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Wege zur Ent-Faltung

In der zweiten Lebenshälfte fühlt sich mancher besser, als er aussieht. Doch Kosmetik und Medizin können helfen, das Äußere wieder mit dem inneren Lebensgefühl in Einklang zu bringen.

Wer schön und fit sein will, muss etwas dafür tun: Silke Wich mit ihrer Yogalehrerin© Edgar Rodtmann + Jens Neumann

Der schlanke Körper steckt in einem Sommerkleid, das die goldbraunen Beine zum Blickfang macht. Sie wirkt mädchenhaft mit dem langen, lässig hochgebundenen Haar und nur wenig Make-up im glatten Gesicht. Silke Wich aus Berlin ist eine attraktive Frau. Für den Erhalt der schönen Fassade investiert die 44-Jährige regelmäßig Zeit, Geld und Energie. "Ich nehme lieber ein paar Schuhe weniger und lasse mir dafür die Falten wegmachen", sagt sie. "An dem Punkt, dass ich der Natur ihren Lauf lasse, bin ich noch nicht."

Dass jenseits der 40 die Geburtstagstorte immer mehr einem Fackelzug gleicht, ließe sich noch verkraften. Doch mit zunehmendem Alter gehen Frauen wie Männern auch ein paar andere Lichter auf. Sie merken: Ihre Haut wird dünner. Faltiger. Die Haare verlieren Glanz und Pigmentierung, vor allem Männern droht ein durch genetische Faktoren mit bedingter Haarausfall. Durch die verminderte Bildung von Sexualhormonen und eine Erlahmung des Stoffwechsels nimmt die Muskelmasse ab, die Fettmasse wächst. Der Fettanteil des Körpers steigt beim Durchschnittsmann zwischen dem 25. und 65. Lebensjahr von rund 15 auf etwa 30 Prozent. Auch die Topografie der Rundungen ändert sich: Bei Männern wachsen die Polster vorwiegend am Bauch, bei Frauen an Hüften und Oberschenkeln.

All das ist kein Grund zur Panik. Zumal sich viele lange attraktiver fühlen, als sie aussehen. Die 52-jährige kaufmännische Angestellte Gabriele Kaschner sagt: "Als junge Frau war mir meine Wirkung auf andere gar nicht bewusst. Das hat sich total geändert. Früher bin ich trutschig rumgelaufen, heute habe ich meinen Stil gefunden und traue mich, Sachen zu tragen, die jugendlich und originell sind." Sie lacht gern und laut. Auch über sich selbst. "Im Kopf bin ich keinen Tag älter als 29. Wenn ich mich dann beim Einkaufsbummel zufällig im Schaufensterglas sehe, denke ich manchmal verwundert: Wer ist die alte Frau?" Gabriele Kaschner akzeptiert die Fältchen um die Augen, "die habe ich mir schließlich sauer verdient". Aber muss man mit 52 eine Zornesfalte über der Nasenwurzel haben? Und Schlupflider?

Effektive Waffen im Anti-Falten-Krieg

Vor 20, 30 Jahren hätten sich solche Fragen allenfalls Hollywoodstars gestellt. Aber die Zeiten haben sich geändert. Heute verfügt die Schönheitsindustrie neben sinnlosen, überflüssigen und riskanten Therapien tatsächlich auch über effektive Waffen im Anti-Falten-Krieg. Und warum sollte man Doppelkinn und Hängebäckchen ertragen, wenn das physische Verwelken mit Skalpell, Spritze oder Peeling aufzuhalten ist? Gabriele Kaschner jedenfalls verzichtete auf Urlaub, gönnte sich eine Faltenbehandlung mit Botulinumtoxin und ließ sich für 1900 Euro die Oberlider operieren. "Es geht doch darum, dass ich zu mir selber passe."

Das scheinen sich immer mehr Frauen - und auch Männer - zu sagen. Die Deutsche Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie meldet von Jahr zu Jahr steigende Patientenzahlen und geht inzwischen von jährlich knapp einer Million Eingriffen aus. Angeführt wird die Therapie-Hitliste von Faltenunterspritzungen mit Füllmaterialien wie Hyaluronsäure (180.000) und Laser- und Botulinumtoxin-Behandlungen (180.000/170.000) im Gesicht, gefolgt von Fettabsaugungen (80.000) und Augenlidstraffungen (40.000).

