Welt": "Eine prima Fußball-WM allein kann eine Volkswirtschaft nicht in Schwung halten."

"Man zeigt wieder Flagge"

Ein Grund dafür war schon während der WM zu beobachten: Was des einen Freud', ist des anderen Leid. Das DIW argumentiert zum Beispiel, dass zwar viele Fans nach Deutschland gekommen seien, deshalb aber auch weniger "Normaltouristen". Außerdem gab es - jeder konnte es miterleben - Branchen und Geschäfte, die unter der WM eher gelitten haben. Restaurants ohne Biergarten und Monitore hatten es nach Angaben des Hotel- und Gaststättenverbandes schwer. Noch viel krasser sahen die Besucherzahlen in den deutschen Kinos aus. "Es war nicht so toll", resümiert Johannes Klingsporn, Geschäftsführer des Verbandes der Filmverleiher auf Anfrage von stern.de. Die vergangenen vier Wochen seien "schlecht" gewesen - "aber es war auch klar, dass es schlecht wird". Konkrete Zahlen mochte Klingsporn nicht nennen, dafür äußerte er seine Hoffnung, dass Sönke Wortmanns Dokumentation über die WM ein Reißer sein wird.

Überhaupt: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Vertriebsmanager Matthiesen von "Fahnenfleck" stellt befriedigt fest: "Man zeigt wieder Flagge." Und das bedeutet für ihn, dass sich hübsche Nachfolgegeschäfte generieren lassen. Das Autofähnchen zum Beispiel, der absolute Verkaufsknüller während der WM, lässt sich beliebig umfunktionieren. Es lägen schon eine ganze Reihe Anfragen von Firmen vor, die gerne Autofähnchen mit ihrem Logo produzieren lassen möchten, erzählt Matthiesen. Also werden künftig vielleicht "Geiz ist Geil"-Wimpel in den Autofenstern hängen - und Wirtschaftsminister Glos wird seine Perspektiven wieder mal neu formulieren müssen.

mit Agenturen