Tankstellenbetreiberin
„Früher haben wir einmal die Woche mit der Leiter die Preise umgestellt“

Tankstellen-Zapfsäule
Der Griff zur Zapfpistole ist teuer, aktuell liegt der Spritpreis bei mehr als zwei Euro
© Steven Mohr / Imago Images
Seit dem Ausbruch des Irankrieges sind die Spritpreise in die Höhe geklettert. Wie reagieren die Tankstellen darauf? Ein Anruf bei einer unabhängigen Betreiberin. 

Die Gesprächspartnerin betreibt eine freie Tankstelle in Münster, sie möchte in diesem Interview aber anonym bleiben.

Ihre Familie betreibt seit 1937 eine Tankstelle. Haben Sie schon einmal so hohe Spritpreise erlebt, die mit den heutigen vergleichbar sind?
Nach dem Ausbruch des Ukrainekrieges waren die Preise schon einmal ähnlich hoch, und die Kundinnen und Kunden haben damals auch kräftig gestöhnt. Aber an der Tankstelle sind die Preise ein Dauerthema, egal wie hoch sie sind. Früher lief vieles noch ganz anders: Unsere Tankstelle hatte kein Telefon und montags kam eine Postkarte von der Mineralölgesellschaft, auf der stand, wie wir die Preise am Mittwoch ändern sollten. Dann mussten wir tatsächlich mit einer Leiter hochklettern und die Preisanzeigen von Hand umstellen. 

Damals wurden die Preise nur einmal wöchentlich angepasst.
Mit der Digitalisierung änderte sich das. 1991, als mein Mann und ich die Tankstelle übernommen haben, haben wir die Abläufe automatisiert. Die Preise wurden dann automatisch über das System der Mineralölgesellschaft gesteuert, bei der wir damals noch im Pachtverhältnis waren. 2002 wurde unsere Tankstelle im Rahmen einer Fusion verkauft. Später, 2007, haben wir den Vertrag mit dem Pächter gekündigt und betreiben die Tankstelle seitdem als freie Tankstelle.

Wie unterscheiden Sie sich von großen Ketten und wie bestimmen Sie Ihre Preise?
Freie Tankstellen unterscheiden sich vor allem dadurch, dass sie ihren Kraftstoff selbst beim Mineralöl-Großhändler einkaufen und nicht an die Strukturen großer Konzerne gebunden sind. Das gibt uns mehr Flexibilität, bedeutet aber auch, dass wir stärker auf den Markt reagieren müssen. Ein automatisiertes Pricingsystem wertet kontinuierlich die Preise der umliegenden Tankstellen sowie die Daten der Markttransparenzstelle aus und passt unsere Preise entsprechend an. Konkret kann ich zum Beispiel festlegen: Wenn in etwa 500 Metern Entfernung eine Markentankstelle liegt, bleiben wir mit unserem Preis gezielt einen Cent darunter. So können wir wettbewerbsfähig bleiben und schnell auf Veränderungen reagieren.

Ganz praktisch: Was kosten Benzin und Diesel bei Ihnen aktuell?
Der Diesel liegt bei 2,279 Euro und der Super-E5-Kraftstoff liegt bei 2,099 Euro.

Die Preise sind in Deutschland aktuell überall hoch. Wie reagieren Ihre Kunden darauf?
Viele Kunden sind genervt und beschweren sich auch bei uns. Bei uns kommt im Moment noch eine besondere Situation dazu: Seit etwa vier Wochen gibt es eine Baustelle direkt an der Tankstelle. Unser Absatz ist seitdem um rund 30 Prozent zurückgegangen. Wie groß der Anteil der hohen Spritpreise daran ist, lässt sich nicht genau sagen. Ich habe aber den Eindruck, dass Privatkunden seltener oder weniger tanken. 

Die hohen Kosten sind eine große Belastung für die Bevölkerung.
Das haben wir auch gestern auf der Autobahn beobachtet: Viele Autos waren deutlich langsamer unterwegs, oft nur etwa 100 km/h. Man merkt, dass die Leute bewusst fahren, um Treibstoff zu sparen. Generell machen sich viele derzeit Gedanken darüber, wo sie im Alltag Kosten reduzieren können, und das Fahrverhalten ist ein Beispiel dafür. 

