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17. Oktober 2007, 10:56 Uhr

Die Flachland-Lotterie des Kapitäns

Es war eigentlich eine schlaue Idee, die der Kapitän aus dem norddeutschen Süderbrarup da hatte. Weil niemand sein Häuschen kaufen wollte, entschloss er sich einfach, seine Hütte über das Internet zu verlosen. Mit 49 Euro sollten sie dabeisein, die Spieler. Doch dann wurde der Plan vom Kieler Innenministerium durchkreuzt. Von Sebastian Wieschowski

Kein Glück im Spiel: Udo Lohreit vor seinem Haus in Süderbrarup© Sebastian Wieschowski

Das Haus von Udo Lohreit liegt idyllisch am Rand des kleinen Örtchens Süderbrarup in Schleswig-Holstein. Der Veranstaltungskalender der 3000-Seelen-Gemeinde dreht sich mehr oder weniger um einen Event - den jährlichen Brarup-Markt, der als größter ländlicher Jahrmarkt des Nordens gilt und sich von einem bäuerlichen Markt zu einem Volksfest mit Fahrgeschäften und Fressbuden entwickelt hat. Bis zum legendären Marktplatz des Dorfes, auf dem sich im animierten Flachland-Filmchen "Werner - Beinhart!" des Comiczeichners Brösel der 1. FC Süderbrarup und Holzbein Kiel eine Fußballschlacht lieferten, sind es nur wenige Schritte.

Das Haus musste weg

Der 56-jährige Udo Lohreit ist eine Eiche von einem Mann, ein stämmiger Seebär von der Waterkant, dessen Stimme ungestüm grummelt wie ein Nordseesturm, der über Marsch und Geest hinwegfegt. Lohreit hat als Kapitän bei der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger schon einige Stürme überstanden. Zum nächsten Jahreswechsel möchte er in Seemannsrente gehen. Die laufenden Kosten für sein Dreifamilienhaus, das er sich als Altersvorsorge angeschafft hatte, wollte er nicht mehr tragen. Das Haus musste weg.

Doch Interessenten gab es auf dem Land nicht. Warum niemand das Gebäude mit rund 210 Quadratmetern Wohnfläche, satten 4.000 Quadratmetern Grundstücksfläche und erwarteten Mieteinnahmen von 16.000 Euro jährlich haben wollte, konnte sich Lohreit nicht erklären, doch das Haus musste er loswerden. Wenn 145.000 Euro für die Hütte zu teuer sind, werden bei einem Preis von 49 Euro sicher mehrere Interessenten zuschlagen, dachte sich Lohreit. Die Idee: "Ich wollte mein Haus verlosen und 30 Prozent der Einnahmen an verschiedene kleinere soziale Organisationen spenden." Sicherheitshalber erkundigte sich der Seemann im Juni 2007 beim Ordnungsamt der Stadt Flensburg und der Glücksspielstelle des Kieler Innenministeriums. Die redeten ihm sein vermeintliches Glücksspiel erstmal aus.

Innenministerium droht mit Strafanzeige

Doch Lohreit dachte praktisch und legte nach einigen Wochen Bedenkzeit nach: "Gesucht werden circa 3.000 nette Menschen, die bereit sind, mir ohne Gegenleistung je 49 Euro zu schenken. Als Dank dafür schenke ich einem von ihnen dieses Dreifamilienmietshaus, selbstverständlich lastenfrei", umschrieb Udo Lohreit den neuartigen Immobilienhandel auf seiner Internetseiten "mein-eigen.de". Die Überweisungsbelege dazu sollten in einen Topf kommen, aus dem der bisherige Inhaber höchstpersönlich den künftigen Haus-Eigentümer ziehen wollte. Lohreit selbst bezeichnet den Vorgang als "gegenseitige Schenkung".

Während der Hausverschenker seinen gelben VW-Bus und ein Plakat mit Webadresse in Süderbrarup und Umgebung spazieren fuhr, interpretierte das Innenministerium in Kiel die vermeintliche Schenkung anders: "Das von Herrn Lohreit gewählte Verfahren erfüllt die Voraussetzung eines unerlaubten Glücksspiels", erklärt Marion Wecken, Pressesprecherin des Kieler Innenministeriums. Die Teilnehmer hätten mit der Zahlung der 49 Euro eine Gewinnchance erworben, wobei die Entscheidung über den Gewinn vom Zufall abhängig sei. Das Kieler Innenministerium drohte daraufhin mit einer Strafanzeige und forderte Lohreit schriftlich auf, das Internetangebot unverzüglich einzustellen und bereits überwiesene Beträge zurückzuzahlen.

