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15. Januar 2011, 19:15 Uhr

Warum uns Veränderungen so schwerfallen

Wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Halten an Beziehungen und Bedingungen fest, auch wenn sie uns schaden. Den Sprung ins Unbekannte wagen wir nur ungern. Was uns hilft, das Loslassen zu lernen. Von Corinna Schöps

Psychologie, Bindung, Beziehung, Lebensabschnitt, Alltag, Veränderung, Ehe

Der Wunsch nach Routine, Verlässlichkeit und Ritualen lässt uns oft an einer vertrauten Umgebung festhalten - selbst wenn wir uns nicht wohlfühlen© Colourbox

Ein Jahr liegt vor uns wie ein weites, unbeschrittenes Feld. Herrlich! Neuer Raum, um Schönes zu entdecken, reichlich Zeit, um Hemmnisse hinter uns zu lassen, uns von Altlasten zu befreien, abzuschütteln, was uns bedrückt und blockiert. Loszulassen, das verspricht Erleichterung. Loszulassen, das fühlt sich aber auch schwer an. Schließlich haben wir oft gute Gründe dafür, an einer schwierigen Beziehung, einem belastenden Job, einer missliebigen Gewohnheit weiter festzuhalten.

Manchmal wissen wir genau, dass ein Neustart uns guttäte. Doch in dem Moment, in dem die Bahn frei ist, mischen sich beklemmende Empfindungen in den Gedanken an Abschied und Neubeginn - und wir lassen dann doch den Fuß auf der Bremse. Viele unserer schönen Pläne und guten Vorsätze bleiben auf der Strecke, weil wir Gewohntes nicht loslassen können. Doch warum ist das so? Weshalb beflügelt uns der Wunsch nach Veränderung, die Chance, uns zu entwickeln, nicht einfach nur? Was geht in uns vor, wenn wir auf kippeligem Grat stehen und unsicher sind: gehen oder bleiben? Etwas riskieren oder festhalten am Erprobten?

"Anklammern ist unsere Natur"

Psychologen, Psychiater und Neurobiologen wissen heute recht genau, warum es sich mitunter so bedrohlich anfühlt, etwas zu beenden. Und auch, wie es dennoch gut gelingen kann. Zentrale Faktoren sind Eigenarten unseres Gehirns, unsere Urängste und unser mächtiger Wunsch nach Bindung. "Anklammern ist unsere Natur", sagt Katharina Ley, Psychoanalytikerin und Soziologin aus Bern, "Loslassen müssen wir dagegen erst lernen." Denn am Beginn unseres Lebens ist Bindung unverzichtbar. "Ein Baby greift nach unserem Finger, nach unserem Gesicht, schmiegt sich an." Losgelöst würde es in den sicheren Tod treiben.

Der Akt des Loslassens enthält immer auch unwägbare Komponenten. Weil Sicherheit ein biologisch verankertes Grundbedürfnis ist, löst Unsicherheit bei der großen Mehrheit der Menschen Unbehagen oder Angst aus. Ein Kind sucht in solchen Momenten stets Schutz, Körper- oder wenigstens Blickkontakt zu den Eltern oder einer anderen Bindungsperson. Bei Erwachsenen sind die Reaktionen oft nicht mehr so offensichtlich, aber im Grunde ändert sich nicht viel: "Wann immer im Leben Angst auftaucht, aktiviert das unser Bindungssystem", sagt der Münchner Psychiater und Bindungsforscher Karl Heinz Brisch. Das heißt, wenn wir auf dem Sprung zu etwas Neuem sind, brauchen wir erst recht das Gefühl, gebunden zu sein.

Daher rühren Rituale wie die große Abschiedsparty vor der Weltreise oder die letzte Kneipentour mit den Freundinnen vor der Hochzeit. So versichern wir uns der Unterstützung durch Sippe oder Freunde. Eine Besonderheit unseres Gehirns verstärkt unsere Neigung, in gewohnter Gesellschaft zu bleiben: Nichts ist anstrengender für das Denkorgan, als herauszubekommen, was ein Gegenüber von uns will, zumal ein fremdes. Neues zu verarbeiten verschlingt im Hirn große Mengen Zucker und Sauerstoff. Wann immer es mit solchen komplexen Aufgaben konfrontiert ist, versucht es, Energie zu sparen.

Gehirneigener Bonus

Dazu wandelt es alles Tun so schnell wie möglich in Routinehandlungen um. Denn im Vergleich zur Ressourcen fressenden Großhirnrinde sind die darunter liegenden Basalganglien, die über 90 Prozent unserer Alltagshandlungen steuern, extrem sparsam. Wenn wir brav Automatisiertes ausführen - vom Gehen übers Teekochen bis zum morgendlichen Gruß an die Kollegen -, belohnt uns das Gehirn: Es schüttet körpereigene Opiate, also Wohlfühldrogen, aus. Dies ist ein zentraler Grund dafür, warum uns Gewohnheiten wahrhaft lieb sind.