Dass jährlich höchstens etwa 6000 Gesichter geliftet werden, zeigt allerdings, dass die Deutschen den Kampf gegen das Altern möglichst nicht als glatt gezogene Zombies aufnehmen wollen. So sind "ein paar Fältchen an der richtigen Stelle" auch für Silke Wich in Ordnung, bloß will sie nicht müde und grimmig aussehen. Und lässt sich deshalb regelmäßig Botulinumtoxin spritzen. "Wenn man mit relativ wenig Aufwand und Schmerz einen überzeugenden Effekt erzielen kann, bin ich sofort dabei."

"Die Haut einer 20-Jährigen kriegt man nicht hin"

"Eigentlich sind fast alle, die zu mir kommen, vernünftig und haben realistische Erwartungen", sagt die Hamburger Fachärztin für Ästhetisch-Plastische Chirurgie Regina Wagner. In ihrer Praxis stellt die Generation 40+ die größte Altersgruppe. Regina Wagner befreit Frauen vom "Winkfleisch" an den Oberarmen, strafft ausgelaugte Brustschläuche von Mehrfachmüttern, saugt Führungskräften Fett ab. "In dieser Altersgruppe füllt sich durch die Hormonumstellung häufig die Taille auf. Nach der Behandlung kann man plötzlich die taillierte Jacke wieder zuknöpfen, und auch die Unterwäsche schnürt nicht mehr so ein. Man darf allerdings nicht die Haut einer 20-Jährigen erwarten. Das kriegt man nicht mehr hin."

Ganz oben auf der Wunschliste ihrer Patienten: Faltenbehandlung und Augenlidkorrekturen. Drei Oberlider pro Tag sind fast schon Routine. "Die Korrektur des Augenlids ist ein sinnvoller Eingriff ", sagt die Ärztin. "Danach ist der Blick wieder klar und geöffnet. Die Frauen müssen sich nicht mit verlaufendem Lidschatten herumplagen, und die Narbe verschwindet in der Lidfalte." Aber auch Menschen ohne Schminkprobleme kommen. In Wagners Praxis ist die Zahl der Männer um die 50 in den vergangenen Jahren stark gestiegen. "Vor allem wenn sie in führenden Positionen sind, wächst offenbar der Druck, attraktiv und fit auszusehen. Die jungen Kollegen stehen vor der Tür, da wollen sie mithalten."

Damit das Gesicht wieder als Visitenkarte taugt, begutachtet die Fachfrau zunächst Hautbeschaffenheit und Art der Falten. Mimikfalten etwa lassen sich gut mit Botulinumtoxin behandeln. Das Nervengift, das vor allem unter dem Handelsnamen Botox bekannt wurde, lähmt die Muskulatur, die die Falten entstehen lässt. Der Effekt hält einige Monate.

Botox ist nicht ungefährlich

Doch das hochtoxische Wundermittel ist ins Gerede gekommen. Italienische Wissenschaftler haben vor einigen Monaten im Tierversuch mit Ratten herausgefunden, dass das Nervengift nicht an der Injektionsstelle bleibt, sondern sich im Körper der Tiere ausbreitet und bis ins Gehirn wandert, wo es die Funktion der Nervenzellen stören könnte. Brisant ist das Ergebnis auch deshalb, weil im vorigen Jahr weltweit Botulinumtoxin im Wert von 1,2 Milliarden Dollar verkauft wurde.

Nicht ganz so unheimlich, aber doch sehr unschön sind andere Risiken der Anti-Falten-Spritze. Wenn sie nicht richtig gesetzt wird, können Muskeln lahmgelegt werden, die eigentlich weiter funktionieren sollten. Dann hängen womöglich die Augenlider, oder das Trinken fällt schwer, weil der Mund sich nicht mehr richtig formen lässt - für mehrere Monate.

Neben der Botulinumtoxin-Spritze gilt die Hyaluronsäure als Zaubermittel gegen Falten und wird häufig mit dem Nervengift kombiniert. Das klare Gel unterfüttert die Haut von innen und lässt so zum Beispiel die Falten zwischen Mund und Nase verschwinden - allerdings in der Regel nur für maximal ein Jahr, dann ist der Füllstoff vom Körper abgebaut. Für Regina Wagner gehört die Hyaluronsäure, zusammen mit Botulinumtoxin, zu den wirksamsten unblutigen Faltenbehandlungen. Aber auch andere "Filler" wie etwa Kollagen glätten tiefere Falten.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 36/2008

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