Karl Marx ist wieder da: Seine Bücher gehen weg wie warme Semmeln, und in Hamburg haben ihn Studenten sogar auf die Bühne gebracht. Aber heißt das schon, dass Kommunismus wieder schick ist? Im zweiten Teil unserer Serie "Das neue linke Lebensgefühl" hat sich unser Reporter auf Spurensuche begeben. Von Mark Stöhr

Es gibt viel zu tun - aber wo fangen wir an?© Picture Alliance
Eine Party in einem alten Fabrikgebäude in Köln-Deutz. Drinnen wird getanzt, draußen geraucht. Von weitem kann man den Rhein sehen. Ein schöner, warmer Spätsommerabend. Zwei Frauen stehen zusammen, beide Mitte Dreißig. Die eine ist Architektin und baut auch für Diktatoren, wie sie freimütig zugibt. Die andere arbeitet bei einer Tierschutzorganisation und kümmert sich um Schildkröten auf Bali. Die beiden mögen sich - eigentlich. Doch sie sind in eine hitzige Diskussion geraten. Es geht um Politik. Darum, ob die Generation der 30- bis 40-Jährigen politisch ist oder nicht. Völlig unpolitisch, sagt die Architektin. Es gäbe keine gesellschaftliche Vision mehr, die sie vereine. Keine linken Ideale mehr wie bei den 68ern, keine Anti-Atomkraft-Bewegung, keine Friedensmärsche, nur noch ein bisschen Bio-Obst und fair gehandelter Kaffee.
Die Umweltaktivistin widerspricht: Zahllose Gruppen würden sich politisch engagieren. Gegen die Castor-Transporte, gegen die G8-Gipfel, für den Klimaschutz. Basisarbeit produziere eben nicht immer die dicken Schlagzeilen, deswegen sei sie trotzdem wichtig. Ein müdes Lächeln von links, ein giftiges Funkeln von rechts. Nun hätte man sich etwas Fröhliches von drinnen gewünscht. Das "Lied vom Ende des Kapitalismus" von der Kölner Ein-Mann-Band PeterLicht etwa: "Der Kapitalismus, der alte Schlawiner / Is uns lange genug auf der Tasche gelegen / Vorbei vorbei / Jetzt isser endlich vorbei / Is ja lang genug gewesen". Doch der Dj hat den Schuss nicht gehört.

Plakat zur Aufführung der "Splittergruppe8"© Christian Gefert
Die Meldungen vom Tage: Der Aufschwung ist in den letzten drei Jahren nachweislich in die Taschen der Unternehmen und der Reichen gewandert, in Berlin lebt jeder Fünfte von Sozialhilfe. Und nachts auf dem Nachhauseweg stolpert man über eine betrunkene Frau, die sich die Hände an einer geplatzten Bierflasche zerschnitten hat und keinen Arzt will, weil sie keine Krankenversicherung hat. Stimmt die Losung vom neuen linken Lebensgefühl, dann gibt es einiges zu tun. Ein Plakat kommt in den Blick und verspricht Unerhörtes: "Marx - Das Manifest". Die berühmte Proklamation einer klassenlosen Gesellschaft als "philosophische Performance". Das Theaterensemble nennt sich "Splittergruppe8" und spielt Marx in einer Kirche. Mehr als eine müde Provokation?
Die St.-Johannis-Kirche in Hamburg-Altona. Der neugotische Bau stammt aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und sollte damals die aufkeimende Altonaer Arbeiterbewegung zur Räson bringen. Etwa 80 Besucher sind gekommen. Die Holzbänke knirschen, vereinzeltes Husten, die Marx-Messe kann beginnen. Acht junge Leute, alle um die 20, betreten das Kirchenschiff. Sie bauen Feldbetten auf und legen sich erst einmal hin. So hätte es bleiben können: Marx als der schlafende Theorie-Riese, der keinen mehr schert. Doch dann springen die Schauspieler plötzlich auf und stürmen zum Altar. Sie machen sich dort an Popcorn-Maschinen zu schaffen und verteilen das Süßzeug anschließend im Publikum. Dabei fixieren sie die vorderen Reihen mit eindringlichen Blicken, als wollten sie sagen: Seht her, es ist uns ernst, wir spaßen nicht. Es geht ums Erwachsenwerden.