. .
Bücher - Rezensionen und Neuheiten
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
17. Juli 2009, 14:03 Uhr

Warum "Harry Potter" immer härter wird

Wolfgang Hohlbein ist die deutsche JK Rowling. Seit mehr als 25 Jahren bevölkert er Märchen- und Horror-Welten, hat 35 Millionen Bücher verkauft. stern.de hat den erfolgreichsten Fantasy-Autor Deutschlands zuhause besucht und gefragt, warum Vampire und Magier eigentlich so erfolgreich sind - und warum sie immer brutaler werden. Von Sophie Albers

Harry Potter, Wolfgang Hohlbein, Fantasy, Stephenie Meyer

"Die Gewalt ist eines der großen Rätsel unserer Zeit", sagt Wolfgang Hohlbein© Philipp Guelland/DDP

Das Kino im Kopf feiert Karneval: Wie wohnt wohl der erfolgreichste Fantasy-Autor Deutschlands? Ein Schloss à la Hogwarts im Nirgendwo? Oder doch eher moderne Architektur im Grünen wie bei den Vampiren in "Twilight"? Dann biegt der Wagen um die Ecke, und es ist... ein Reihenhaus. Genau genommen gleich eine ganze Reihe Reihenhäuser, denn Wolfgang Hohlbein hat eines nach dem anderen aufgekauft.

Bis auf ein paar steinerne Trolle sieht es hier wenig fantastisch aus. Der Wortmagier wohnt nicht außerhalb, sondern mitten drin in dieser dörflichen Straße bei Neuss. Felder hat er vor der Tür, aber auch viele Nachbarn und dieses dunkelgraue Neubausiedlungspflaster.

Am Tor zu Hohlbeins Welt warten der Autor und eine zerrupfte Katze. Der 55-Jährige ist schmal, fast fragil, mit langen grauen Haaren, grauem Bart und Brille. Sammy ist weiß-rot getupft und verschwindet gleich ins Wohnzimmer, wo acht weitere Katzen und drei Hunde warten. Wer Wolfgang Hohlbein besucht, bekommt gleich die ganze Familie. Seine Frau, meist eines der sechs Kinder und zahlreiche Haustiere sitzen mit am schweren Eichentisch im Wohnzimmer, wo der Hausherr sonst des Nachts seine fantastischen Welten erfindet, aber heute am hellen Nachmittag über seinen Beruf spricht.

"Harry Potter" als Blockbuster, die niedlichen Vampire von Stephenie Meyer in den Bestsellerlisten und "World of Warcraft" als kommerziell erfolgreichstes Computerspiel. Ist Fantasy auf dem Höhenflug, Herr Hohlbein?

Fantasy war schon immer da. Aber sie hat sich ihren Platz erobert, ist salonfähig geworden.

Das ist sie doch schon lange.

Als ich vor 45 Jahren zur Schule gegangen bin, hieß Fantasy noch utopischer Roman und wurde komisch angesehen. Ich durfte meine "Perry Rhodan"-Hefte nicht mit in die Pause nehmen. Die wurden mir weggenommen, weil man "so was" nicht liest. Heute hat ein Germanistikprofessor kein Problem damit, einen "Harry Potter" oder einen Rhodan zu lesen...

Die schreiben sie sogar.

Ganz genau! Die Fantasy hat ganz unbemerkt Einzug in die Köpfe gehalten. Nehmen wir ein konstruiertes Beispiel: Hätte man meiner 86-jährigen Schwiegermutter vor 20 Jahren einen Film gezeigt, in dem der Held ein Verbrechen auflöst, weil er Visionen hat oder Gedanken lesen kann, hätte sie die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und gesagt "Was für ein Blödsinn!" Heute ist so etwas ganz normal. Das würde nicht mal mehr als Fantasy bezeichnet. Die Logik, dass man das, was sein kann, von dem, was sein könnte, so stark trennt, ist aufgehoben. Und das ist das große Verdienst all dieser mitunter auch schlechten Bücher und Filme.

Also ist der Erfolg von "Twilight" und "Harry Potter" keine Ausnahmeerscheinung?

Das sind eher vorübergehende Hochs, weil Filme und Bücher rauskommen und die Leute darüber reden. Nach zwei, drei Jahren normalisiert sich das. Als der erste "Herr der Ringe"-Film so eine Welle verursachte, hat jeder Verlag seine Schubladen umgedreht und alles, wo auch nur einer mit spitzen Ohren drin vorkam, auf den Markt geworfen. Nur um festzustellen, dass sich nicht viel geändert hat. Es ist konstanter geworden - und mehr. Das ist doch schön (lacht).

Glauben Sie, dass die Krise die Kauflust auf Fantasybücher beflügelt?

Bisher ist es nicht so, und bei der Krise 2003 war es auch nicht so. Die Verlage schreien natürlich, weil sie merken, dass es in der einen oder anderen Ecke ein bisschen hakt. Aber ich habe das Gefühl, dass die Leute in einer Wirtschaftskrise, wo schlicht weniger Geld da ist, sogar mehr Bücher kaufen. Es ist immer noch das preiswerteste Vergnügen. Selbst ein teures Buch kostet weniger als ein Kinoabend für zwei Personen. Und man hat mehr davon.

