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13. September 2011, 19:46 Uhr

Dünner im Auftrag des Herrn

Der Amerikaner Aaron Tabor hat die aktivsten Facebook-Fans der Welt: Seine Seite Jesus Daily zieht Millionen an. Und als netten Nebeneffekt kaufen die Jünger seine Diätprodukte. Von Mario Koppen

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Christlicher Kitsch und tägliches Lobpreisen Jesu: Millionen Fans gefällt's© stern.de

Sind hier irgendwelche Christen, die Jesus umarmen wollen?", fragt der Prediger. "Ich! Ich kann's kaum erwarten!" - "Gelobt sei der Herr!", schallt es tausendfach zurück. Es klingt wie die Massenekstase bei einem amerikanischen Gottesdienst. Doch ist es keine Mega-Church, in der mit Wortgewalt dem lieben Gott gehuldigt wird, sondern eine Facebook-Seite.

Jesus Daily heißt die virtuelle Gemeinde: Mehr als 8,5 Millionen Fans, wöchentlich kommen Zigtausende dazu. Laut Branchendienst Allfacebook.com hält die Seite den Rekord für die aktivsten Onlinejünger. Vor Justin Bieber und Lady Gaga.

Der Mann, der auf Jesus Daily predigt, lächelt milde auf seine Schäfchen herab. 41 Jahre, kurze schwarze Haare, weißer Kittel. "Aaron Tabor" steht auf der Brust und "M.D." für Medicinae Doctor. Der studierte Mediziner aus North Carolina hat Erfahrung mit Heilsbotschaften und Massengefolgen: Die Facebook-Site ist nicht die erste virtuelle Zuflucht, die er Verzweifelten und Ratsuchenden bietet.

Diätshakes und Gebete

Seit 1998 preist Tabor als selbst ernannter Diätdoktor im Internet und auf dem Shoppingkanal QVC die erlösende Wirkung von Sojashakes, Eiweißriegeln und Hautcremes. Das "Quickstarter-Kit" gibt es für 24,99 Dollar pro Woche. Bücher mit Abnehm- und Ernährungstipps zur Brustkrebsvorsorge liefert er auch.

Die Jesus-Seite, die er lange Zeit als Hobby betrieb, zog Tabor 2009 im großen Stil auf. Mit schwülstigem Profilbild und eigener Stimme soll Gottes Sohn nun auch im Netz seine Schäfchen zusammenhalten. Den frömmelnden Ton beherrscht Tabor gut, sein Vater war 30 Jahre lang Pastor.

Die wachsende Onlineherde zu betreuen ist längst ein Vollzeitjob. Zehntausende Nachrichten erhalte er täglich, er komme kaum hinterher, sagt Tabor. "Ich bin jeden Tag aufs Neue überrascht, wenn ich die Kommentare lese. Jemand von den Philippinen bittet um ein Gebet gegen Brustkrebs, jemand aus Nigeria schickt eine Antwort."

Sich selbst sieht Tabor in doppelter Mission: "Als Forscher in Sachen Gentherapie und Brustkrebs merke ich, dass die Menschen körperliche und spirituelle Hilfe brauchen." Und so verbindet er Glauben und Geschäft. An Synergieeffekten herrscht kein Mangel: "Ich stelle die Beiträge so ein, dass sie von möglichst vielen gesehen werden. Der Zeitpunkt des Postens entscheidet darüber, wie viele Benutzer ,Gefällt mir‘ klicken. Alles, was ich in meinem Geschäft lerne, benutze ich für Jesus Daily. Und umgekehrt."

Facebook, Jesus, Religion, Kirche, Jesus Daily, Aaron Tabor, Diät

Im Hauptberuf handelt Aaron Tabor mit Diätprodukten© stern.de

Dass die Verquickung funktioniert, zeigt die Facebook-Seite seiner Firma, Dr. Tabor's Diet. Die hat mit rund 32.000 Fans zwar weniger Anhänger als der virtuelle Jesus. Der fromme Ton aber herrscht auch dort: "Hi, Doc. Gelobt sei der Herr! Ich möchte Deinen Diätplan sehen, um mein Übergewicht zu reduzieren. Gott segne Dich!", schreibt ein indischer Besucher. Und der Doc hat frohe Kunde: "Es gibt Hoffnung, Dein Leben und Dein Gewicht zu ändern." Er empfiehlt das 30-Tage-Paket mit 60 Shakes und 30 Snacks.

Wie viel Profit der Wirbel um Jesus Daily seinem Geschäft beschert, mag Tabor nicht genau beziffern. Nach Branchenschätzungen macht er mit den Diätprodukten 5 bis 10 Mio. Dollar Umsatz jährlich. Er selbst bevorzugt weniger weltliche Gewinne: "Indem ich Jesus mit Jesus Daily diene, habe ich viel Segen bekommen."

Das beflügelt zu neuen Taten: Eine Non-Profit-Organisation will Tabor gründen, außerdem Spenden sammeln, Mitarbeiter einstellen und die Seite ausbauen: mit Musik, Spielen, Videos und Fachbeiträgen. "The Top Ten Foods That Jesus Ate" zum Beispiel. Wissenschaftlich fundiert und mit Segen von ganz oben.

Gefunden in ...

Gefunden in ... ... der Onlineausgabe der "Financial Times Deutschland"

Von Mario Koppen
 
 
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