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"Konflikt gibt Drama und Drama gibt eine gute Geschichte"

Der Niederländer Erik Kriek ist Illustrator, Hausmann und Vater. Ihm ist es wichtig, für seinen Sohn da zu sein. In seiner neuen Graphic Novel "In the Pines" jedoch geht es brutal zu: Fünf "Murder Ballads" zeigen mehr als ein Lied vom Tod.

Erik Kriek mit Gitarre und Mikrofon: Er singt und spielt bei einer Lesung

Erik Kriek bei der Arbeit und das Cover seines neuen Buches "In the Pines – 5 Murder Ballads"

Ich habe dir was mitgebracht. Wenn du das siehst, denkst du dann an Mord?
Nein, ich denke an meinen Sohn, der wird es sehr hübsch finden. Ich soll an Mord denken, wenn ich das sehe?
Naja, das rote Bändchen um den Hals des Osterhasen ist ja ziemlich eng.
Ich weiß nicht. Das ist ein Schokoladenkaninchen. Ich denke eigentlich niemals an Mord.
Du musst eine gewisse Faszination für Mord haben, sonst hättest du die "Murder Ballads" nicht illustriert.
Ja, aber das ist meine Arbeit, das ist Kunst, das ist nicht real.
Du mordest also nicht selbst?
Nein! Es gibt viele Leute, die fragen: Wo ist deine Harley, wo sind deine Tattoos? Aber ich bin eine Katze, ich bin weich. Ich bin ein Nerd und will nichts damit zu tun haben.

Was hörst du für Musik?
Alles. Von klassischer Musik über Filmmusik bis zu altem Soul, altem Blues.
Wenn du nach Hause kommst, was legst du dann auf?
Das wird ein bisschen schwierig, denn mein Sohn hat seine eigene Playlist auf Spotify und will nur das hören.
Wie alt ist er?
Er ist gestern acht geworden. 
Comics zu zeichnen ist eine langweilige Arbeit, man ist alleine und Musik hilft. Aber zu Hause hören wir nicht viel Musik, denn meine Freundin hat einen anderen Geschmack und mein Sohn möchte seine Musik hören. 

Du zeichnest in einem Büro?
Ich habe ein Studio, ja. Ich habe immer zu Hause gearbeitet, aber seit mein Sohn da ist, gehe ich aus dem Haus. Das geht nicht mehr. Und meine Freundin arbeitet auch full time. Sie arbeitet in einer anderen Stadt. Ich hole ihn deshalb aus der Schule, ich koche, ich bin also auch Hausmann.

Vater eben.
Ja, aber mein Vater … das war die Generation … Er kam um sechs Uhr nach Hause und hat seine Zeitung aufgeschlagen. Er war Wissenschaftler und abends ging er in sein Arbeitszimmer und hat weitergearbeitet. Ich möchte ein anderer Vater sein. Ich bringe meinen Sohn zur Schule und hole ihn um fünf Uhr wieder ab. Und dann ist für mich Schluss, dann arbeite ich nicht mehr. Wenn ich zu Hause bin, gehört die Zeit meiner Familie, das ist viel besser. Früher habe ich immer gearbeitet, meine Arbeit war überall.

Das Abschalten ist dann schwierig.
Ja! Im Kopf arbeite ich immer, das hört nicht auf. 

Deine Mörder sind ziemliche Arschlöcher.
Ja! Das sind alles Arschlöcher. Aber auch die Schlachtopfer sind Arschlöcher. Ich möchte zeigen, dass der Mord für jeden ein Problem ist. Niemand kommt gut dabei weg. Sie sind alle Arschlöcher oder sympathisch, wie man will. Zum Beispiel bei der "Caleb Meyer"-Geschichte, wo die Frau vergewaltigt wird und ihm die Kehle mit einer Flasche aufschlitzt, hat meine Freundin gesagt: "Ah, gut, gut!" Ich habe sie gefragt: "Das findest du gut?" "Ja, natürlich", hat sie geantwortet, "er hat sie vergewaltigt und jetzt ist er tot und sie muss dafür nicht ins Gefängnis. Das ist gut." Ich denke aber, dass es ein bisschen eindimensional ist, so zu denken. Denn sie hat ihr ganzes Leben mit den Gespenstern der Schuld zu kämpfen, die dann nachts kommen. Sie wird nicht glücklich damit. Ich wollte keine moralische Position beziehen, sondern es ein bisschen offen lassen. Denn manche Murder Ballads sind sehr moralistisch, vielleicht von einem christlichen Standpunkt aus geschrieben.

Ausschnitt aus der Geschichte "Caleb Meyer": Zeichnung der Vergewaltigung und des Mordes

Caleb Meyer vergewaltigt eine Frau – sie schlitzt ihm den Hals mit einer zerbrochenen Flasche auf


Was sind deine Quellen für "Murder Ballads"?
Es gibt Hunderte dieser Balladen. Das ist eine Tradition, aus der Musik der angelsächsischen Kultur nach Amerika gekommen. Und es werden noch immer Balladen geschrieben, kurze Geschichten als Lied. In der Country-, Bluegrass- und Folkmusik gibt es viele dieser Lieder. 

Für "Murder Ballads" gibt es noch eine Vorlage: Nick Caves Album von 1996.
Das ist keine Quelle für mich. Ich habe eine Geschichte von Nick Cave benutzt, weil es für meinen Verleger kommerziell interessant war. Er hat gesagt: "Vielleicht solltest du auch einen bekannten Musiker dazunehmen. Ich bin kein großer Fan von Nick Cave, aber das Album mit den Murder Ballads ist sehr gut. Ich habe mir die Lieder angeguckt und dachte, ja, damit kann ich was machen. Aber das war eine kommerzielle Entscheidung.

