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24. September 2007, 11:36 Uhr

Der Durchbruch kam auf Youtube

Als US-Regisseur Stokes seinen Film "Harold Buttleman, Daredevil Stuntman" nicht loswurde, stellte er ihn bei YouTube ein. Das Videoportal bescherte ihm endlich Resonanz - und den Durchbruch. Für junge Regisseure könnte seine Geschichte wegweisend sein. Von Aarni Kuoppamäki

Francis Stokes musste viele Rückschläge in seinem Filmemacher-Leben hinnehmen© Francis Stokes

Der junge Mann steht auf dem Staudamm und filmt mit einer Handkamera 50 Meter in die Tiefe. Er will springen. "Es ist nicht einfach, ein professioneller Draufgänger zu sein, sich wieder und wieder etwas auszudenken", sagt er. "Das war's. Danke fürs Zuschauen. Jetzt geht's los." Der junge Mann heißt Harold Buttleman, arbeitet als Smoking-Verkäufer in einer Kleinstadt und glaubt, er wäre ein großer Stuntman. Er ist der tragische Titelheld einer Komödie über große Hoffnungen, Scheitern und Enttäuschung. Der Sprung vom Staudamm könnte sein letzter Stunt werden.

Harold Buttleman (John Hawkes), der tollkühne Stuntman. Glaubt er selbst.© Francis Stokes

Fünf Jahre hat Regisseur und Autor Francis Stokes an dem Film gearbeitet. Jetzt verbreitet er ihn kostenlos über das Internet-Videoportal Youtube. Das besondere daran: Der Film dauert 94 Minuten, und seine Produktionskosten liegen "irgendwo unter einer halben Million US-Dollar". Doch einen Verleih, der den Film herausbringen wollte, fand der Regisseur nicht.

Eine Geschichte des Scheiterns

Die Geschichte von Francis Stokes verlief wie viele im amerikanischen Filmgeschäft. Nach der Highschool besuchte er die angesehene Filmschule der Universität von New York. Dann zog er dorthin, wo die Filme gemacht werden: nach Los Angeles, Kalifornien. Stokes suchte sich einen Job als Museumsführer im Griffith-Observatorium und versuchte, Drehbücher zu verkaufen. Doch er scheiterte, wieder und wieder. 1997 schrieb er "Buttleman". Und diesmal nahm er die Produktion selbst in die Hand. Seinen Hauptdarsteller John Hawkes sprach er nach einer Theateraufführung an. An Wochenenden filmten sie mit einer Amateurkamera die Stunts des Harold Buttleman. Stokes ging mit dem Material bei privaten Geldgebern hausieren und fand Unterstützer aus dem Filmgeschäft, die bereit waren, "einen Karrierestart zu ermöglichen". Ihr Geld zurück zu bekommen, erwarteten sie nicht.

Nettie (Stephanie Markham) himmelt Harold an. Und drückt auch mal Pickel aus© Francis Stokes

Für die weibliche Hauptrolle fand sich die Fernsehschauspielerin Anita Barone. Die kannte wiederum Dan Castallaneta, die Originalstimme von Homer Simpson, der eine Nebenrolle als Ex-Stuntman übernahm. 2001 wurde "Buttleman" abgedreht, rund 60 Leute arbeiteten daran mit. In den nächsten Jahren gewann der Film mehrere Preise bei kleinen Festspielen. Aber kein Verleih wollte ihn verbreiten. "Es ist nicht einfach, so einen kleinen Independent-Film raus zu bringen, der auf schrulligen Charakteren basiert", sagt Stokes im Gespräch mit stern.de. "Buttleman hat nun mal nicht das Sundance-Festival gewonnen und wird deshalb auch nicht von Miramax veröffentlicht."

Anfang dieses Jahres veröffentlichte Stokes die Serie "God Inc." auf YouTube. Eine Angestellte des Videoportals sah sie und schlug vor, auch "Buttleman" hoch zu laden. Das Filmfan-Portal spout.com erklärte sich außerdem bereit, Stokes zu unterstützen. Für jeden Nutzer, der sich bei dem kostenlosen Angebot anmeldet, bekommt der Regisseur einen Dollar.

