Zwischenfall in Slowenien Wie ernst war die Atompanne wirklich?


Der Zwischenfall im AKW Krsko weckte europaweit Ängste vor einem atomaren Störfall. Doch: Wie schlimm war der Zwischenfall wirklich? War auch Deutschland von atomarer Strahlung bedroht? stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen rund um einen scheinbar harmlosen Vorfall.
Von Lisa Louis

Die Nachricht war erschreckend: Im slowenischen Atomkraftwerk Krsko ist es zu einem Zwischenfall gekommen, der Meiler wurde vorübergehend abgeschaltet. 2,5 Kubikmeter Kühlmittel pro Stunde sollen aus dem Primärsystem ausgetreten sein.

Informiert wurde der Rest der EU über das Frühwarnsystem Ecurie, das normalerweise nur bei schweren Vorkommnissen in Gang gesetzt wird. Dann die Entwarnung: Die slowenische Atombehörde räumte ein, man habe den Störfall im Atomkraftwerk Krsko "vorschnell als sehr gefährlich eingestuft".

Slowenien entschuldigte sich nach Angaben von Bundesumweltminister Siegmar Gabriel bei den EU-Partnern für "Missverständnisse" im Zusammenhang mit dem Vorfall. Die zuständigen Stellen betonten, durch das Leck im Kühlkreislauf des Atommeilers im Südosten des Landes sei keine Radioaktivität ausgetreten.

Auch Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) beruhigte, Deutschland sei von dem Problem in dem AKW nicht betroffen. Sein Ministerium habe aber nach dem Alarm vorsichtshalber den meteorologischen Dienst informiert und das Lagezentrum in Bonn "hochgefahren". Nach Angaben des Berliner Umweltministeriums handelt es sich um einen in der Fachwelt als "kleineres Leck" eingestuften Schaden.

Doch - was genau ist im AKW Krsko passiert? Hätte auch nach Deutschland radioaktive Strahlung kommen können? stern.de erklärt die Hintergrunde der Atom-Panne in Slowenien.

Was genau ist im AKW Krsko passiert?

Das Kernkraftwerk im slowenischen Krsko ist ein sogenannter Druckwasserreaktor. Ein geschlossener Wasserkreislauf, der sogenannte Primärkreislauf, kühlt einerseits den Teil des Kraftwerks, in dem die Kernspaltung stattfindet. Durch die bei dieser physikalischen Reaktion freigesetzte Wärme wird andererseits Wasser in einem zweiten Kreislauf zu Wasserdampf, über Turbinen entsteht Strom.

Was ist dabei jüngst schief gelaufen? Nach bisherigen Informationen ist aus dem Primärkreislauf Wasser ausgetreten, es gab also ein Leck. Grund zur Panik gebe es jedoch nicht, meint Heinz-Peter Butz zu stern.de, Kommunikations-Chef bei der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) in Köln. Die GRS erstellt unter anderem Nuklear-Gutachten für Bundes- und Landesbehörden und berät sie in Sicherheitsfragen. "Druckwasserreaktoren haben spezielle Hilfskreisläufe, die bei einem Leck im Primärsystem den Reaktor weiter gekühlt halten", erklärt er.

So gäbe es je ein Notsystem für kleine, mittlere und große Löcher im Primärkreislauf. Versagten die, würde außerdem Wasser über zusätzliche Feuerwehrpumpen in den Kreislauf befördert - jedenfalls sei das für Druckwasserreaktoren in Deutschland der Fall. "Zudem wird bei jedem dieser Ereignisse die Kettenreaktion sofort abgebrochen", sagt Butz. Gekühlt werden müssten so nur die Spaltprodukte, also die Teilchen, die bei der Kernspaltung entstehen und auch danach noch Wärme und Radioaktivität abgeben.

Hätte es zu einer Kernschmelze kommen können?

Die Wahrscheinlichkeit für einen größtanzunehmenden Unfall (GAU) bei Druckwasserreaktoren liegt Atom-Experte Heinz-Peter Butz zufolge bei eins zu einer Million, also sehr niedrig. Trotzdem hat der slowenische Kraftwerksbetreiber über das europäische Frühwarnsystem Alarm ausgelöst.