Rechtsanwälte schmunzeln müde

Neben dem Innenministerium meldete sich auch die Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein zu Wort. Bei Aktionen dieser Art müsse man sich fragen, warum das Objekt nicht auf dem freien Markt zu vermitteln sei, erklärten die Verbraucherschützer und warnten vor möglichen Altlasten: "Man kann sehr viel mehr Geld verlieren als die 49 Euro." Auch bei so manchem Nachbar stieß die Verschenkungsaktion auf Unverständnis: "Das Haus war wohl nicht baufällig, hatte aber in jedem Falle Sanierungsbedarf", will eine Anwohnerin beobachtet haben. Außerdem sei es schwierig, ein derartiges Wohnobjekt in Süderbrarup zu vermieten. Eine Wohnung im Dreifamilienhaus habe seit längerer Zeit leer gestanden.

Auch Juristen können über die Lohreit'sche Theorie der "gegenseitigen Schenkung" allenfalls müde schmunzeln: "Bei der Veranstaltung handelt es sich um ein Glücksspiel ähnlich einer Lotterie, nämlich um eine Ausspielung", stellt der Laatzener Rechtsanwalt Egbert Wöbbecke klar und erklärt, wie Juristen die norddeutsche Flachland-Lotterie interpretieren: "Hierbei hat eine Mehrzahl von Personen vertragsgemäß die Möglichkeit, nach einem bestimmten Spielplan gegen einen entsprechenden Einsatz einen Gewinn zu erlangen", sagt Wöbbecke, der sich schwerpunktmäßig mit Glücksspielrecht befasst. Hausbesitzer Lohreit hätte nach Ansicht des Juristen nicht nur eine bis zu zweijährige Haftstrafe riskiert, sondern darüber hinaus einen saftigen finanziellen Verlust: "Herr Lohreit muss damit rechnen, dass sich nicht genügend Teilnehmer finden und - so er sich an die Abmachung hält - er das Haus weit unter Wert verlosen muss." Die Lohreit'sche Theorie der "gegenseitigen Schenkung" hält der Überprüfung des Juristen zumindest nicht stand.

Seebär tritt nach

Auf diesen Sturm war der erfahrene Seemann nicht vorbereitet. Eine Phalanx aus Ministeriumsvertretern, Verbraucherschützern und Glücksspieljuristen gegen den kleinen Hausbesitzer von der Waterkant? Trotzig sagt Lohreit: "Was geht es die in Kiel an, wenn ich mein Haus verschenke?" Eine Gefängnisstrafe von bis zu zwei Jahren wollte der bislang unbescholtene Kapitän dann doch nicht riskieren. Wie viele Überweisungen er erhalten hatte, sagt der Hausbesitzer nicht. Er habe allen Teilnehmern ihr Geld zurück überwiesen, versichert Lohreit - und poltert nun auf seiner Webseite weiter gegen das Innenministerium: "Das Glückspielmonopol liegt beim Land und es ist für die völlig unerheblich, dass ich eine Geschenkaktion veranstalten wollte", empört sich Udo Lohreit. Ruhe geben will der Seebär nicht. Per Internet tritt er nach: "Möge diese Regierung bald der Vergangenheit angehören." Dem mündigen Bürger werde sozusagen vorgeschrieben, was er mit seinem Geld zu machen habe. In den nächsten vierzehn Tagen ist Lohreit wieder auf der Ostsee in seinem Seenotrettungskreuzer unterwegs, weit weg von den Kieler Gegnern seiner Hauslotterie. Vorerst versucht es der vermeintliche Verschenker auf die konventionelle Tour: Das Haus ist weiterhin zu haben - zu einem Preis, der "fast geschenkt" sei.

