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Kassenpleite: Krankenversicherer wimmelt Senioren ab

Mit der City BKK ist die erste gesetzliche Kasse nach der Gesundheitsreform zahlungsunfähig. Insbesondere ältere dort Versicherte stoßen bei der Suche nach einem neuen Anbieter auf Schwierigkeiten - besonders bei einer Hamburger Kasse mit "exzellenter Finanzstabilität".

Von Fabian Löhe

Die fast 140.000 Mitglieder der wirtschaftlich zugrunde gegangenen gesetzlichen Krankenkasse City BKK haben teilweise Probleme bekommen, in eine neue Kasse zu wechseln. So wimmelt etwa die Hanseatische Krankenkasse (HEK) aus Hamburg vor allem Alte ab - obwohl sie gesetzlich verpflichtet ist, sie aufzunehmen.

Nach FTD-Informationen wird Senioren von der HEK-Servicehotline nahegelegt, sich stattdessen nach einem Versicherer aus der Gruppe der Betriebskrankenkassen umzuschauen, zu der auch die City BKK gehört. Als Begründung wird angegeben, für eine Mitgliedschaft bei der HEK müssten zunächst die Rabattverträge mit den Arzneimittelherstellern überprüft werden, sodass Patienten nicht mehr unbedingt ihre gewohnten Medikamente behalten könnten. Zudem müsse ein möglicherweise ungünstigeres neues Gutachten über die Pflegestufe erstellt werden. Auch könne der Wechsel ziemlich lange dauern, hieß es bei einem Team, das nach Auskunft der allgemeinen Servicehotline "extra für Interessenten von der City BKK" eingerichtet worden ist.

Laut Gesetz sind Versicherte der City BKK bei der Auswahl der neuen Kasse frei: Niemand darf abgelehnt werden. Alle bisherigen Leistungen müssen von der neuen Kasse übernommen werden. Dies gilt auch für mitversicherte Angehörige.

Die City BKK war in die Verlustzone geraten, als sie 2010 wie andere Kassen einen Zusatzbeitrag einführte. Gerade junge Mitglieder verließen daraufhin die Kasse, was deren Lage noch verschlimmerte. Zu Jahresbeginn erhöhte die Kasse den Zusatzbeitrag noch einmal um 7 auf 15 Euro. Allein deshalb kündigten 20.000 Versicherte - das Todesurteil für die Kasse. Die 120 Betriebskrankenkassen haften für alle Verbindlichkeiten der City BKK. Nach ersten Schätzungen geht es um 135 bis 150 Mio. Euro.

"Abschreckung" liegt in der Logik des Systems

Bei der Hamburger Betriebskrankenkasse Securvita liefen Ende vergangener Woche Dutzende Anrufe von City-BKK-Mitgliedern auf, die bei der HEK den Eindruck erhalten hatten, sie könnten dort nicht aufgenommen werden. "Die alten Frauen, die bei mir anriefen, waren sehr irritiert", berichtete eine der Mitarbeiterinnen der FTD. "Aus Angst, dass keine Kasse sie mehr aufnimmt, hat eine Dame am Telefon fast geweint." Den Anrufern sei systematisch ein Wechsel zu einer Betriebskrankenkasse empfohlen worden.

Die Hamburger Verbraucherzentrale hat die HEK wegen des Vorwurfs, statt der teuren alten und kranken Mitglieder nur junge und gesunde haben zu wollen, schon länger im Visier. "Wir haben schon öfter gehört, dass Ältere und sehr Kranke bei dieser Kasse nicht willkommen sind", sagte der Leiter für Patientenschutz, Christoph Kranich, der FTD. "Dieses Verhalten muss rechtlich geprüft werden - moralisch ist es auf jeden Fall nicht in Ordnung."

Die "Abschreckung" teurer Versicherter liege jedoch in der Logik des Gesundheitssystems, das auf mehr Wettbewerb unter den Kassen setze. Er rät, das Verhalten der HEK - die gern mit ihrer "exzellenten Finanzstabilität" wirbt - beim Bundesversicherungsamt anzuzeigen.

Die HEK weißt die Vorwürfe zurück. Es gebe weder ein gesondertes Team für Anrufe von Mitgliedern der City BKK noch ein standardisiertes Antwortverfahren für Versicherte von der maroden Kasse. "Wenn es im Einzelfall zu missverständlichen Äußerungen gekommen sein sollte, dann tut es uns leid", sagte der stellvertretende Vorsitzende Torsten Kafka. Es lasse sich nicht jedes Gespräch nachvollziehen. Es gebe die gesetzliche Verpflichtung, Versicherte der City BKK aufzunehmen. "Daran halten wir uns natürlich."

FTD
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