Butz hält dies jedoch für einen Fehler: "Ein solcher Alarm muss erst ausgelöst werden, wenn radioaktives Material in die Umgebung austritt", sagt er. "In Krsko war das meines Wissens nicht der Fall." Nur innerhalb des Kernkraftwerks sei radioaktives Wasser ausgetreten.

Auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OECD) und die Internationale Atomenergie-Behörde (IAEA) haben den Zwischenfall inzwischen als "Ereignis ohne oder mit geringer sicherheitstechnischer Bedeutung" eingestuft. Das entspricht einem Wert von 0 auf der INES-Skala, einer Messlatte für internationale atomare Vorfälle.

Wäre im Falle eines GAUs Deutschland bedroht?

Welche Länder im Katastrophenfall atomar verseucht würden, hängt von geographischen und meteorologischen Begebenheiten ab. "Nach der aktuellen Wetterlage sähe es allerdings nicht sehr gut aus für Deutschland", meint Rudolf Wieland, Geschäftsführer der Tüv-Nord Systec und ehemaliger stellvertretender Vorsitzender der Reaktor-Sicherheitskommission des Bundesumweltministeriums, zu stern.de. "Es herrscht nämlich gerade Ostwind", sagt er. Eine radioaktive Wolke könnte so nach Deutschland rüberwehen.

Was genau ist das europäische Frühwarnsystem Ecurie?

Nach dem Atom-Störfall von Tschernobyl 1986 hat die EU ein Frühwarnsystem für nukleare Unfälle eingerichtet: das Community Urgent Radiological Information Exchange (Ecurie). Daran sind alle 27 EU-Mitgliedsstaaten sowie die Schweiz angeschlossen. Über eine spezielle Software werden nukleare Notfälle über die Landesbehörden an die EU weitergeleitet, die wiederum die anderen Teilnehmerstaaten informiert.

Ist einmal ein Zwischenfall gemeldet, geben alle Parteien regelmäßige Messwerte an die EU weiter. Entsprechende Gegenmaßnahmen können so frühzeitig ergriffen werden.

Ist das Kernkraftwerk in Krsko ein Problemfall?

Schon 2003 wurde in dem slowenischen Reaktor ein Schaden an einem Ventil der Hauptdampfleitung gemeldet. Einen allgemeinen Rückschluss auf die Zuverlässigkeit des Kraftwerkes in Krsko ließe dies jedoch nicht zu, meint Atom-Experte Rudolf Wiegand. "Kleinere Vorfälle wie den 2003 und dieses Jahr gibt es schließlich in vielen Kraftwerken", sagt er.

Der Atomreaktor von Krsko sei in den 1980er Jahren gemäß internationalen Standards gebaut worden. Wichtig sei jedoch nicht nur die Ausstattung eines Werkes, sondern vor allem deren Mannschaft: "Das Betreiber-Team sollte regelmäßig aus- und weitergebildet werden", meint Wiegand. "Auch Simulationen können zum Beispiel durchgeführt werden, um Angestellte auf den Ernstfall vorzubereiten." Ob das in Slowenien der Fall ist, könne von hier aus jedoch keiner einschätzen, sagt Wiegand.

Wie sicher sind osteuropäische Kernkraftwerke?

In Deutschland werden Kernkraftwerke von unabhängigen Betreibern geführt, Behörden überwachen sie. Letztere lassen sich von externen Gutachterfirmen, wie der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS), beraten.

Dessen Kommunikations-Chef Heinz-Peter Butz meint, das Problem mit osteuropäischen Kernkraftwerken sei ein strukturelles: "Bis zum Fall der Mauer unterstanden die Atomreaktoren der kommunistischen Zentralgewalt", sagt er stern.de. "Eine wirkliche Qualitätskontrolle gab es also nicht." Mit dem Fall der Mauer habe die EU jedoch Nachbarschaftsprogramme ins Leben gerufen - es gab einen Erfahrungsaustausch auf Wissenschaftler- und Betreiberebene.

Auch die GRS beteiligt sich an diesen Programmen, Fortschritte gebe es schon, meint Butz. Eine Bilanz über osteuropäische Sicherheitsstandards könne er jedoch nicht ziehen. "Klar ist nur: Wir haben es geschafft, eine gewisse Sensibilität für Sicherheitsdefizite aufzubauen", meint Butz.


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