In Deutschland wurde kürzlich die Regelung beschlossen, dass Spritpreise nur noch einmal täglich erhöht werden dürfen. Was halten Sie davon?
Der Spritpreis wird sich deswegen nicht verändern. Diese Regelung ist völliger Quatsch und bringt nichts. Wenn eine Tankstelle die Preise nur noch einmal am Tag, zum Beispiel um 12 Uhr, erhöhen darf, dann wird sie am Anfang einfach einen höheren Preis ansetzen, um auf der sicheren Seite zu sein. Danach passen automatische Systeme die Preise wie bisher laufend an die Konkurrenz an. Das kann sogar dazu führen, dass der durchschnittliche Preis über den Tag gesehen eher höher ist als bisher. Denn wenn die Tankstellen Angst haben, später nicht mehr erhöhen zu dürfen, setzen sie den Preis vorsichtshalber höher an. Für die Konsumentinnen und Konsumenten wird Tanken dadurch nicht günstiger, sondern im schlimmsten Fall sogar etwas teurer.

Gibt es eine andere Lösung, die wirklich die Preise senken würde?
Ja. Wenn man die Spritpreise wirklich senken will, dann müsste man bei den Steuern ansetzen. Ein großer Teil des Spritpreises besteht nämlich aus Steuern und Abgaben, etwa Energiesteuer, Mehrwertsteuer und CO₂-Abgabe. Zusammen macht das einen erheblichen Anteil des Preises pro Liter aus. Wenn der Staat diese Steuern senken würde, würde der Preis an der Tankstelle direkt sinken. Andere Maßnahmen wie Preisregeln oder Spritpreisbremse klingen zwar politisch gut, aber sie ändern am eigentlichen Preis oft wenig und sind praktisch gar nicht umsetzbar. 

Wird sich die Situation auf dem Ölmarkt wieder beruhigen?
Das hängt vor allem von der geopolitischen Lage ab, insbesondere vom Krieg im Nahen Osten. Solche Krisen haben sehr schnell Auswirkungen auf den Ölpreis. Ein weiterer Faktor ist auch, wie sich die großen Ölkonzerne und Förderländer verhalten und ob sie die Situation ausnutzen.

Was meinen Sie damit?
Der Ölpreis wird an internationalen Börsen gehandelt, und dort reagieren die Preise sehr empfindlich auf politische Spannungen. Sobald irgendwo Unsicherheit aufkommt, steigt der Preis oft sofort – selbst wenn der Einkaufspreis bei den Raffinerien noch gar nicht so hoch ist. Man kann das ein bisschen vergleichen mit Zinsen: Wenn die EZB die Leitzinsen ändert, geben die Banken diese nicht sofort eins zu eins an die Kundinnen und Kunden weiter. Ähnlich ist es bei den Ölkonzernen: Sie profitieren von höheren Preisen und stopfen ihre Löcher. Das würde jeder machen, der die Marktvorherrschaft hat. Wie genau die Preise im Detail festgelegt werden, weiß ich nicht. Meine Mineralöl-Großhändler kaufen selbst bei den Raffinerien ein, und ich kaufe nur bei ihnen. Russische Öltanker kommen bei mir nicht vorbei.

Bekommen Sie als freie Tankstelle Unterstützung vom Bund?
Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil: Es sind sogar zusätzliche Abgaben geplant, zum Beispiel im Zusammenhang mit der CO₂-Abgabe, die auch Tankstellen betrifft. Das bedeutet für uns mehr Kosten statt Unterstützung. Wir sind letztlich ganz normale, eigenständige Unternehmer und müssen selbst schauen, wie wir wirtschaftlich über die Runden kommen. Es gibt zwar einen Verband der freien Tankstellenbetreiber, bei dem wir Mitglied sind, aber der kann uns finanziell nicht direkt unterstützen. Der Verband vertritt vor allem unsere Interessen gegenüber der Politik und der Öffentlichkeit.

Lohnt sich das Geschäft? 
Das ist immer relativ. Reich wird man mit einer unabhängigen, kleinen Tankstelle sicher nicht, dafür ist unsere zum Beispiel zu klein. Man kann davon leben, aber große Gewinne darf man nicht erwarten. Bei großen Tankstellen an guten Standorten sieht das anders aus, zum Beispiel an Autobahnen oder an stark befahrenen Straßen. Dort kann man richtig viel Geld verdienen.

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