Schlampe mit Strassoberteil

21. Februar 2009, 15:38 Uhr

Annie Leibovitz ist die Fotografin der Promis von Demi Moore bis Michelle Obama - und wurde so selbst zu einem Star. Dass sie in Berlin ihre Lebensgefährtin Susan Sontag auf dem Totenbett zeigt, halten viele allerdings für eine Geschmacklosigkeit. Sohn David hat schon protestiert. Von Anja Lösel

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Die Künstlerin mit einem ihrer berühmtesten Fotos: Annie Leibovitz vor ihrem Bild von Demi Moore©

Sie hatte sie alle vor der Kamera: Bill Clinton, George Bush und Barack Obama. Brad Pitt, Johnny Depp und Nicole Kidman. John Lennon und die Rolling Stones. Annie Leibovitz, 59, fotografiert seit mehr als 25 Jahren für Vanity Fair, hatte Hunderte von Titelbildern. Die März-Ausgabe der US-Zeitschrift Vogue ziert eine entspannte Michelle Obama im lila Kleid, natürlich fotografiert von Annie Leibovitz.

Immer wieder brachte sie Prominente dazu, vor der Kamera ungewöhnliche Dinge zu tun. Berühmtestes Beispiel: Demi Moore mit nacktem, schwangerem Bauch. Einige ihrer Bilder sind schön und sogar witzig: Leonardo di Caprio mit Schwan um den Hals. Scarlett Johansson als Schlampe mit Strassoberteil und roten Pumps. Und natürlich die Queen, die ungewöhnlich mürrisch im Goldkleid und mit Pelz herumsteht.

Die Schönen, die Reichen, die Mächtigen

Viele ihrer Bilder sind allerdings einfach nur kühl und clever inszeniert. Perfekt, aber kalt und blutleer. Die schiere Größe lässt staunen, die glatte Oberfläche, der Glamour, der von den Stars ausgeht. Aber macht das eine Fotografin selbst zum Star? Scheint so zu sein. Am Samstag jedenfalls drängten sich 160 Journalisten, Fotografen und Fernsehteams im Berliner Postfuhramt, um die Dame Leibovitz dabei zu beobachten, wie sie durch ihre Ausstellung führt. Sie alle, wie auch Hunderte von Vernissagen-Gästen hofften wohl, selbst ein Zipfelchen Nähe zu den Schönen, Reichen und Mächtigen zu erhaschen, wenn sie der Fotografin der Stars nahe kamen.

Aber die ließ erst mal warten. Mehr als eine halbe Stunde lang. Schnell und heimlich mussten noch ein paar Bilder umgehängt werden, Leibovitz, die große Perfektionistin, war unzufrieden, die Entourage genervt. Dann endlich taucht sie auf, ganz in Schwarz, den Pullover lässig um die Hüfte gebunden. Langes, blondes Haar, prägnante Nase, herbes Gesicht. "Let’s start und make everyone happy", sagt sie mit rauer Stimme. Zwei Leibwächter bewahren sie vor allzu großer Nähe zum Pulk der Neugierigen: Bitte Abstand halten. Eine Stellwand gerät ins Schwanken, der Ansturm ist riesig, und sie scheint es zu genießen.

60 Jahre ist sie alt, bekennende Lesbe, langjährige Lebensgefährtin der Schriftstellerin Susan Sontag. Mit 51 wurde sie zum ersten Mal Mutter, dreieinhalb Jahre später ein zweites Mal mit Zwillingen. Alle drei sind Mädchen: Sarah, Susan, Samuelle. Süße Kinder in rosa und weißen Kleidchen, wie man auf einigen sehr privaten Fotos sehen kann. Gerüchte, dass der Samen von Susan Sontags Sohn stammt und dass männliche Babys schon im Reagenzglas ausgesondert wurden, sind natürlich unhaltbar.

