Gegen die Globulisierung

19. Oktober 2012, 11:40 Uhr

Homöopathie hilft, sagen die einen. Homöopathie ist Humbug, schreiben zwei Journalisten in einem neuen Buch. Sie zeigen, wie sich die irrationale Lehre ausgebreitet hat und fordern mehr Vernunft. Von Lea Wolz

Für Homöopathie-Verfechter sind das bittere Pillen. In dem jetzt erschienenen Buch wird deutlich gezeigt, wie sie versuchen, die Debatte am Leben zu halten und gegen kritische Berichte vorzugehen. "Die Homöopathie-Lüge" gibt dabei einen guten Überblick über den aktuellen Wissensstand und die verschiedenen Mitspieler im Homöopathie-Geschäft:

  • Beispiel Carstens-Stiftung: Die Lobby-Organisation, gegründet von dem ehemaligen Bundespräsidenten und seiner Frau, pumpt mächtig Geld ins System - und sponsert etwa eine Stiftungsprofessur für Komplementärmedizin am Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Berliner Charité. Auch medizinische Fakultäten, die Homöopathie als Wahlpflichtfach anbieten, unterstützt die Carstens-Stiftung finanziell. An der Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder können Ärzte und Apotheker einen berufsbegleitenden Studiengang in Komplementärmedizin belegen, angesiedelt am Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften. Breite sich die Homöopathie an den Unis aus, werde so eine wissenschaftlich nicht erklärbare Lehre salonfähig, befürchten die Buchautoren.
  • Beispiel Deutscher Zentralverein homöopathischer Ärzte: Ziel des Vereins, der mittlerweile 4000 Mitglieder hat, ist die Verbreitung und die wissenschaftliche Erforschung der Homöopathie. Die Vorsitzende Cornelia Bajic wünscht sich sogar ein von der Regierung unterstütztes Forschungsprogramm für Homöopathie. Die Methode habe "so viel Potenzial", sagt sie stern.de. "Wir fordern, in das Gesundheitsforschungsprogramm aufgenommen zu werden, in dem die Komplementärmedizin bislang keine Rolle spielt."
  • Beispiel Ärzte: Auch unter Medizinern sind Globuli beliebt: Mindestens die Hälfte aller Ärzte setze Präparate nach den Prinzipien Hahnemanns (s. Kasten) ein, schreiben Weymayr und Heißmann. Häufig stecke dahinter auch die Enttäuschung über die konventionelle Medizin, die auf Maschinen setze, den Menschen nicht im Blick habe und Ärzten kaum Zeit lasse, auf ihre Patienten einzugehen. Homöopathen haben hier deutlich mehr Spielraum: Das Erstgespräch dauert bei ihnen mindestens eine Stunde, auch in den Folgesitzungen wird ausreichend Zeit eingeplant. Im Gegensatz zu herkömmlichen Medizinern lohnen sich für homöopathisch fortgebildete Ärzte solche langen Gesprächszeiten betriebswirtschaftlich, da sie diese abrechnen können. Die Begeisterung für die Homöopathie unter Ärzten ist daher durchaus nachvollziehbar, zeigt jedoch auch, woran das Gesundheitssystem krankt.
  • Beispiel Apotheker: Auch aus den Apotheken seien die Kügelchen mittlerweile kaum mehr wegzudenken, heißt es in dem Buch. "Die Nachfrage danach ist enorm", bestätigt Birgit Graffitti, angestellte Apothekerin in Hamburg. "Selbst wenn ein Apotheker nicht an die Wirkungen der homöopathischen Mittel glaubt, wird er sie in der Regel in seinem Sortiment führen. Mich fasziniert der Ansatz, den ganzen Menschen zu sehen." Unkritisch sieht die 46-Jährige die Homöopathie allerdings nicht. "Ich finde es gefährlich, wenn Eltern ihren Kindern gegen jede Kleinigkeit Globuli geben", sagt sie. Hier müsse man entgegenwirken. "Sonst setzt sich bei den Kindern fest, dass es gegen jedes Wehwehchen etwas zu schlucken gibt. Das kann zu einer Art Suchtverhalten führen."
  • Beispiel Krankenkassen: Viele gesetzliche Versicherungen bezahlen die homöopathische Behandlung mittlerweile, einige übernehmen sogar die Kosten für die Globuli. Das schlägt verglichen mit den Ausgaben für konventionelle Medikamente zwar nicht groß zu Buche, macht die Kasse aber für Versicherte attraktiv. "Unter den Kassen scheint sich ein Popularitätsprinzip breitgemacht zu haben: Was bekannt und beliebt ist, findet freundliche Aufnahme in den Leistungskatalog - selbst wenn eine Therapie nicht wissenschaftlich nachvollziehbar ist wie die Homöopathie", kritisieren die Autoren. Ärgerlich sei dies vor allem, da konventionelle Leistungen wie Diabetesmittel oder Blutdrucksenker nur erstattet würden, wenn der Nutzen wissenschaftlich erwiesen sei. Die Barmer GEK etwa, mit 8,7 Millionen Versicherten größte gesetzliche Krankenversicherung Deutschlands, kommt für die Anamnese, das Folgegespräch und Bestimmung der homöopathischen Mittel auf. Gegenüber stern.de räumt ein Sprecher ein, dass es "keine wissenschaftlich anerkannte Grundlage für die Homöopathie gibt". Doch: "Wir haben viele Versicherte, die sich diese alternative Behandlung wünschen. Sie berichten von positiven Erfahrungen."

Tatsächlich können viele Bundesbürger der Lehre Hahnemanns etwas abgewinnen. Jeder zweite Deutsche hat schon einmal zu homöopathischen Arzneimitteln gegriffen, ergab eine Umfrage des Allensbach-Institutes. Hinter der Sympathie für die Homöopathie steckt dabei oftmals auch eine Abneigung gegen die als kalt empfundene Gerätemedizin und der Wunsch nach Medizinern, die sich für ihre Patienten Zeit nehmen.

In diesem Punkt ließe sich aus dem Siegeszug der Homöopathie lernen, wie auch die Autoren des Buches betonen. Sie empfehlen daher, den Hokuspokus um die Kügelchen abzuschaffen - und dennoch die Anliegen der Patienten ernst zu nehmen. Zum Beispiel indem eine sprechende Medizin angemessen honoriert wird und Patientengespräche für Mediziner nicht nur dann wirtschaftlich sind, wenn sie in homöopathischen Dosen erfolgen.

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