Die menschliche Vermehrung macht so viel Spaß, dass uns kaum bewusst wird, wie kompliziert sie ist. Gehirn, Hormone, Geschlechtsorgane und Psyche müssen zusammenwirken, damit wir begehren und Nachwuchs bekommen.

© Christian von Alvensleben
Tristan und Isolde. Romeo und Julia. 007 und die Bond-Girls. Die Welt ist voller Geschichten, in denen Begehrende ihr Leben aufs Spiel setzen, Regeln und Gesetze brechen oder gar Gefahr laufen, die Rettung der Welt zu verpatzen. Weil sie wider alle Vernunft nicht voneinander lassen können - die erotische Anziehung ist stärker.
Und die magnetische Kraft der Sexualität ist kein Privileg der Menschen. Eine männliche Ratte wird ohne Umwege ein elektrisch geladenes Gitter überqueren und schmerzhafte Stromstöße in Kauf nehmen, wenn auf der anderen Seite ein paarungsbereites Weibchen wartet. Was kann einen so unwiderstehlichen Drang auslösen?
Auch wenn eine Redensart suggeriert, der sexuell erregte Mann denke mit dem einschlägigen Organ: Alles Begehren entsteht im Kopf. In den vergangenen Jahren haben Hirnforscher die Schaltzentrale der Lust im Hypothalamus geortet, einer Region tief im Inneren des Gehirns. Sie ist es, die als oberste Instanz die Produktion der Geschlechtshormone reguliert. Das wichtigste männliche, Testosteron, wird in den Hoden gebildet, während die Östrogene der Frau in den Eierstöcken entstehen. Testosteron hat großen Einfluss auf den Geschlechtstrieb - übrigens auch bei Frauen, wo es sich, in weit geringeren Mengen, etwa in der Nebennierenrinde bildet. Allerdings sind die Zusammenhänge verwickelt, die Formel "mehr Testosteron = mehr Lust" geht nicht immer auf.
Die Sexualhormone wirken auf den Hypothalamus zurück, der mit Andockstationen für diese Botenstoffe gespickt ist. Bestimmte Regionen des Hirnteils scheinen für spezielle Aspekte der Lust zuständig zu sein. Bei Männern ist etwa das so genannte mediale präoptische Areal entscheidend für das sexuelle Begehren. Wird es zerstört, verlieren die Herren der Schöpfung sämtliches Interesse an Geschlechtspartnern - nicht jedoch den Spaß am Sex. Männliche Affen, denen Forscher das präoptische Areal entfernten, empfanden immer noch sichtliches Vergnügen daran, sich selbst zu befriedigen. Offensichtlich registriert dieses Nervenbündel erotische Reize, die von potenziellen Partnern ausgehen, und setzt sie in Botschaften an andere Regionen unter der Schädeldecke um: Der Hirnstamm gibt den Befehl zur Erektion, dieser wird durch das Rückenmark hinabgeleitet und - meist - vom Penis befolgt.
Auch wenn das männliche Geschlechtsteil in vielen Kulturen einen gewaltigen Nimbus hat, ist es im Grunde eine äußerst simple Konstruktion: Im Normalzustand drücken ringförmige Muskeln die Arterien zusammen und drosseln so den Blutfluss in die drei Schwellkörper des Glieds. Sexuelle Erregung geht deshalb paradoxerweise erst einmal mit Entspannung einher: Die Muskelringe lockern ihren Zugriff, und das schwammartige Gewebe füllt sich mit Blut, das über eng gestellte Venen nicht abfließen kann. Medikamente wie Viagra blockieren ein Enzym, das der Muskelentspannung entgegenwirkt, und sorgen so für ausreichenden Blutdruck im Penis.
Weibliche Sexualität funktioniert anders. Im Hypothalamus von Frauen spielt der so genannte ventromediale Kern die Schlüsselrolle. Unter dem Einfluss von Östrogen scheint dieser Hirnteil Frauen empfänglich für erotische Annäherungen zu machen. In Momenten der Erregung fließt dann mehr Blut in die Geschlechtsorgane und lässt die Klitoris anschwellen - die neben dem geheimnisumwitterten und nie verlässlich lokalisierten "G-Punkt" in der Vagina als das Lustzentrum des weiblichen Genitalapparats gilt. Erst 1998 entdeckte die australische Anatomin Helen O'Donnell, dass die Klitoris mehr als doppelt so groß ist wie bis dahin angenommen: Sie reicht etwa neun Zentimeter in den Körper hinein und enthält mehr Schwellgewebe als der männliche Penis.