morgenstern
Facebook und Co.: Geschäftsmodell Abhängigkeit?

Facebook-Chef Mark Zuckerberg
Mit Facebook verdient Mark Zuckerberg Milliarden. Nun gerät er immer mehr unter Druck, weil zahlreiche Klagen eingereicht wurden
Macht Facebook abhängig? Ein Urteil setzt das Unternehmen unter Druck, die gesamte Social-Media Welt könnte ins Wanken geraten. Und: Trumps Iran‑Wende. Die Lage am Morgen.

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

ich bin mir sicher, Ihnen ist es auch schon so ergangen. Sie sind auf Facebook, Instagram, X oder TikTok und wollen eigentlich ganz schnell nur etwas anschauen. Um dann eine halbe Stunde später – leicht benommen – zu bemerken, dass Sie sich durch unendlich viele Artikel, Filmchen und Bilder geklickt haben. Oder Sie haben Kinder, die wie gefesselt auf ihre Handys schauen. Und trotz aller Ermahnungen nicht loskommen davon.

Sind Facebook und Co. so programmiert, dass sie uns länger am Bildschirm halten? Dass sie uns abhängig machen? Das sind sehr spannende Fragen, die gerade auch vor zahlreichen Gerichten in den USA geklärt werden. Und deren Antwort über die Zukunft der Big-Tech-Unternehmen entscheiden kann. Denn wenn Abhängigkeit wirklich deren Geschäftsmodell sein sollte, könnten hohe Schadenersatzforderungen auf sie zukommen. 

Lange durften die großen Tech-Firmen machen, was sie wollten. Aber nun könnte die Götterdämmerung kommen. In einem ersten Urteil in Los Angeles entschied eine Jury vor ein paar Tagen, dass Meta und YouTube haftbar sind für Forderungen, dass ihre Plattformen süchtig machen und jungen Nutzerinnen und Nutzern geschadet haben. Die beiden Unternehmen wurden zu insgesamt sechs Millionen Dollar Schadenersatz verurteilt. Und das war erst der Beginn einer riesigen Prozesswelle. Denn in den USA haben inzwischen Tausende Einzelpersonen, Schul-Distrikte und Staatsanwälte ähnliche Klagen eingereicht. 

Facebook und Co. fordern wissenschaftliche Beweise

Sie alle argumentieren, soziale Medien seien von ihren Erschaffern so gebaut worden, dass sie süchtig machen – ähnlich wie Zigaretten oder Spielautomaten. Unendliches Scrollen, passgenaue Empfehlungen, Mitteilungen und automatisch abspielende Videos würden zu zwanghafter Nutzung führen. Die Folge davon seien Depressionen, Ängste, Essstörungen, Selbstverletzung und sogar Selbstmord. Einige Bundesstaaten klagen mit dem Argument, soziale Medien seien ein öffentliches Ärgernis. Und die Allgemeinheit hätte die Kosten dafür zu tragen, dass Jugendliche abhängig gemacht würden.

Die Verteidigungslinie von Facebook und Co. ist einfach: Solchen Anschuldigungen fehlt der klare wissenschaftliche Beweis. Für sie steht viel auf dem Spiel. Die meisten Urteile in den USA werden von einer Jury gefällt. Das ist oft unberechenbar. Wenn auch der Schadenersatz im ersten Urteil jetzt gering klingen mag und die Summe Meta erst mal nicht wirklich schmerzt, ist die Wirkung dennoch groß. Es könnte einen Stimmungswandel gegen Social-Media-Unternehmen einläuten. Viele, viele weitere Klagen könnten folgen. Über fünf Milliarden Menschen weltweit nutzen soziale Medien. 

Ob die Unternehmen nun ihr Geschäftsmodell ändern werden? In Japan, wo ich gerade bin, gibt es inzwischen Apps wie „Loverse“, die von Künstlicher Intelligenz erzeugte Freunde und Freundinnen vermitteln. Wie bei Tinder, kann man auch bei virtuellen Liebhabern mit einem Swipe entscheiden, wen man mag oder eben nicht. Nun mehren sich aber auch die Berichte über Menschen, die sich hoffnungslos in die virtuellen Partner verlieben. Ich fürchte, damit ist eine neue Stufe des Süchtigmachens längst erreicht.

Trumps Iran-Strategie: Heute Wahnsinn. Morgen Waffenruhe

Erst das Ultimatum, dann folgten Drohungen und Schimpftiraden. Bei all den Drehungen und Wendungen von US-Präsident Donald Trump kommt man kaum mehr mit in den letzten Tagen. Lange sah es nach einer dramatischen Eskalation aus. Donald Trump hatte damit gedroht, die iranische „Zivilisation“ auszulöschen. Dann verkündet er in der Nacht eine zweiwöchige Waffenruhe. Die Straße von Hormus soll auch bald wieder offen sein. Ein Grund zur Beruhigung ist das kaum, schreibt meine Kollegin Leonie Scheuble.

5-Minuten-Talk: Wirtschaftsweise Grimm fordert Tempolimit

In der Industrie wächst die Panik, unter Verbrauchern die Unsicherheit wegen steigender Preise. Die Folgen des Irankriegs sind auch hierzulande immer stärker zu spüren. Noch immer grübelt die Regierung, welche Maßnahmen sie ergreifen soll, um Wirtschaft und Gesellschaft zu schützen. Aber soll sie überhaupt eingreifen? Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm warnt die Politik davor, zu stark zu intervenieren. Zu teuer, zu kontraproduktiv – so sieht sie die meisten Instrumente. Stattdessen fordert sie ein Tempolimit, um den Verbrauch des knappen Benzins zu senken. 

Was das bezwecken soll – und warum der Staat sich jetzt um anderes kümmern sollte, als nur um Hilfsmaßnahmen, erklärt sie im Kurztalk mit stern-Politikchef Veit Medick.

Weitere Schlagzeilen im Überblick

Das passiert am Mittwoch, dem 8. April

  • Urteil im Fall des an einer Überdosis gestorbenen Schauspielers Matthew Perry gegen seine Dealerin wird in Los Angeles verkündet
  • Nato-Generalsekretär Mark Rutte trifft US-Präsidenten Trump in Washington
  • Der Prozess gegen die ehemalige RAF-Terroristin Daniela Klette wird fortgesetzt

Unsere stern+-Empfehlung des Tages

Ein Mann erkrankt an Hodenkrebs und wird operiert. Er könne keine Kinder mehr zeugen, sagen ihm die Mediziner. Etwas später wird er doch Vater – auf ganz natürlichem Weg. 

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Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag! Ich hatte ja regelmäßige Fitnesstipps versprochen. Heute rate ich Ihnen zum Hüpfen auf der Stelle. Wenn Sie haben, gerne mit einem Seil. Sie werden merken, wie schnell Sie aus der Puste kommen – und welchen Spaß Sie haben.

Alexandra Kraft

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