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Finanzbranche giert nach Facebook-Daten

Politiker und Datenschützer regen sich über die Schufa-Pläne auf, Facebook-Nutzer auszuforschen. Dabei beuten Direktversicherer diesen Datenschatz per Analysesoftware längst erfolgreich aus.

  Facebook unter der Lupe: Informationen aus Sozialen Netzwerken könnten in Zukunft relevant für das Geschäft einer Wirtschaftsauskunftei werden, so die Schufa.

Facebook unter der Lupe: Informationen aus Sozialen Netzwerken könnten in Zukunft relevant für das Geschäft einer Wirtschaftsauskunftei werden, so die Schufa.

Was die Auskunftei Schufa bisher nur plant, setzten Direktversicherer bereits um: Sie analysieren Daten aus sozialen Netzwerken wie Facebook, um so viele Informationen wie möglich über Kunden zu erlangen. So zapft die Axa Global Direct alle zugänglichen Datenquellen an. Das ermöglicht der Tochter des französischen Versicherungsriesen, für jeden Kunden die Prämie zu ermitteln, mit der er profitabel versichert werden kann, sagte Stéphane Guinet, Chef der Axa Global Direct. "Wir haben bis zu 50 Variablen, um die Preise zu segmentieren."

Neben bekannten Merkmalen wie Alter und Wohnort von Kunden interessiert sich die Axa Global Direct, die vor allem in der Autoversicherung aktiv ist, für das Einkaufsverhalten und die Preissensibilität. Über Daten, die die Browser-Software beim Surfen im Internet ohne Aufforderung speichert - sogenannte Cookies - erfährt das Unternehmen etwa, ob sich jemand für ein neues Auto interessiert. Polizeiberichte können Aufschluss über das Fahrverhalten geben. Plaudern junge Fahrer in sozialen Netzwerken wie Facebook über ihr ausgiebiges Feierverhalten am Wochenende, wird der Versicherer hellhörig.

Die Nutzung von Daten, die Verbraucher im Internet bewusst oder unbewusst zur Verfügung stellen, gewinnt somit auch in der Finanzindustrie an Bedeutung. Am Donnerstag war nach einem Bericht des Norddeutschen Rundfunks bekannt geworden, dass die Auskunftei Schufa ein Forschungsprojekt angeschoben hat, um herauszufinden, wie Angaben in sozialen Netzwerken wie Twitter, Xing und Facebook in die Bonitätsprüfung bei Privatleuten mit einbezogen werden können. So sollten etwa Kontakte zwischen den Mitgliedern registriert werden, um Beziehungen zwischen Personen zu untersuchen und dabei Zusammenhänge mit der Kreditwürdigkeit der Betroffenen herzustellen, berichtete der Sender. Datenschützer, Politiker und die Netzgemeinde reagierten entsetzt.

Kunden anlocken, die als risikoarm eingestuft werden

Den Grund, warum sich Finanzdienstleister und Versicherer längst nicht mehr mit den Angaben zufriedengeben, die Kunden in Beratungsgesprächen oder Vertragsabschlüssen machen, zeigt das Beispiel der Axa Global Direct: Für den Direktversicherer sei entscheidend, die Prämien genau aufs individuelle Risiko auszurichten, sagte Guinet. "Wir investieren zweistellige Millionenbeträge in die Optimierung unserer Preisgestaltung, damit wir darin die Besten sind."

Der Versicherer will viele Versicherungsnehmer mit als gut eingestuften Risiken über attraktive Prämien locken. Die Kunden mit schlechten, weil teuren Risiken bleiben entweder fern oder bezahlen deutlich höhere Preise. Die Spanne ist groß. Nach Angaben von Guinet kann ein Kunde durchaus das Vierfache eines anderen bezahlen.

In dem Direktversicherer hat die Axa 2009 ihre weltweiten Direktversicherungsaktivitäten gebündelt. Das Unternehmen hatte Ende 2011 mehr als fünf Millionen Verträge im Bestand, davon 4,2 Millionen in der Autoversicherung. In Deutschland hat die Axa keinen eigenen Direktversicherer, hier verkaufen die etablierten Axa-Gesellschaften auch übers Internet.

Detaillierte Aufstellung des Freizeitverhaltens der Kunden

Ähnlich wie die Assekuranz wollen auch Banken wissen, wo sich bei einem Kreditnehmer bestimmte Risiken verstecken - deshalb haben sie auch Interesse an einer möglichst detaillierten Aufstellung von dem, was Kunden in ihrer Freizeit treiben. Viele Finanzunternehmen sind bereit, viel Geld in die entsprechende Software zu investieren. Die Analyse von großen, unstrukturierten Datenmengen ist derzeit eines der stärksten Wachstumsfelder von professionellen Softwareherstellern wie IBM, SAP, Oracle oder SAS Institute. Die Lizenzumsätze für solche Produkte legten nach Daten des Marktforschers Gartner 2011 um gut 16 Prozent zu.

Onlinenetzwerke und Webseiten sind neben der Analyse der eigenen Geschäftsprozesse ein Hauptziel dieser Programme: Unternehmen versuchen dort nicht nur, neue Trends und Modeerscheinungen aufzuspüren. Wird beispielsweise ein Produkt in einem Youtube-Video niedergemacht und über Facebook millionenfach verbreitet, können Analysewerkzeuge schneller Alarm schlagen. Diese Instrumente werden vor allem im Marketing verwendet. Der Softwareanbieter SAS Institute wirbt mit einem Produkt, das Informationen aus verschiedensten Quellen durchforstet und Profile von Kunden erstellt, um Versicherungsbetrug aufzudecken.

Von Ilse Schlingensiepen und Annika Graf/FTD
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