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Telekom: Der Prozess der Superlative

2128 Klagen von 14.447 einzelnen Aktionären, die 754 Anwälte beschäftigen. Es geht um mindestens 100 Millionen Euro Schadenersatz. Das Zivilverfahren gegen die Deutsche Telekom sprengt alle bislang gekannten Dimensionen.

Auf so einen Prozess ist der deutsche Kadi nicht eingestellt. Vor der Wucht der Klagewelle kapitulierte das Frankfurter Landgericht. Über 14.000 Einzelkläger und Klagegemeinschaften gehen gerichtlich gegen die Telekom vor und wollen erreichen, dass der Telefonkonzern als Schadenersatz ihre Aktien zum Emissionspreis von 63,50 Euro zurückkauft. Der Fall beschäftigt 754 Anwälte. Eine derartige Massenklage überfordert die Justiz, deswegen werden zunächst zehn Musterklagen verhandelt.

Nach Juristeneinschätzung ist der geschätzte Gesamtstreitwert von 100 Millionen Euro hingegen nicht rekordverdächtig. Durchschnittlich geht es um Summen von rund 3500 Euro, einzelne Anleger haben aber auch mehr als 60.000 Euro verloren.

Seit dem dritten Börsengang im Jahr 2000 hat sich der Wert der Telekom-Papiere auf rund ein Viertel des damaligen Ausgabepreises reduziert. Die Kläger, überwiegend Kleinaktionäre, halten dem Unternehmen unter anderem krasse Fehlbewertungen seiner Immobilien und fehlende Informationen über damals bevorstehende Zukäufe vor.

"Wo sind die Milliarden, Herr Sommer", fragen Betroffene auf der Homepage der "Aktionsgemeinschaft Telekom-Aktionäre". Die Kleinaktionäre klagen, dass sie ihre Spargroschen in Aktien des einstigen Staatsbetriebes und Monopolisten investiert hätten und die T-Aktie zu einem Flop für die Aktionäre geworden sei. Die Anleger betonen, dass sie nicht auf die 100 Millionen Mark teure Werbe-Kampagne und das Gesicht von Manfred Krug hereingefallen sind. Der Konzern habe falsche Daten genannt und die Anleger getäuscht.

Am ersten Verhandlungstag begann der Vorsitzende Richter Meinrad Wösthoff damit, in den Sachstand des komplizierten Rechtsstreits einzuführen. Er wählte nach eigenen Angaben zunächst zehn Klagen aus, die wichtige juristische Merkmale auch für die anderen Klagen enthalten. Beklagte sind neben der Telekom die Deutsche Bank, die Bundesrepublik Deutschland, die bundeseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau (heute KfW Bankengruppe) und der ehemalige Telekom-Vorstandsvorsitzende Ron Sommer.

Öffentliches Interesse

Der Prozess begann unter großem Interesse des Publikums und der Medien. Auch einzelne Anleger machten ihrem Unmut über das Unternehmen und den Staat Luft, der bei dem Börsengang rund 15 Milliarden Euro eingestrichen hatte. Nach Ansicht der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger ist das deutsche Rechtssystem mit der Massenklage von Telekom-Aktionären völlig überfordert. Der Prozess sei eine Mammutaufgabe, sagte der Vorsitzende der Schutzgemeinschaft Klaus Schneider. Die Richter hätten sehr verworrene Sachlage zu bewältigen.

Ob die Telekom-Aktie beim Gang an die Börse überbewertet wurde, müsse sich erst noch erweisen, es gebe aber zumindest einen Hinweis darauf. "Indiz dafür könnte sein, dass einige Zeit später zwei Milliarden Euro pauschal wertberichtigt wurden, aber ob das ausreichend ist, ist noch nicht klar", sagte Schneider im Deutschland Radio. Er verwies darauf, dass die Bonner Staatsanwaltschaft bereits seit drei Jahren ermittle.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Ein von der Bonner Staatsanwaltschaft in Auftrag gegebene Gutachten zum Wert von Immobilien der Deutschen Telekom im Jahr 1994 wird erst zum Jahresende erwartet. Die Ergebnisse werden auch in den Prozess zum damals angewandten Verfahren zur Immobilienbewertung gegen die Telekom eingehen, sagte die Sprecherin der Bonner Staatsanwaltschaft Monika Nostadt-Ziegenberg. Die Ermittlungen richten sich laut Staatsanwaltschaft vor allem gegen den ehemaligen Telekom-Finanzchef, Joachim Kröske. Ihm wird Kapitalanlagebetrug und Bilanzfälschung vorgeworfen.

Die Klageflut von enttäuschten und getäuschten Aktionären gegen die Telekom war einer der Auslöser für ein neues Gesetz. Mit dem "Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz" will Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) an die Entwicklung im europäischen Ausland anschließen. Ziel ist es, kapitalmarktrechtliche Streitigkeiten durch die Zulassung von Musterverfahren weiter zu bündeln.

Telekom legt zu

Dem Konzern, der weltweit knapp 248.000 Menschen beschäftigt, geht es derweilen so gut wie lange nicht mehr - davon profitieren auch die Anleger. Die gebeutelten T-Aktionäre erhalten nach zwei dividendenlosen Jahren für das laufende Geschäftsjahr wieder eine Ausschüttung. Der Vorstand strebe eine Zahlung von 62 Cent pro Aktie an, sagte Vorstandschef der Deutschen Telekom, Kai-Uwe Ricke bei der Vorlage der Quartalszahlen am 10. November in Bonn. Eine solchen Betrag hatte der Konzern zuletzt im Jahr 2000 an seine Anteilseigener augeschüttet. Ricke: "Wir wollen anknüpfen an die historische Dividende". Diesen Betrag bezeichnete er zugleich als eine Mindestdividende für die Zukunft.

Vorstand ist zufrieden

Zur Geschäftsentwicklung in den ersten neuen Monaten dieses Jahres zeigte sich der Vorstand hoch zufrieden. Das Ergebnis vor Steuern habe sich auf 4,7 Milliarden Euro verdreifacht und der Überschuss auf 3,2 Milliarden Euro verdoppelt. Der Umsatz erhöhte sich im gleichen Zeitraum um 4 Prozent auf 42,9 Milliarden Euro, wobei der Mobilfunk und das Breitband die Wachstumstreiber waren. "Die Deutsche Telekom ist zurück, wir sind wieder auf Spur", betonte Ricke. Durch konsequente Entschuldung habe sich das Unternehmen die finanziellen Handlungsspielräume erschlossen.

Hauke Friederichs mit Material von AP/DPA/Reuters / DPA / Reuters