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26. März 2010, 11:26 Uhr

Die Facebook-Kluft

Wer über 40 ist, kann das Konzept sozialer Plattformen einfach nicht verstehen. Anmelden müssen die Betreffenden sich trotzdem, wenn sie noch Geburtstagsgrüße von Ihren Kindern empfangen wollen. Von Lucy Kellaway

Vergangenen Mittwoch erkannte meine Generation beim Frühstück, dass ihre Zeit abgelaufen ist. Bereits am Dienstag hatte ich von der Nachricht über das Internet Wind bekommen. Doch wie die meisten Leute meines Alters glaube ich etwas erst richtig, wenn ich es auf einem großen Bogen Papier gedruckt sehe, den mir der Zeitungsjunge ganz anachronistisch an die Haustür liefert. Das heißt, bei mir fiel der Groschen erst am Mittwochmorgen: Die Welt gehört jetzt der Generation nach mir. Auf ihrer Titelseite meldete die Financial Times, dass Facebook nun größer ist als Google. In den USA besuchen mehr Menschen die Website des sozialen Netzwerks, um sich gegenseitig was an die Wand zu kritzeln und Fotos von feuchtfröhlichen Partys auszutauschen, als Google, um dort Reiserouten zu erhalten, die Schreibweise von "Chrysantheme" zu finden oder Internetpornografie.

Google und Twitter kapieren wir ja noch

Nichts, so scheint mir, trennt die Jungen von den nicht mehr ganz so Jungen wie soziale Netzwerke. Im Allgemeinen unterscheiden sich 50- von 15-Jährigen kaum, außer dass Erstere etwas mehr Erfahrung und viel mehr Falten haben. Heutzutage trägt jeder Jeans. So ziemlich jeder findet Florence and the Machine (ganz) gut. Aber 15-Jährige leben auf Facebook, und 50-Jährige verstehen das überhaupt nicht. Das ist keine Kleinigkeit. Es ist eine megaelefantöse Kluft zwischen den Denkweisen zweier Generationen, wobei es nicht nur um unterschiedliche Arten der Kommunikation geht, sondern um unterschiedliche Lebensweisen.

Für alte Menschen ist Google etwas Selbstverständliches: Uns wurde in der Grundschule beigebracht, wie man Dinge nachschlägt. Google ist wie eine Bibliothek, nur viel besser. Man muss nicht extra in den Bus steigen, und das, was man haben will, ist nie an jemand anderen verliehen. Auch E-Mail ist für uns etwas Selbstverständliches. Vielleicht kämpfen wir hier und da mit den für dieses simple Medium angemessenen stilistischen Ausschmückungen, aber wir verstehen das Prinzip. Eine Person kommuniziert mit einer anderen, nur geht es eben schneller, als der Postbote braucht, um einen Brief durch den Schlitz zu schieben. Wenn's sein muss, kommt meine Generation auch mit Twitter zurecht. Der Kurznachrichtendienst ist nur eine Art von Angeberei, und protzen können wir genauso gut wie alle, die ein oder zwei Jahrzehnte nach uns geboren sind.

Ein Buch mit sieben Siegeln

Aber Facebook bleibt ein Buch mit sieben Siegeln. Für uns ist Kommunikation eine Tätigkeit, die zwischen zwei Menschen im gegenseitigen Einverständnis ausgeübt wird. Ich unterhalte mich gern jeweils nur mit einer Person - dadurch habe ich die Möglichkeit, Ton und Gesprächsstoff zu variieren und sie meinem Gegenüber anzupassen. Wenn wir uns mit mehreren Freunden gleichzeitig befassen müssen, drehen wir durch. Man denke nur an das Gewese, bis man entschieden hat, wen man mit wem zu einer Dinnerparty einladen kann.

Dagegen ist der Gedanke gänzlich unverständlich, dass Kommunikation zu einer willkürlich in den Raum geworfenen Mitteilung an 500 "Freunde" über das am Abend zuvor Erlebte wird. Genauso unverständlich ist der Gedanke, dass man stundenlang vor einem Bildschirm klebt, um zufällige Mitteilungen einer nicht zu bewältigend großen Gruppe Freunde anzustarren und zu kommentieren.