Eine letzte, große Liebeserklärung

Durchaus haltbar aber ist die Kritik an den erschütternden Fotos, die Leibovitz von Susan Sontag machte, als die krebskrank mit dem Tode kämpfte. Auf kleinen Schwarz-Weiß-Fotos ist sie nackt in der Badewanne zu sehen, mit geschundenem Körper, im Krankenbett, nach der Chemotherapie und, schon völlig geschwächt, mit Windel. Traurig ist das, so intim, dass man es lieber nicht gesehen hätte - und doch immer wieder hinschauen muss.

Am Ende zeigt Leibovitz die Freundin auf dem Totenbett: im gefältelten Lieblingskleid, aufgedunsen, mit zerzaustem Kurzhaar und blauen Flecken am Arm von der Infusionsnadel. Hätte sie sich so ausgestellt sehen wollen?

Nein, glaubt Susan Sontags Sohn David Rieff, 56. Er findet, dass Leibovitz seine Mutter "posthum erniedrigt" habe und greift sie massiv an in seinem Buch "Swimming in a Sea of Death". Rieff, das Produkt einer kurzen, schnell erloschenen Teenagerliebe seiner Mutter, ist empört. Leibovitz hätte diese Bilder nicht öffentlich machen dürfen, viel zu intim, zu privat, zu entblößend seien sie.

Leibovitz dagegen sieht die Bilder der kranken und toten Susan Sontag als letzte große Liebeserklärung. "Ich zwang mich, Susans letzte Tage zu fotografieren", sagt sie. "Ich war wie in Trance als ich sie so daliegend fotografierte."

Jetzt ist sie stolz darauf, ihre Freundin "heim nach Berlin" gebracht zu haben. Denn: "Susan hat Berlin sehr gemocht, sie kam regelmäßig hierher. Es war ihr zweites Paris. Und das großartige Berlin von heute hätte sie bestimmt gern gesehen."

Bis zu 50 000 Besucher erwartet Stefan Erfurt vom Fotoforum c/o Berlin, der die Ausstellung nach Stationen in New York und London nun nach Deutschland gebracht hat. Leibovitz dürfte auch in Berlin ein Publikumsmagnet werden. Wer mit Hillary Clinton plaudert und Brad Pitt in Leopardenhosen steckt, der muss einfach toll sein. Einigen wir uns darauf: Sie ist einfach eine gute Fotografin. Nicht mehr und nicht weniger.

Annie Leibovitz. A Photographers Life 1990-2005, C/O Berlin, bis 17. Mai

 
 
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KOMMENTARE (3 von 3)
 
halong (16.09.2009, 17:13 Uhr)
Schade
weder der Artikel noch die Komentare haben irgendetwas mit Photographie zu tun,
zappuser (22.02.2009, 15:15 Uhr)
Nichts weiter als die reine
Selbstinszenierung einer Lesbe. Abseits jeden realen Lebens. Aber schön für unser Land - wenn so etwas gedeihen kann, geht es uns nicht schlecht - es ist noch Kraft, Energie und Geld für absolut Überflüssiges vorhanden.
MRP66 (22.02.2009, 15:03 Uhr)
Damit bleibt sie sich absolut treu..
..Themen andere Künstler zu kopieren. Dadurch ist sie immer mehr in die Kritik unter der amerikanischen Fotografengemeinde geraten. Dieses Thema, den Tod eines lieben Angehörigen zu fotografieren, wurde vom großartigen Fotografen Richard AVEDON festgehalten, der seinen Vater Jacob Israel Avedon, vom gesundheitlichen Verfall bis zu seinem Tod dokumentierte. http://www.richardavedon.com
Mich wundert es nicht besonders, das A.L. dieses Thema ebenfalls kopierte. Ausserdem fällt sie immer wieder durch mangelndem Respekt an den zu fotografierenden Menschen auf (siehe Fotoshooting von Queen Elizabeth) In der US-Szene gilt sie als overrated. Ganz oben in den USA gelten immer noch Richard Avedon und Irving Penn. Bei AL ist mehr Hype als Kunst. Ich mochte ihre Bilder noch nie.
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