Von Sebastian Wieschowski
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
Nobilitatis (18.10.2007, 16:04 Uhr)
Lotterieverbot?
Verboten sind Lotterien aber nicht. Nur genehmigungspflichtig.
Frabi (18.10.2007, 12:18 Uhr)
Einfach per Mehrwerttelefonnummer verlosen ...
ist die einfachste Möglichkeit.
Das wird 100fach gemacht in Deutschland nicht nur durch 9Live. Auch viele Gewinnspiele Formel1 Gewinnspiel bei RTL etc.
Alternativ kann man auch Teilnahme per Postkarte anbieten, was die Verbraucherschützer fernhält. Schickt eh keiner ne Postkarte, kostet ja genausoviel wie der Anruf.
heiner5362 (17.10.2007, 17:54 Uhr)
und was ist mit 9LIVE ???
diese telefonabzocker werden nicht angerührt mit ihren köchst fragwürdigen "spielchen".
einsatz 50cent gewinn garantiert ungarantiert na wenn das kein illegales glücksspiel ist.
kommt immer darauf an welcher politiker mit am profit berteiligt ist.
der gute herr hätte mal vorher kräftig schmieren sollen.
groenifan (17.10.2007, 14:43 Uhr)
hauskauf
witzig ist es allemal und ich kann mir net vorstellen, dass irgendein stern-leser wegen des artikels auf die idee kommt, die hütte zu kaufen...denn mal ehrlich...wer will schon am a**** der welt wohnen?
SirDidimus (17.10.2007, 14:42 Uhr)
Die Flachland-Lotterie des Kapitäns
man kann erkennen, dass hier häufiger leute schreiben, die nach ausnahmen brüllen, aber den sinn eines gesetzes und die ordnungsgemäße handhabe nicht nachvollziehen wollen. es ist ein glücksspiel, und die landesbediensteten haben nach gesetzeslage richtig entschieden. das hat mit bürokratie nichts zu tun. wo kämen wir denn hin, wenn jeder das ausnahmsweise machen würde, wozu er gerade mal lust hätte... dennoch finde ich die idee witzig.
manndernichtdaist (17.10.2007, 14:31 Uhr)
manche kapierens nicht.
Wenn ich 3000 leute 49 Euro abnehme und nur einem das Haus gebe ist es bei 2999 Fällen keine "gegenseitige Schenkung". Diesmal haben die Behörden durchaus recht, dem Mann eine vor den Latz zu geben.
Achja, ich habe hier einen tollen Kugelschreiber. Für 49 Euro bekommt ihn jemand. Sollten Interessenten hier sein, bitte kurzen Kommentar, dann maile ich demjenigen meine Bankdaten.
antwone (17.10.2007, 14:07 Uhr)
Versteigere den Kölner Dom...
für nur 1Euro - wer mir den schenkt, darf mitmachen :) Tja, wenn es keine Ordnung im Staat gäbe ...
schoolar (17.10.2007, 14:00 Uhr)
Ich frage mich zunächst mal:
Wieso wird das Haus von Seebär Lohreit nicht einfach versteigert? Da hat er doch immer noch gute Chancen, einen akzeptablen Preis zu erzielen, zumal allein durch diesen Stern-Artikel wahrscheinlich mehr Menschen auf seine Immobilie aufmerksam werden, als die Webseite alleine je im Leben erreicht hätte...! Ich denke eher, der gute Mann hat auf ordentlich Profit gehofft und sich - Bürokratie hin oder her - einfach mal verzockt. Dumm gelaufen, aber es ist ja keiner zu Schaden gekommen (bisher jedenfalls...).
sportartmakler (17.10.2007, 13:57 Uhr)
es scheint wirklich so
dass beamte nicht nachdenken können, wollen oder was weiß ich. es muß doch im einzelfall möglich sein bestimmte verfahrensweisen anzuerkennen. einen nachweis seitens des verkäufers dass niemand der lottospieler ein faules ei erwirbt hätte doch ausgereicht. nein hier muß mit aller macht an irgend welchen theoretisch ausgerichteten gesetzen festgehalten werden. ja nicht mal den einzelfall betrachten um demjenigen zu helfen, man könnte ja dem volk statt dem staat dienen.
Chessstar (17.10.2007, 13:54 Uhr)
Jaja, der arme kleine Bürger und der böse böse Staat
Der Typ ist doch selber schuld, wenn er Etikettenschwindel betreibt. Jedem logisch denkenden Menschen ist doch sofort klar, daß es sich um eine Verlosung und keine Schenkung handelt. Betrügen lassen muß der Staat sich nicht, schon gar nicht von uneinsichtigen Trotzköpfen.
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