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14. September 2006, 12:58 Uhr

Die Enttarnung von Lonelygirl15

Monatelang erzählte "Lonelygirl15" vor laufender Kamera von den Irrungen und Wirrungen ihres Teenagerlebens. Millionen Fans schauten sich ihre Videos auf Youtube an - und müssen nun begreifen: Das war alles eine Lüge.

Die Schauspielerin Jessica Rose stellt die angeblich 16-jährige "Bree" dar© Youtube.com/AP

Mit ihren braunen Kulleraugen, dem Cyberspace-Namen lonelygirl15 und ihren offenherzigen Teenagergeständnissen war die 16-jährige "Bree" zum Star des Internetangebots YouTube geworden. Auf der Videoplattform im Internet, wo Nutzer ihre Videoclips täglich einem Millionenpublikum präsentieren, konnte das Mädchen in wenigen Monaten eine riesige Fangemeinde gewinnen. In Foren wurde über ihr Liebesleben diskutiert, über ihre streng religiösen Eltern, von denen sie zu Hause unterrichtet wurde, über ihren Freund Daniel, der sie beim schwimmen und spazieren filmte. Nach vier Monaten bei YouTube, 30 Videoclips und vielen Offenbarungen des einsamen Teenagers für ihre Stamm-Zuschauerschaft kam für Hunderttausende "Bree"-Fans jetzt die Ernüchterung: Es gibt sie nicht.

Kunstprojekt statt Teenagerleben

"Bree" heißt in Wirklichkeit Jessica Rose. Sie ist eine 19 Jahre alte Schauspielerin aus Neuseeland, die in Los Angeles lebt und von drei jungen Filmemachern als lonelygirl15 angeheuert wurde. Sie wollten eine "sehr realistische fiktive Geschichte in diesem Medium" erzählen, erklärte Miles Beckett, ein 28-jähriger ehemaliger Medizinstudent und Web-Fan, der "Los Angeles Times". Sie seien total überrascht, dass ihre "neue Kunstform" so riesigen Anklang fand. Der Spaß habe sie kaum etwas gekostet. "Zwei Schreibtischlampen, ein offenes Fenster und eine Videokamera für 130 Dollar", listet der 26 Jahre alte Drehbuchschreiber Mesh Flinders auf. Zusammen mit Greg Goodfried, einem 27-jährigen Anwalt, hatten die drei die Idee im April auf einer Party ausgeheckt. Einen Monat später drehten sie in Flinders kleiner Wohnung mit Rose das erste Video.

YouTube war das perfekte Medium. Das Videoportal hatte sich in wenigen Monaten zum Massenphänomen im Cyberspace entwickelt. Über 65.000 Videoclips werden täglich neu geladen, oft Amateurwerke, mal skurril, mal belanglos. Mitunter auch Newsstücke, wie die spontane Nackenmassage, die US-Präsident George W. Bush beim G-8-Gipfeltreffen in St. Petersburg vor laufenden Kameras Kanzlerin Angela Merkel verpasste.

Verräterische Perfektion

Nur langsam bröckelte die Fassade der mysteriösen "Bree" ab. Im Mai glaubten ihr die Fans bereitwillig, dass sie gelangweilt zu Hause sitzt und Ärger mit den strengen Eltern hat. Immer tiefer ließ sie in ihre Welt mit geheimnisvollen religiösen Zeremonien blicken. Immer geschickter bewegte sie sich vor der Kamera. Bald gab es erste Zweifel an der Echtheit des Teenagers. Ein Video über einen Schwimmausflug im August sah schon fast zu perfekt aus, verglichen mit den oft wackeligen Amateurvideos anderer YouTube-Nutzer. Könnte "Bree" als Marketing-Gag von einer Werbefirma erfunden worden sein?

Im Showbiz gibt es keine schlechten Nachrichten

Web-Blogger hakten nach und wurden schließlich fündig, mit einer Markenzeichen-Registrierung für lonelygirl15, die sich Goodfrieds Vater schon vor Monaten gesichert hatte, lange bevor "Bree" zum Video-Star wurde. Ihre drei ambitionierten Erfinder stehen nun seit kurzem bei der renommierten Hollywood-Agentur Creative Artists unter Vertrag. Auch wenn das einsame Mädchen nun als Fälschung geoutet wurde, will das Trio die Saga fortsetzen. Der Starrummel um Jessica Rose dürfte andauern, wenn nicht sogar weiter zunehmen. Sie hat eine treue Fangemeinde. "Hallo, du bist eine großartige Schauspielerin", schrieb ein Verehrer auf der YouTube-Webseite für lonelygirl15. "Wir hassen den Filmemacher und seine Helfer..., aber dich lieben wir einfach."

Im Web Youtube im Lonelygirl15-Fieber: Nicht nur die Originalfilme, auch jede Menge Reaktionen auf die Enttarnung.
"Hope is Emo": Ein weiteres trauriges Teenagermädchen - mit einem Unterschied zu Lonelygirl15: Dieser Podcast ist ganz offen eine Parodie. Eine sehr lustige dazu.

Barbara Munker/DPA
 
 
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