Markus Maurer, Forschungsdirektor an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Berliner Universitätsklinik Charité, antwortet auf Ihre Fragen:
Unbedingt, es könnte Ihr Leben retten. Wenn der Hals beim nächsten Mal stark anschwillt und die Atemwege blockiert, schaffen Sie es unter Umständen nicht mehr rechtzeitig in die Notaufnahme. Ihr Notfallset sollte ein flüssiges Antihistaminikum, ein flüssiges Kortisonpräparat und eventuell auch eine Spritze mit Adrenalin enthalten. Sie bekommen das Set von Ihrem Arzt und sollten unter seiner Aufsicht lernen, es einzusetzen. Ein Notfallpass kann ebenfalls sinnvoll sein. In ihm ist vermerkt, unter welcher Form der Nesselsucht Sie leiden - und was im Ernstfall zu beachten ist. So dürfen Patienten mit Kälte-Nesselsucht nur vorgewärmte Infusionen erhalten. Gelangen bei ihnen kalte Lösungen in die Venen, droht ein Schock.
Bislang deutet nichts darauf hin, dass die Nesselsucht generell eine erbliche Erkrankung ist. Sind in einer Familie mehrere Mitglieder betroffen, ist das vermutlich Zufall - die Nesselsucht kommt sehr häufig vor. Nur bei der Kälte-Nesselsucht gibt es eine erbliche Form, aber sehr selten: Bisher sind nur etwa ein Dutzend betroffener Familien bekannt.
Derartige Faktoren spielen zumindest bei der physikalischen Nesselsucht in der Regel keine Rolle. Bei anderen Formen hingegen berichten Betroffene immer wieder davon, dass sie einen Quaddelschub hatten, nachdem sie sehr aufgewühlt waren. Mastzellen setzen bei verschiedenen Ereignissen Histamin frei, vermutlich auch bei psychischen. Manche Studien haben gezeigt, dass sich eine chronische Nesselsucht etwa durch den Einsatz von Placebos, Hypnose oder eine Psychotherapie bessern kann.
Das ist nur zum Teil untersucht. Urtikaria-Patienten scheinen häufiger Autoimmunkrankheiten zu haben, insbesondere an der Schilddrüse. Die Gründe dafür sind noch nicht klar. Wenn jemand an Nesselsucht leidet, hat er statistisch gesehen eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, eine psychische Erkrankung zu entwickeln, etwa eine Angststörung. Derartige Stress-Syndrome sind als Folge der Belastung durch die Urtikaria zu werten. Nesselsuchtpatienten leiden nicht häufiger unter Allergien als der Durchschnitt der Bevölkerung. Und sie leiden ebenso häufig unter Infektionen wie andere Menschen. Das Magenbakterium Helicobacter pylori trägt in Deutschland zum Beispiel jeder zweite in sich. Aber nicht jeder reagiert darauf mit einem Quaddelschub. Es scheinen hier zwei Dinge zusammenzukommen: Eine Grunderkrankung und die Neigung, darauf mit einer Nesselsucht zu reagieren.
Deutlich seltener als Erwachsene - und wenn, dann von der akuten Form. Es gibt bei Kindern viel weniger Fälle von chronischer Nesselsucht als bei Erwachsenen. Die physikalische Nesselsucht tritt meist zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr zum ersten Mal auf.
Oft bessert sich die Nesselsucht während der Schwangerschaft. Das ist gut so, denn keines der wirksamen Medikamente ist in der Schwangerschaft zugelassen - die Wirkstoffe könnten dem ungeborenen Kind schaden. In der Schwangerschaft dämpft der weibliche Körper das Immunsystem automatisch. Schließlich muss es einen Fremdkörper, das ungeborene Kind, tolerieren. Der Organismus bildet mehr Kortison, das auch die Mastzellen hemmt. Deshalb verläuft die Nesselsucht bei Schwangeren oft weniger stark.
Mastzellen unterliegen hormonellen Einflüssen - auch denen von Sexualhormonen. Während des Zyklus schwanken diese Hormone stark. Kurz vor der Regelblutung feuern die Botenstoffe die Mastzellen noch einmal richtig an und verstärken so in manchen Fällen eine bestehende Urtikaria.
Die Quaddeln sind flüchtig und treten manchmal so schnell nacheinander auf, dass eine verschwindet und gleichzeitig direkt daneben eine neue entsteht. Das kann aussehen, als würden die Quaddeln über die Haut kriechen oder wandern. Tatsächlich ist es so, dass eine Hautstelle eine Pause braucht, bevor sie wieder eine Quaddel bilden kann. In ihrer Nachbarschaft können die neuen Quaddeln aber ungehindert sprießen.