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24. Mai 2011, 19:08 Uhr

Vorsicht ja, Panik nein!

Ehec verunsichert die Menschen. Ein Mediziner aus dem Hamburger UKE erklärt, wann Erkrankte dringend zum Arzt gehen sollten und warum Antibiotika mehr schaden als helfen.

© privat Dr. Jun Oh Der Mediziner arbeitet als Kinder-Nephrologe (Nierenspezialist für Kinder) und Oberarzt an der Universitätsklinik in Hamburg-Eppendorf.

Herr Oh, ein Ende der Ehec-Infektionen ist derzeit noch nicht abzusehen, Verbraucher sind sehr verunsichert. Wie ist die Situation in den Krankenhäusern? Kommen verstärkt Patienten zu Ihnen?

Ja, es kommen mehr Patienten zu uns. Im Moment haben wir 13 Kinder bei uns, die mit dem Vollbild des Nierenversagens und der Ehec-Infektion aufgenommen wurden. Von diesen 13 sind fünf Kinder auf der Intensivstation, neun bekommen eine Dialyse und die übrigen vier stehen noch davor.

Normalerweise sind Ehec-Bakterien Erreger, die vor allem bei Kleinkindern unter sechs Jahren Probleme bereiten. Jetzt sind vor allem Erwachsene und ältere Kinder betroffen. Woran liegt das?

Da die Ehec-Erreger über Lebensmittel übertragen werden, ist die wahrscheinlichste Erklärung, dass es sich um Nahrung handelt, die kleine Kinder noch nicht essen. Gemüse, insbesondere Salat, mag da eine Rolle spielen. Anders lässt sich das nicht erklären. Ansonsten müssten auch Kleinkinder betroffen sein.

Nun muss nicht jedes Magengrimmen Vorbote einer schweren Infektion sein. Bei welchen Symptomen sollten Betroffene aber dringend zum Arzt gehen?

Wichtig ist: Wenn der Wasserverlust aufgrund von Durchfällen oder Erbrechen so stark ist, dass die Patienten geschwächt sind, sollten Betroffene in jedem Fall einen Arzt aufzusuchen - auch unabhängig von Ehec. Blutige Durchfälle oder dunkel gefärbter Urin sind Zeichen dafür, dass die nächste Phase eingetreten ist. Spätestens dann sollten Betroffene zum Arzt gehen, damit Nieren- und Blutwerte kontrolliert werden.

Die Infektion scheint bei Erwachsenen gefährlicher zu sein als bei Kindern. Warum?

Man muss hier zwei Dinge unterscheiden: Einmal gibt es die Infektion mit Ehec-Bakterien. Sie führt zu massiven Durchfällen. Ältere Menschen können dann dehydrieren, sind geschwächt, der Kreislauf wird instabil, wie bei einer anderen schweren Infektion. Das ist der eine Punkt. Bei einem gewissen Prozentsatz dieser Patienten kommt es aber zu Komplikationen, in diesem Fall zu einem hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS), was zu Nierenversagen führen kann: Die Bakterien schütten Giftstoffe aus, was dazu führt, dass die Blutplättchen, die Thrombozyten, verklumpen. Dadurch wird die Niere für einen gewissen Zeitraum unterversorgt. Und es ist wohl so, dass sich die Nieren bei Erwachsenen schlechter erholen als bei Kindern.

Ruft der Erreger bei jedem Infizierten so heftige Symptome aus?

Nein, es gibt auch milde Verläufe. Eine Infektion kann sich sehr unterschiedlich äußern: Manche haben so gut wie keine Symptome, andere nur schwache Beschwerden, etwa vermehrte Blähungen oder leichte Bauchschmerzen - bis eben hin zu Nierenversagen. Manchmal ist die ganze Familie betroffen, ohne es zu bemerken.

Sind diese Menschen dann trotzdem ansteckend?

Ihr Stuhl ist ansteckend. Theoretisch ist auch eine Tröpfcheninfektion möglich, etwa wenn ein Infizierter einen anhustet. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist aber eher gering, da es sich in erster Linie um eine Schmierinfektion handelt. Problematisch ist zum Beispiel das Windelnwechseln, da es hier direkten Kontakt mit dem Stuhl gibt. Hier sollte man sehr vorsichtig sein, aber nicht in Panik verfallen. Die meisten Patienten erholen sich wieder gut.

Öffentlich wird vor rohem Gemüse gewarnt und zu mehr Hygiene geraten. Manche Menschen fragen sich jetzt, ob sie jetzt noch in der Kantine oder im Restaurant essen können. Was raten Sie denen?

Verzichten sollte man derzeit auf nicht-pasteurisierte Milchprodukte und rohes Fleisch. Hack, Hamburger, Rindfleisch - all das sollte gut durchgebraten sein. Wenn man nicht weiß, wie es in einer Einrichtung um die Hygiene bestellt ist, sollte man den Verzehr von frischem Salat und rohem Gemüse im Moment eher auf ein Minimum reduzieren. Ganz darauf zu verzichten finde ich schwierig, wir brauchen ja die Vitamine.

Wie schätzen Sie den weiteren Verlauf der Infektionswelle ein?

Das ist sehr schwer zu sagen. So lange die Quelle der Erkrankung nicht identifiziert ist, wird das weitergehen. Wir rechnen noch mit deutlich mehr Erkrankungen und bereiten uns entsprechend darauf vor.

Experten raten dringend davon ab, Erkrankten eigenmächtig Antibiotika zu geben. Warum?

Wir sehen das leider sehr häufig, dass Eltern ihren Kindern vorsorglich Antibiotika verabreichen, weil sie noch welches zu Hause haben. Das ist wie ein Reflex. In diesem Fall wäre das alles andere als hilfreich, im Gegenteil: In dem Moment, in dem die Keime mit dem Antibiotikum in Kontakt kommen, sterben sie und schütten unkontrolliert alle Giftstoffe aus, die sie sonst gezielt freisetzen würden. Dadurch würden sich die klinischen Symptome deutlich verschlechtern.

Interview: Sonja Popovic
 
 
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