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26. Juli 2009, 19:59 Uhr

Die Kreissäge im Ohr

Zischen, Pfeifen, Kreischen - Millionen Deutsche leben ständig mit zermürbenden Ohrgeräuschen. Nach einer Untersuchung ist jeder Vierte von Tinnitus betroffen. Heilung ist sehr selten, doch es gibt ein Mittel gegen den Terror im Kopf: weghören lernen. Von Helen Bömelburg und Katharina Kluin

Ohrgeräusche, Tinnitus, Dauerton, Hörsturz, Gehör, HNO-Arzt, Hörminderung, Hirntumor

Pfeifen, Zischen, Kreischen - jeder vierte Deutsche leidet unter Tinnitus© Colourbox

Du hast mich überfallen, bist ungefragt in mein Leben eingedrungen. Keiner wollte Dich, ich auch nicht. Du bleibst, obwohl Du weißt, dass Du unerwünscht bist", schreibt Wolfgang Bremer*. "Und Du gefällst Dir darin, immer dann über mich herzufallen, wenn ich schwach bin. Du benimmst Dich wie ein Terrorist oder Partisane, Du versteckst Dich in mir und schlägst heimtückisch zu."

Der "Brief an den Tinnitus", den Wolfgang Bremer, 58, in der Klinik verfasst, ist wütend, doch selbstbewusst, eine Abrechnung. Schon als er über den richtigen Auftakt für seinen Brief nachdenkt, stellt er fest: "Eine gute Anrede wäre sicherlich 'Ey, Du blöder Arsch'." Aber auf dieses Niveau möchte Bremer sich nicht herablassen. Und so macht er ihn klein, den Tinnitus, den Feind in ihm, der noch vor Kurzem so mächtig war, dass er ihn zwang, einen Schlussstrich unter sein bisheriges Leben zu ziehen. "Er ist doch gerade mal drei Jahre alt geworden", denkt er und schreibt: "Hi Tinnitus!"

Das Rauschen, das Wolfgang Bremer nach einem Hörsturz im Mai 2006 in den Ohren hat, klingt wie ein voll aufgedrehter Wasserhahn. Seit einem Klinikaufenthalt hat er auch bessere Tage, dann findet er: fast wie das Meer. Andere Tinnituspatienten hören Grillen zirpen, Fernseher fiepsen, Stromleitungen brummen, Züge bremsen oder Sägen kreischen.

Sehnsucht nach Stille

Laut einer Untersuchung der Deutschen Tinnitus Liga kennt jeder vierte Deutsche Ohrgeräusche wie diese. Teenies, junge Eltern, Rentner - quer durch die Generationen kann es jeden treffen.

Bei vielen bleibt der Dauerton nur einige Sekunden oder Minuten, manchmal Stunden oder Tage. Doch gut die Hälfte behält das Geräusch. Die Mehrheit der Betroffenen lernt, den Tinnitus mit der Zeit zu überhören oder sich von ihm zumindest nicht allzu sehr aus der Ruhe bringen zu lassen. Von Zeit zu Zeit aber drängt er sich ins Bewusstsein, abends vor dem Schlafen oder sonntags beim Spazieren, und weckt eine tiefe Sehnsucht nach Stille. Eine Sehnsucht, die für mehr als vier Millionen Geplagte zum alles beherrschenden Thema wird. Diesen Patienten gelingt es nicht, den Dauerkrach aus ihrer Wahrnehmung zu verdrängen. Er raubt ihnen den Schlaf, die Konzentration und manchmal sogar den Lebensmut.

So rutschte auch der Mediziner Wolfgang Bremer immer tiefer in den Abgrund. Der hatte sich ganz plötzlich vor ihm aufgetan, mit einem Hörsturz bei einer Party. Von jetzt auf gleich ließ er allen Smalltalk in gewaltigem Rauschen untergehen. Auf dem linken Ohr war Bremer zunächst völlig taub. Zwar kam das Gehör wieder, das Geräusch aber blieb. "Ich konnte nicht mehr einschlafen, war tagsüber völlig überanstrengt und überempfindlich, in Gesprächen mit meinen Patienten wäre ich manchmal gern aus dem Raum gestürmt - am liebsten in eine Wüste, wo es keinen Laut mehr gibt."

Jahrtausendealtes Leiden

Doch vor dem Tinnitus gibt es kein Weglaufen. Die Medizin kennt keinen Knopf, mit dem man ihn einfach abstellen könnte. Dabei sucht sie ihn seit je: Die alten Ägypter legten den Gequälten Schilfhalm-Trichter ans Ohr und gossen eine Mixtur aus Kräutern, Säften und Ölen hinein. Auch der griechische Arzt Hippokrates erwähnt die Ohrgeräusche in seinen Schriften, Platon nannte sein Ohrensausen "kosmische Musik". Luther, Beethoven und Smetana litten unter Tinnitus.