Weil Stokes durch God Inc. ein Publikum gewonnen hatte, machte er es so. "Vorher war ich mir gar nicht bewusst, welche emotionale Last ich mit meinem unveröffentlichten Spielfilm herumtrug", sagt er. "Jetzt ist er raus, und ich bin frei. Ich fühle mich besser als jemals zuvor".

Pionier einer neuen Bewegung

Es ist gut möglich, dass Francis Stokes als unabhängiger Filmemacher, der sein Werk übers Internet zugänglich macht, zum Pionier einer neuen Bewegung wird. Ist heute ungefähr jeder fünfte Deutsche oder Amerikaner mit einem Breitband-Internetzugang ausgestattet, mit dem man sich einen Spielfilm online anschauen könnte, war es 2001, als "Buttleman" gedreht wurde, nicht mal jeder zwanzigste. Bisher ist der Film auf YouTube knapp 400.000 Mal angeklickt worden. Rund 2500 Nutzer haben sich bei spout.com angemeldet und Stokes so je einen Dollar verschafft. Aber was dem Regisseur noch wichtiger ist: Der Film wird gesehen und erzeugt Resonanz aus dem Internet. Während bei einem Festival oft nur eine Handvoll Zuschauer im Saal saßen, bekommt Stokes jetzt täglich Dutzende Kommentare und Zuschriften zu "Buttleman". Inzwischen würde er jedem aufstrebenden Filmemacher raten, seine Werke im Internet zu veröffentlichen. "Hätte ich einen Verleih gefunden", sagt Stokes, "könnte ich meinen Film vielleicht auf DVD in einem Ladenregal stehen sehen. Dann würde ich aber nie erfahren, ob ihn auch jemand sieht und was die Leute, die ihn sehen, darüber denken."

Zehn Jahre hat sich Stokes mit "Buttleman" abgemüht - der erhoffte Durchbruch war es nicht. "Wäre der Film alles, was ich habe, wäre ich echt deprimiert", sagt der Mittdreißiger. Doch der Erfolg kam mit "God Inc.", einer Serie über eine Agentur, die Gottes Geschäfte regelt. Die Produktion der sechs Folgen mit jeweils einer Länge zwischen drei und acht Minuten kostete 80 Dollar. Nun hat der Fernsehkanal "Sci Fi" Stokes engagiert, um eine TV-Serie daraus zu machen. Das war kurz bevor er Buttleman hochlud. Außerdem schreibt Stokes für den Sender an einer Serie über Zeitreisen, und gerade haben die Planungen für seinen zweiten Spielfilm begonnen.

Die YouTube-Nutzer, die auf seinen Film stoßen, wissen das freilich nicht. "Der Typ, der den Film bewirbt, ist genauso kaputt wie Harry Buttleman im Film", heißt es in einem der jüngsten Kommentare. Auf die Entstehungszeit des Films bezogen hat er sogar Recht. "Ich war damals sehr frustriert wegen meiner stockenden Karriere und wollte sehen, wie viele Enttäuschungen man hinnehmen kann, bevor man seinen Traum aufgibt", sagt Stokes. "Ich weiß nicht, ob Harold am Ende springt. Wenn er es tut, ist es vielleicht Selbstmord. Aber es ist auch sein größter Stunt."

Von Aarni Kuoppamäki
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
newstraveller (24.09.2007, 15:12 Uhr)
Keine "gatekeeper" mehr
Es ist schon cool, wie die neuen Medien traditionelle Barrieren beseitigen: Wer früher als "Nobody" ein Buch schreiben, einen Artikel veröffentlichen oder einen Film drehen wollte, war komplett aufgeschmissen, wenn er keine Beziehungen hatte. Oder wenn ihm ein „Gatekeeper“ den Zugang zu den wichtigen Leuten verwehrt hatte.
Jetzt geht alles viel einfacher und vor allem gerechter: Wer Bücher schreibt, stellt einfach Abstracts ins Internet. Kürzere Texte können bei den mittlerweile unzähligen Blogs und Portalen für Bürgerjournalismus, wie z. B. bz.koeln.de, eingestellt werden. Und wer Filme dreht, stellt sie bei crazy-award.de oder youtube.com ein und wartet darauf, bis er entdeckt wird. Insofern ist es für „Newcomer“ heute wirklich einfacher. Eine Entwicklung, die man nur begrüßen kann.
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