16. September 2009, 16:54 Uhr

Blitz-Aufläufe unter der Lupe

Wenn Horden von Menschen urplötzlich dasselbe tun und ebenso unvermittelt wieder damit aufhören, wissen Eingeweihte: Hier geht ein Flashmob vonstatten. Inzwischen untersuchen auch Wissenschaftler das Phänomen, der im Internet geplanten "Spontanaktionen".

Flashmob

Vor dem Berliner Hauptbahnhof gab es einen Flashmob zum Tode von Michael Jackson©

Wer in einen Flashmob gerät, sieht eine Horde wildfremder Menschen, die plötzlich alle das Gleiche tun: Sie fahren zähneputzend Rolltreppen rauf und runter, liefern sich eine gigantische Kissenschlacht oder rubbeln sich mitten in der Innenstadt die Haare trocken, als kämen sie geradewegs aus der Dusche. Nach nur wenigen Minuten ist der Spuk wieder vorbei.

Für Wissenschaftler steckt hinter diesen skurrilen Blitzaufläufen, die sich vor allem in Großstädten häufen, jedoch mehr als nur eine sinnfreie Modeerscheinung. "Unbewusst rebellieren die Mobber gegen etablierte Strukturen, Sanktionen und Hierarchien, sie wollen schockieren und Aufmerksamkeit erregen", sagt die Volkskundlerin Katrin Bauer vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe, die die Gruppendynamik der Mobs für ihre Doktorarbeit untersucht hat.

Flashmobs leben von modernen Medien, sind kurzlebig, mobil und unverbindlich. In Internetforen oder über das Handy verabreden sich die Teilnehmer zu einer bestimmten Zeit an einem öffentlichen Ort. Ausdrückliches Muss ist dabei die Sinnlosigkeit der Aktionen, oberstes Ziel der Spaß. "Es ist witzig zu sehen, wie Leute auf einen Flashmob reagieren", erklärt Emanuel Neumann. Er hat erst vor kurzem auf der Internetplattform "MeinVZ" eine Flashmob-Gruppe gegründet. Überraschend entgegen der Norm zu handeln und sich einmal vollkommen anders zu verhalten als die Masse, sei klasse. Geht es nach Flahsmobberin Mona, sollten Menschen aufhören, in allem einen Sinn zu sehen. "Manches macht man eben nur, um Spaß zu haben", sagt die 23-Jährige.

Mit Fremden verbunden fühlen

Doch egal, ob Flashmobber so wie in München die Filiale eines Schnellrestaurants stürmen und mehrere Tausend Burger kaufen oder sich vor dem Kölner Dom eine Kissenschlacht liefern - "gesucht wird wohl auch eine kurzfristige Gemeinschaft", sagt Bauer. "Man will sich für einige Minuten mit Fremden verbunden fühlen." Laut der Bonner Wissenschaftlerin Kathrin Rosi Würtz führen die Blitzversammlungen außerdem zu einer "fortlaufenden Kommunikation". Die Soziologin hatte zu Forschungszwecken selbst einen Flashmob organisiert und konnte beobachten, wie sich die Teilnehmer nach der Aktion im Internet rege austauschten und Kommentare verfassten. "Die reale Situation wird in die Welt des Internets übertragen, reale und virtuelle Welt verschmelzen", erklärt Würtz.

Trend kommt aus den USA

Herübergeschwappt ist der Trend der Expertin zufolge aus den USA: Hier soll 2003 in New York der erste Blitzauflauf dieser Art stattgefunden haben. Ein Jahr später formierten sich erste Flashmobber in Deutschland. Und schenkt man den Experten Glauben, dürften ahnungslose Passanten in Zukunft noch häufiger auf Menschenansammlungen treffen, die plötzlich zu Salzsäulen erstarren, mitten in der Stadt auf allen vieren laufen, bellen oder eine synchrone Tanzchoreografie aufführen. Für die Flashmobber sind die Aufläufe keineswegs nur eine Modeerscheinung, sondern haben sich längst etabliert. Bauer zufolge gibt es inzwischen auch sogenannte Smartmobs, deren Aktionen politisch motiviert sind. Selbst Unternehmen nutzten Flashmobs für Werbeauftritte. Eine Sache bleibt für Bauer allerdings offen: "Was wird passieren, wenn die Flashmobs irgendwann nicht mehr schockieren können?", fragt die Volkskundlerin. Bis es jedoch soweit ist, wird es in den Innenstädten wohl noch die eine oder andere Überraschung geben.

Nadja Schöler/AP
 
 
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KOMMENTARE (1 von 1)
 
Eisenbaer (16.09.2009, 19:33 Uhr)
Alter Wein, in neuen Schläuchen
Früher nannten wir das "Straßentheater" und wir verständigten uns hierzu mittels Telefonketten. Beliebt war es vor allem z.B. sich zu einem Luftschutzsirenensignal auf den Boden fallen zu lassen, etwas Kunstblut zu verschütten und sich tot zu stellen. Oder eine wachsende Anzahl von Mitspielern, die sich schwarze Kapuzenmäntel überzog und als Gevatter Tod einfach so in der dicht belebten Fußgängerzone herum standen. Oder auch mal eine Kreuzung in einer Großstadt zu blockieren. Zwei trafen sich in der Mitte mit ihren Autos (trafen sich wortwörtlich), stiegen aus ihren Fahrzeugen und begannen sich lauthals zu streiten. Nach und nach stieg eine immer größer werdende Anzahl "zufällig vorbeikommender" weiterer Autofahrer aus ihren Wagen aus und stritt sich lautstark mitten im immer dicker werdenden Verkehrsgetümmel. Nach und nach machten dann auch eigentlich "Unbeteiligte" mit und es entstand ein riesiges, sehr lautstarkes Tohuwabohu. Mit anderen Worten: das Stück hatte sich zum "Selbstläufer" entwickelt und die Initiatoren konnten nach und nach unauffällig die Arena verlassen. Wenn dann die grüne Schutzmacht auf dem Platz erschien, da fand sie ein riesiges Blechknäuel und Dutzende aufgebrachter Mitbürger, von denen jeder eine andere Geschichte zu erzählen wusste aber keiner einen wirklichen Durchblick besaß. - Das waren noch Zeiten! Dagegen die heutigen Plagiate... ts ts ts.
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