Ein Verlegerwunsch.
Ja, aber auch jeder andere, dem ich davon erzählte, reagierte so. "Was machst du gerade?" "Murder Ballads." "Oh! Nick Cave!" Das waren bestimmt 20 Leute. Also dachte ich: Gut, dann mach ich auch ein Lied von Nick Cave dazu.

Deine Frauenfigur in "Wild Rose" ist ganz anders als in dem Song von Nick Cave.
Ja, da ist sie langweilig.

Du drehst die Geschichte einfach um und lässt "Wild Rose" überleben.
Ja, das lässt sich auch aus dem Lied herauslesen. Wieso heißt sie denn sonst Wild Rose?

Die "New York Times" hat 1996 über Nick Caves "Murder Ballads" geschrieben "it's about more than storytelling". Hast du nun die Basics gezeichnet? Machst du jetzt das Storytelling?
"Wild Rose" ist eigentlich sehr simpel. Sie ist eine Jungfrau und sie haben Sex, das ist das Lied. Aber das ist zu langweilig, um einen Comic daraus zu machen. Also habe ich es ein bisschen vertauscht. Das ist die Lieblingsgeschichte meiner Freundin. Er ist ein Arschloch, das seinen Freund umbringt, mit dem er aus dem Gefängnis geflohen ist. Und als er in Sträflingskleidung bei ihr ankommt, weiß sie, dass er das Geld ihres Vaters klauen will. Denn vor ihm waren schon andere da, die das Geld wollten. Sie hat keine Angst, sie weiß Bescheid.

Ich glaube, Geschichten von glücklichen Leuten sind langweilig. Sobald etwas zerstört wird, hat man eine gute Geschichte.  Konflikt gibt Drama und Drama gibt eine gute Geschichte. Glückliche Leute leben lang und glücklich und Ende. 

Eine Geschichte braucht, wie Hitchcock es gesagt hat, einen MacGuffin. Ein MacGuffin ist eine Sache, die die Geschichte – zusätzlich zu den Schauspielern – ergänzt. Und dafür eignet sich ein Mord gut. Man weiß, es wird einen Mord geben, aber wie er geschieht, das ist interessant. 

Der entlaufene Sträfling und Wild Rose liegen kuschelnd im Bett

In Erik Krieks Version von "Wild Rose" stirbt am Ende nicht das Mädchen, sondern der entlaufene Sträfling

Die Geschichte habe ich etwas anders gelesen.
Das finde ich gut, dass du das sagst, denn ich habe versucht, ein bisschen locker zu lassen. Ich wollte den Lesern nicht zu viel aufdrängen. Es muss Raum für die eigene Interpretation bleiben. Auch bei "Long Black Veil" habe ich ein bisschen offen gelassen, was eigentlich geschieht. Ich habe das immer so befremdlich gefunden: Der Kerl hat kein Alibi, denn er war zur Tatzeit mit der Frau seines besten Freundes im Bett. Was für eine Freundschaft ist das eigentlich? Und der andere Kerl sieht seinen besten Freund im Gefängnis und fragt ihn nicht: "Warum bist du hier? Du bist mein Freund und kein Mörder." Nein, nein, nein, er weiß schon jahrelang, dass seine Frau mit seinem besten Freund ins Bett geht. Und er kennt seinen besten Freund so gut, dass er weiß, dass der Mord eine gute Möglichkeit ist, ihn als Schuldigen dastehen zu lassen und damit das Verhältnis zu beenden. Aber hat er den Kerl nun ermordet? Das wissen wir nicht. Es gibt keinen Beweis.

Ausschnitt aus der Geschichte "Long Black Veil", der betrogene Ehemann besucht seinen besten Freund im Gefängnis

In "Long Black Veil" besucht der betrogene Ehemann seinen "besten Freund" im Gefängnis und wittert eine Gelegenheit, diesen loszuwerden, um dessen Verhältnis zu seiner Frau zu beenden


Woher kommt der Titel deines Buches?
Ich habe einen Titel gesucht und "In the Pines" ist auch eine Mordballade, ein sehr alter Bluessong. Die Geschichte ist ein bisschen abstrakt und es existieren Hunderte Versionen von dem Lied. Sein Inhalt gibt die ganze Atmosphäre dieses Buches gut wieder. Manche kennen den Song auch von Nirvana.

Und der Rabe auf dem Cover … 
Ja, der Bote des Todes. Das Cover ist für die Verleger immer sehr wichtig. Wenn es auch noch zwei Jahre dauert, bis das Buch fertig ist, sie wollen das Cover sehen. Für die PR. Ich habe fünf oder sechs verschiedene gemacht, das Cover verkauft das Buch. Du musst alles mit einem Bild ausdrücken. 

Die erste Auflage deines Buches ist schon ausverkauft, die zweite in Arbeit. Warum ist "In the Pines" so ein Erfolg?
Ich weiß es nicht, ich bin überrascht. Ich mache das Buch nur für eine Person, für mich selber. Wenn ich es mag, gibt es auch andere Leute, die es mögen. Aber dass es so erfolgreich wird, habe ich nicht hoffen dürfen. Ich bin sehr froh darüber, aber man weiß das vorher nie.

Wolltest du eine spezielle Zielgruppe ansprechen?
Nein. Aber die Verleger fanden es alle toll. Nachdem sie die erste Geschichte gesehen hatten, wollten sie es alle kaufen. Und das inspiriert mich natürlich. Wenn es fünf Verleger gibt, die es kaufen wollen, dann kann ich arbeiten. Wenn es keiner verlegen will, dann mache ich es nicht. 

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