Diese Kluft zwischen der Facebook- und der Nicht-Facebook-Generation ist größer als die Kluft meiner Generation zu der unserer Eltern. Mein Vater liebte Verdi, ich mochte die Rolling Stones. Für ihn war meine Musik Lärm. Für mich war seine Musik seltsam. Aber es war der gleiche Zwölf-Zoll-Vinylkreis, der sich auf dem Plattenspieler drehte, und um zuzuhören, setzte man sich aufs Sofa. Meine Mutter warf nie Lebensmittel weg. Und auch wenn es mich nicht beeindruckte, dass eine halbe Bratkartoffel im Kühlschrank überleben musste, so verstand ich doch, dass meine Mutter Zeiten der Lebensmittelrationierung erlebt hatte und deshalb auf keinen Fall die Bratkartoffel wegwerfen konnte.

Ich habe meine Kinder gebeten, mir Facebook zu erklären, bin aber genauso schlau wie vorher. Sie können es nicht erklären, weil sie meine Fragen nicht verstehen. Das Ausmaß meiner Verwirrung ergibt für sie hinten und vorn keinen Sinn.

Meine Generation wird sich früher oder später anmelden müssen. Eine Freundin meiner Tochter klagte vor Kurzem, sie könne ihrem Großvater nicht zum Geburtstag gratulieren, weil er nicht auf Facebook ist. Den Telefonhörer in die Hand zu nehmen, geschweige denn, eine Geburtstagskarte zu kaufen kam ihr nicht in den Sinn. Wollen wir also künftig noch Geburtstagskarten erhalten - oder uns mit Personen unter 40 unterhalten -, müssen wir Mitglied auf Facebook werden, ob wir es nun verstehen oder nicht.

Soweit ich das ermessen kann, besteht nur ein Risiko für die Website: In den USA haben sich 36 Millionen Mütter bei Facebook angemeldet, um ihre Kinder im Auge zu behalten. Die eigene Mutter als "Freund" auf Facebook zu haben dürfte genauso cool sein, wie wenn einen der eigene Vater als Anstandswauwau in die Disco begleitet.

Lucy Kellaway

Lucy Kellaway ist Kolumnistin der "Financial Times" in London

Gefunden in ...

Gefunden in ... der Financial Times Deutschland

Von Lucy Kellaway
 
 
KOMMENTARE (10 von 36)
 
paulodw (29.03.2010, 12:08 Uhr)
Das Privileg des Alters!
Dem kann ich nur zustimmen. Doch durch den Artikel über Facebook und Co. habe ich jetzt einiges verstanden.
Clemens1964 (29.03.2010, 09:00 Uhr)
@Karl_Schreiber
selten so einen mist gelesen
STR_EDDS (28.03.2010, 15:12 Uhr)
@Karl_Schreiber
Der Inhalt und Duktus Ihres Kommentares beweist: facebook und Co. nicht zu benutzen, bewahrt einen ebensowenig vor Verblödung.
.
Man hätte das Übel viel früher anpacken sollen. Steintafeln hätten schon verboten sein müssen. Papyrus sowieso. Beide Medien haben das menschliche Miteinander völlig verändert. Oh! Böse Veränderung!
ultraman17 (28.03.2010, 11:11 Uhr)
Facebook und co. verbieten? Wenn ich den Artikel und den Kommentar zusammensetze, dann heißt das - Facebook verbieten, weil es mir fremd ist. Das ist ein fortschrittliches Konzept - verbieten, was einem fremd ist. *Ironiemodus aus* Woher kenne ich sowas?