"Der Leidensdruck muss schon erheblich sein, um sich auf Fremdes einzulassen", sagt der Bremer Neurobiologe Gerhard Roth. "Die meisten Menschen kämpfen dann nicht nur mit der Angst vor Neuem, sondern gleichzeitig mit dem Verzicht auf den gewaltigen gehirneigenen Bonus." Es kann sogar noch ein ordentlicher Malus obendrauf kommen: Das Gefühl von Wert- und Haltlosigkeit bei einschneidenden Veränderungen wie dem Verlust des Arbeitsplatzes oder beim Scheitern der Ehe aktiviert die gleichen Areale im Gehirn wie körperlicher Schmerz. In beiden Fällen wird ein Botenstoff ausgeschüttet, den Forscher auch Substanz P nennen; der Buchstabe steht für das englische Wort pain - Schmerz.

Wunsch nach Routine und Verlässlichkeit

Wer sich verändern möchte, schlägt sich also sowohl mit unseren evolutionär tief verwurzelten Bindungswünschen herum als auch mit den mehr oder weniger ausgeprägten Widerständen seines Gehirns. Allerdings bremst das nicht alle gleichermaßen. Eine Minderheit von rund 20 Prozent der Menschen hat genetisch bedingt mehr Spaß am Neuen. Forscher nennen sie "Sensation seakers" - das heißt, sie suchen Aufregung und sind auf den Kick aus. Extremere Exemplare dieses Typus finden ihn in Glücksspielen und riskanten Sportarten, eine mildere Form dieser Genvariante treibt Menschen an, die von anderen als offen und neugierig wahrgenommen werden und viel wissen wollen.

Der 80-Prozent-Mehrheit der Menschen ist der Wunsch nach Routine, Verlässlichkeit und Ritualen deutlich ausgeprägter in die Wiege gelegt. Sie halten oft selbst dann noch stur an einer vertrauten Umgebung fest, wenn es ihnen dort ziemlich schlecht geht.

Erste Bindungserfahrungen

Sowohl die Angst vor dem Unbekannten als auch die vor möglichen Verlusten hat schließlich eine Berechtigung. Denn wer weiß, ob es wirklich besser wird? Nur der, der den Sprung tatsächlich gewagt hat. "Das Beflügelnde, die Morgenröte, erscheint erst, wenn das Neue richtig da ist", sagt Katharina Ley. Also dann, wenn wir schon mitten in einer neuen Aufgabe stecken oder dabei sind, uns nach einer Trennung neu zu verlieben. Dann wirkt der beschützende Zauber, der jedem Anfang innewohnt, wie es Hermann Hesse in seinem Gedicht "Stufen" so treffend beschrieben hat.

Wie stark die Ängste ausfallen, die wir auf dem Weg dahin zu überwinden haben, hängt aber nicht nur von den beschriebenen angeborenen Faktoren ab, sondern zu einem großen Teil auch von unseren Lebenserfahrungen. Etwa denen, die wir bei früheren Trennungen von geliebten Menschen, von einer Stadt, von einer vertrauten Tätigkeit gesammelt haben. Verliefen sie traumatisch, fürchten wir umso mehr das Elend, das mit einer Wiederholung verbunden sein könnte. Die offenbar wirkmächtigste Basis für die Fähigkeit loszulassen bilden unsere ersten Bindungserfahrungen als Baby. Der psychologische Mechanismus, der dort zum Tragen kommt, mutet paradox an: Je sicherer und geschützter sich ein Kind in dieser frühen Lebensphase fühlt, desto leichter fallen ihm die sinnvollen und notwendigen Ablösungsprozesse. Die Psychologin Mary Ainsworth und der Kinderpsychiater John Bowlby haben in ihrer Bindungstheorie verschiedene Typen beschrieben, die sich je nach Kinderstube herausbilden.

Reagieren die Großen feinfühlig und angemessen auf die Bedürfnisse des Kleinen, sprechen die Wissenschaftler von einem sicher gebundenen Kind. Es entwickelt ein stabiles Urvertrauen - und kann sich sorglos auf den eigenen Weg machen. Ein solches Kind tröstet und wärmt sich zwischendurch schnell bei Mama, Papa, Oma und zischt dann wieder los, um die Welt zu erkunden. "Bindung und Neugier sind gekoppelt, das eine geht nicht ohne das andere", sagt Karl Heinz Brisch: "Beide sind überlebenswichtig, und zu viel Angst ist dabei hinderlich, denn sie stoppt das -Erforschen von Neuem." Die frühen Erfahrungen sind so zentral, dass sie sogar die Aktivität jener Gene beeinflussen, die unsere Stressverarbeitung prägen. Als Erwachsene können sich die besonders Bindungssicheren schneller wieder abregen, wenn sie in ängstliche Stimmungen geraten, etwa vor Herausforderungen. Bei ihnen verläuft die Stressachse in ruhigeren Bahnen.

Übernommen aus ... GesundLeben GesundLeben
Ausgabe 01/2011
zum Heft

Seite 1: Warum uns Veränderungen so schwerfallen
Seite 2: Bindungssystem bleibt offen für Neues
 
 
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