Herzdruckmassage statt Atemspende

19. Oktober 2010, 16:29 Uhr

Schnelles Eingreifen kann bei Herz-Kreislauf-Stillstand über Leben und Tod entscheiden. Doch oftmals wenden Ersthelfer wiederbelebende Maßnahmen zu zögerlich oder gar nicht an - aus Angst oder Unkenntnis. Neue, einfachere Leitlinien sollen helfen. Von Tanja Eisenach

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Nach den neuen Leitlinien zur Wiederbelebung gilt: Herzdruckmassage kommt zuerst©

Starke Schmerzen in der Brust kombiniert mit kaltem Schweiß, Atemnot oder Übelkeit sind typische Anzeichen für einen drohenden Herzinfarkt. Nicht immer schafft es der Patient, noch rechtzeitig Hilfe zu holen. Denn schon nach wenigen Minuten ohne Behandlung kommt es zur Bewusstlosigkeit, schließlich zum Herz-Kreislauf-Stillstand.

Jetzt sind die sogenannten Notfallzeugen gefragt. Menschen, die vor Ort sind und die Situation beobachtet haben. Von ihnen hängt das Leben des Kollabierten ab. Jede Minute, die ohne Ersthelfermaßnahmen verstreicht, verringert die Chance, den Patienten erfolgreich und ohne bleibende Schäden wiederbeleben zu können. Denn bereits nach fünf Minuten ohne Sauerstoff nimmt das Hirn Schaden.

Sofort mit Herzdruckmassage beginnen

Schnelle Hilfe ist also notwendig, doch viele Laien schreiten zu zögerlich ein. Sie werden panisch, haben Angst, etwas falsch zumachen oder wissen nicht, was sie tun sollen. Das hat fatale Folgen. Rund 500.000 Menschen erleiden jedes Jahr in Europa einen plötzlichen Herztod. Bis zu 100.000 Leben könnten gerettet werden, wenn die Erste Hilfe besser funktionieren würde, heißt es beim Europäischen Rat für Wiederbelebung (European Resuscitation Council, ERC). Gemeinsam mit der American Heart Association und dem International Liaison Committee on Resuscitation hat er neue, einfachere Leitlinien zur Wiederbelebung entwickelt. Sie gelten unter anderem in Europa, Nordamerika und Australien. Herzdruckmassage gilt demnach als wichtigste Erste-Hilfe-Maßnahme.

Wer einen leblosen Menschen findet, sollte daher vor allem eines tun: "Ruhig bleiben und und wenn möglich jemanden zu Hilfe holen, der den Notruf absetzen und bei der Reanimation unterstützen kann", rät Burkhard Dirks, Notfallmediziner an der Universitätsklinik Ulm und Vorsitzender des Deutschen Rats für Wiederbelebung. "Der Notfallzeuge selbst muss dann sofort mit der Wiederbelebung beginnen." Statt der bisherigen ABC-Regel für "Airway" (Atemwege freimachen), "Breathing" (Beatmung) und "Chest compressions" (Herzdruckmassage) gilt also nun die Reihenfolge C-A-B. Helfer, die in der Wiederbelebung ausgebildet sind, können die Herzdruckmassage mit der Mund-zu-Mund- oder Mund-zu-Nase-Beatmung kombinieren. Auf 30 Kompressionen folgen hierbei zwei Beatmungen. Wer unsicher ist, sollte sich auf die Herzdruckmassage konzentrieren.

Diese könne auch von Laien gefahrlos angewandt werden, so Notfallmediziner Dirks. Der Helfer muss dabei in der Mitte des Brustkorbs mindestens fünf Zentimeter tief drücken und die Bewegung mindestens 100 Mal pro Minute wiederholen. Wichtig ist: Kräftig drücken und nicht unterbrechen.

Dies macht man so lange, bis der Notarzt eintrifft - was im Schnitt sieben Minuten dauert und auch den Ersthelfer an den Rand seiner Kräfte bringen kann, sagt Dirks. "Herzdruckmassage ist körperlich sehr anstrengend. Das hält ein Mensch allein kaum durch bis professionelle Hilfe kommt." Deshalb sei es wichtig, sich weitere Helfer zu suchen, mit denen man sich abwechseln kann.

Wirksamstes Mittel für Laien

Die neuen Leitlinien empfehlen außerdem den Einsatz eines Defibrillators, da dieser einfach anzuwenden und mittlerweile an vielen Orten öffentlich zugänglich ist. Auch hier gilt allerdings: Die Herzdruckmassage darf nicht unterbrochen werden. Ist der Ersthelfer allein beim Kollabierten, sollte er sich ausschließlich um ihn kümmern.

Mit den neuen Leitlinien greifen die Fachgesellschaften auch den aktuellen Wissensstand auf, demzufolge die Herzdruckmassage bei der Wiederbelebung das wirksamste Mittel für Laien ist. Erst vor kurzem haben Mediziner der Universität Wien drei Studien mit insgesamt 3700 Patienten mit Herzstillstand analysiert. Demnach gab es mehr Überlebende, wenn Laienhelfer nach dem Notruf von der Rettungsleitstelle angewiesen wurden, gleich mit der Herzdruckmassage zu beginnen und auf die Beatmung zu verzichten.

In Deutschland werden pro Tag rund 400 Menschen außerhalb von Krankenhäusern wiederbelebt - doch nur jeder Zehnte bleibt auch tatsächlich am Leben. Beginnen umstehende Laien aber bereits mit der Wiederbelebung, bevor der Rettungsdienst eintrifft, steigt die Überlebenschance des Patienten um das Zweieinhalbfache. Wichtig ist daher vor allem, dass die Ersthelfer handeln. Denn bei aller Angst, Fehler zu machen, ist eines am schlimmsten: nichts tun.

 
 
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