Die Ursache des chronischen Ohrdröhnens blieb jahrtausendelang ein Rätsel. Doch seit etwa zehn Jahren ergibt sich aus den Ergebnissen der Forschung ein genaueres Bild. Und das zeigt, wie sehr der Patient sein Tinnituserleben beeinflusst - wenn ihm jemand helfen kann, dann wohl vor allem er selbst.

Ohrgeräusche, Tinnitus, Dauerton, Hörsturz, Gehör, HNO-Arzt, Hörminderung, Hirntumor

Bremsender Zug: Jana Capone, 27, überraschte der Ton, als sie nach einem langen Arbeitstag nach Hause radelte. "Das geht vorüber", dachte sie. Doch am nächsten Morgen war ihr linkes Ohr taub - und das Kreischen blieb© Alfred Steffen

Offenbar funktionieren bei denjenigen, die von ihrem Ohrgeräusch weitgehend unbeeinträchtigt leben, die Wahrnehmungsfilter gut. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich auf andere Geräusche und Sinneseindrücke. Und exakt das gelingt schwerer leidenden Tinnituspatienten nicht. Der Krach im Kopf wird ihnen zum Dauerreiz, der jeden anderen Eindruck verdrängt. "Gerade, wenn man zur Ruhe kommen könnte, dann ist keine Stille da!", sagt Marianne Felden*, die schon seit 16 Jahren mit dem Dauerton lebt. In den letzten Jahren hat sich ihr Tinnitus noch verstärkt: "Mittlerweile vibriert mein ganzer Hinterkopf. Neu ist ein Geräusch, als wäre ich unter Wasser oder wie kurz vor einer Ohnmacht, wenn das Blut im Kopf pocht." Der Tinnitus greift tief in ihre Empfindungen ein. So klingt der jungen Mutter die hohe Kleinkindstimme ihres dreijährigen Sohns manchmal unangenehm in den Ohren, als höre sie einen Widerhall. "Seine Stimme trifft offenbar eine bestimmte Frequenz, die ohnehin schon überlastet ist", sagt Felden. An solchen Tagen fühlt sie sich völlig überreizt.

Ursachen des Dauergeräusches

Das Geräusch selbst ist jedoch entgegen dem geläufigen Gemeinplatz von der "Stresskrankheit Tinnitus" keine eigenständige Erkrankung. Zwar kann seelische Belastung den nervenden Reiz verstärken, ihn weiter ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. "Doch der Tinnitus ist immer nur ein Symptom", sagt Gerhard Hesse, Leiter der Tinnitus-Klinik in Bad Arolsen. Symptom eines Schadens in den Hörbahnen, der den Patienten meist nicht nur schlechter hören lässt, sondern auch das Sirren, Klingeln, Rasseln zur Folge haben kann (siehe Infografik S. 54). Dafür gibt es verschiedene Ursachen: Entzündungen, Lärmschäden, Fehlbildungen, Bluthochdruck oder - sehr selten jedoch - ein Tumor.

Der lärmende Quälgeist sitzt nicht nur in den Ohren, sondern vor allem zwischen ihnen, im Gehirn. Dort, an ganz unterschiedlichen Stationen der Hörverarbeitung, haben Hirnforscher Hinweise auf verstärkte Aktivität und strukturelle Veränderungen gefunden. Offenbar reagiert das Gehirn sehr umtriebig auf Hörschäden: mit dem Umbau von Nervenverknüpfungen und der Neuverteilung jener Aufgaben, die von den schadhaften Bereichen nicht mehr erfüllt werden können.

Einige Areale erzeugen dann zuweilen Phantomtöne. Und zwar auf jenen Frequenzen, auf denen wegen des lädierten Gehörs keine Reize mehr einlaufen - wie bei Amputierten, deren Gehirn weiter Schmerz in abgetrennte Gliedmaßen projiziert. Gestützt werden die Beobachtungen der Hirnforscher durch die Untersuchungen von HNO-Ärzten: Fast immer liegt der Tinnitus des Patienten auf derselben Schallfrequenz, auf der auch sein Hören nachgelassen hat.

Eine Frage der Wahrnehmung

Doch scheint das Gehirn nach einem Gehörschaden nicht nur nervende Töne zu simulieren. Es schaltet auch noch einen Verstärker ein, der diese fantasierten Geräusche viel dominanter macht, als sie sein sollten. Es ist, als horche das Gehirn in sich hinein: Fallen Signale aus, erhöhen die Hörzentren genau auf dieser Frequenz ihre Aktivität, um aus dem Rest möglichst viel herauszuholen. Sie verstärken so ausgerechnet den Tinnitus.

Zum echten Nervtöter aber wird das Geräusch erst, wenn es ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Das muss es nicht zwangsläufig. Der Misston liegt - objektiv gemessen - nie mehr als fünf bis zehn Dezibel über der Wahrnehmungsschwelle. Diese Lautstärke entspricht dem Rascheln von Papier oder dem Surren eines Computers. Einem Tinnituspatienten kann das Geräusch jedoch so laut erscheinen wie ein vorbeiratternder Güterzug.

Name von der Redaktion geändert

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Ausgabe 30/2009

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