Genau so befremdlich ist mir die Bewertung der Plattform durch die Autorin, obwohl sie sie ja nicht mal versteht. Man kann es sich leicht machen und sagen, man stellt sich vor hunderten von Leuten bloß. Das ist oberflächlich, etc. Tja, Facebook ist da ein wenig wie das Internet. Es kann oberflächlich sein, man kann sich bloß stellen. Man kann es aber auch sinnvoll nutzen, als das was es auch ist. Eine Plattform, wo ich mich mit meinen Freunden austauschen kann. Welche Tiefe ein derartiger Austausch hat, mit welchen Freunden ich mich austausche und welche Inhalte ich austausche, bleibt mir selbst überlassen. D.h. die Plattform ist so gut oder so schlecht, wie die Nutzer und ihre Anwendungsfälle. Meine Familie lebt zerstreut, Schwester in Asien, Vater in Süddeutschland, Mutter in Berlin, andere Teile in Amerika. In Facebook kann ich aber ein Fotoalbum erstellen und sagen, dieses Album sieht nur meine Familie und vielleicht noch der ein oder andere enge Freund. Tja, ein hervorragender, sinnvoller Anwendungsfall, ohne Bloßstellen vor einer Öffentlichkeit, ohne Oberflächlichkeit, einfach nur praktisch. Aber das will halt manch einer nicht verstehen.
Karl_Schreiber (28.03.2010, 09:37 Uhr)
Ein vernünftiger Staat
würde Facebook und Co. verbieten, weil er seine Bevölkerung vor Verblödung schützen würde. Bei uns ist es eher so, dass Westerwelle und Merkel wohl auch dabei sind und ihr Face virtuell herumzeigen, oder? Merkel hat immerhin ihre Sonntagsansprache irgendwo im Netz, das ist wohl so ähnlich.. Auch alles getürkt, gelinkt und schön geredet. Bleibt nur noch die Hoffnung, dass China so fortschrittlich ist und seine Bewohner von diesem Übel aussperrt per Netzfilter.

starmax (28.03.2010, 09:06 Uhr)
Seht es ihr nach!
Mit dem Thema kokettieren und zu übertreiben ist eine Stilmasche, mehr nicht.
Andrerseits ist was dran: Jede Generation - und sei sie noch so seicht - hat das Medium, das sie verdient...
anak (28.03.2010, 07:57 Uhr)
vor 100 jahren
war die anonymitaet noch viel groesser als man sich hinter briefen verstecken konnte, die man bisweilen nicht mal selber geschrieben hatte.
welch romatik ind melancholie koennen wir in briefen vorluegen, die uns im facebook vorenthalten sein soll?
also bitte, allen ernstes.
wir sollten froh sein facebook zu haben, denn es ermoeglicht das kennenlernen von grenzenlosen dimensionen.
laketahoe (28.03.2010, 07:53 Uhr)
Was ist daran schwer zu verstehen?
Mir scheint eher, die Autorin kokettiert damit, ihr überwiegend offline gelebtes Leben wie eine Trophäe vor sich herzutragen. Als wäre dies nicht auch für facebook User die noch alle Tassen im Schrank haben die größte Selbstverständlichkeit. ...... zwischen dem Leben an sich und der online-Welt klar zu unterscheiden.

Auf mich wirkt das redundant und somit erinnert es mich schon wieder an den Gebrauch vieler facebook Nutzer dieses Mediums. Es läuft ein Deutscher Film mit Deutschen Untertiteln, die brav gelesen und dann auch noch wiedergekäut werden.

Kapieren, wie es funktioniert, kann jeder, selbst Menschen, die doppelt so alt sind wie die Autorin.

Und zu dem Problem mit Teenagern die bei nicht vorhandenem facebook Profil nicht zum Geburtstag gratulieren können, kann ich nur sagen: Die Autorin möge doch bitte versuchen, den nächsten Geburtstag dieses Teenagers ausschließlich in facebook zu feiern. Ohne persönliche Glückwünsche, Geschenke, Party und Geburtstagstorte.......
oromer (28.03.2010, 07:32 Uhr)
Facebook
Facebook ist nur deshalb so gross geworden weil die Oberflächlichkeit immer grösser geworden ist..Die Leute verstecken sich hinter einer Anonymität und alle die denken das sie wichtig sind oder die sich wie meist viele junge Leute nicht viel Gedanken machen fallen darauf rein..Und die Medien puschen den Hype um diese sogenannte wichtige Platform auch noch hoch...traurig...
Arno222 (28.03.2010, 00:22 Uhr)
@Frank_aus_Genf
Geht mir ganz genauso. Ich bin zwar noch keine 40 aber nicht mehr weit weg. Ich bin mit C64 aufgewachsen, mein erster PC hatte 2 MB Arbeitsspeicher und bin mir durchaus bewusst, dass ich eine Technikmacke habe. Soll heißen ich finde viele Dinge die im Bereich der Computer und der Unterhaltungselektronik möglich sind sehr gut, nutze diese auch intensiv und ein Leben ohne Internet könnte ich mir nicht mehr vorstellen. Aber wie unbedarft manche Leute ihr komplettes Leben im Internet entblättern, dass ein Gedächtnis wie ein Elefant hat, ist mir oft ein Rätsel.
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