Es heißt ja, dass Krisen den Eskapismus befördern. Dafür wäre Fantasy doch prädestiniert.

Nein, das glaube ich nicht.

Sie mögen den Begriff Eskapismus nicht?

Das ist wieder so ein Wort, das ich, wenn ich ganz ehrlich bin, nicht verstehe. Ich weiß, was es bedeutet, aber ich verstehe nicht, warum es so negativ behaftet ist. Es wird oft als Vorwurf benutzt.

Es heißt: "Wolfgang Hohlbein gefällt die Welt nicht so, wie sie ist, und er erträumt sich eine andere".

Aber dass ich mir eine bessere Welt erträume, heißt ja nicht, dass ich die, in der ich lebe, so schlecht finde. Es gibt tausend Probleme und Sachen, die nicht in Ordnung sind, aber wenn man realistisch ist und zurückschaut, leben wir heute trotz Jugendkriminalität, Umweltverschmutzung und Al Kaida in der besten Zeit, die es je gegeben hat. So schön die Ritterzeit in unseren Köpfen auch sein mag, ich möchte nicht mit einem König tauschen, geschweige denn mit einem Bäuerlein. Uns geht es heute besser als jemandem vor 500 Jahren. Aber man ist nie zufrieden mit dem, was man hat. Und das ist auch richtig so. Wenn ich sagen würde "Ich habe jetzt das beste Buch meines Lebens geschrieben", dann würde ich aufhören zu schreiben. Das Gleiche gilt für das Leben.

Lesen Sie in Teil zwei, warum Fantasy immer härter wird und welchen besonderen Wunsch sich Hohlbein erfüllt hat

  zurück
1 2
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
Lou123 (20.07.2009, 12:20 Uhr)
@Fiddler und Lisa
Das ist doch Humbug. Ich bin selber begeisterter Fantasy und Horror Leser und kenne eine Menge Leute die diese Vorliebe teilen. Diese Leute haben mitnichten eine innere Ödnis, sondern eher das Gegenteil.
.
Fantasy kann einem die Welt aus einer anderen Perspektive zeigen oder meist sogar eine ganz andere Welt. Es steigert die Kreativität und Vorstellungskraft. Da ist z.B. ein Loch im Boden nicht mehr nur ein eher unspektakuläres, nunja, Ereignis. Unwillkürlich fragt man sich, was oder vielleicht sogar wer denn da drin wohnt, wie eine Geschichte dazu aussehen könnte. Ich glaube immer noch, daß am Ende eines Regenbogens ein Topf mit Gold versteckt sein könnte.
.
Bücher sind Unterhaltung und nicht Feinde, die einem nur graues Wissen vermitteln, langweilige Storys erzählen und absolut uninteressant sein müssen. Des weiteren ist Fantasy ein Bestandteil unserer Kultur. Man denke nur an Shakespears "Sommernachtstraum" an Goethes "Faust" oder sein Gedicht "Erlkönig", Homers "Ilias" oder das Nibelungenlied. Davor gab es Legenden und Volkssagen, die nutzlos, leerreich, langweilig oder spannend sein konnten und die Menschen aller Zeiten und Kulturen beflügelt haben.
tetrapanax (18.07.2009, 15:20 Uhr)
Das war abzusehen,
denn vor Jahren, glaube es war 1998, wurde publiziert, dass dieser Müll der Rowling in 11 Bänden verfasst hat, nichts Gutes ist und es immer schlimmer werden wird - wollte natürlich niemand hören in dem Hype des tollen Harry.
Fakt: der Müll ist schädlich, vor allem für Kinder, und noch schlimmer als die Bücher sind natürlich die visuellen Effekte der Filme.
--
Nun auf, Harry Potter Fans, legt los, dass ich das übertreibe, verteufele usw.
Verheerenc (18.07.2009, 12:55 Uhr)
Phantasien
Tagträume,Phantasien(u.a.auch Sexphantasien,die wohl jeder hat) regen unsere Kreativität an,entspannen uns.Manch einer der seine Flasche Bier oder Wein am Tag trinkt,wäre besser dran,wenn er mehr Phantastisches lesen würde.Natürlich gibt es da,wie überall,Qualitätsunterschiede.Selbst die Bibel war zeitweise für manche reinste Utopie....
schmock (18.07.2009, 11:02 Uhr)
Kompliment...
sehr guter Artikel und ein phantasievolles Schlusswort.
RichardRoe (18.07.2009, 10:57 Uhr)
@ LisaT
Mal aus reiner Neugier:
Sind Sie noch nie in irgendwelche Tagträume geflüchtet?
Oder haben Sie schon mal ein richtig gutes Buch gelesen?
Eine Kriminalgeschichte z.B. kann so realistisch wie nur möglich sein und ist trotzdem nur Fiktion. Insofern flüchtet man sich da auch in eine Geschichte. Fantasy befördert diese Geschichten in eine andere Welt die anderen Regeln und Gesetzen gehorcht. An dieser Stelle empfehle ich Terry Pratchets "Scheibenwelt"-Romane.
Wer es realistischer mag, dem sei Hohlbein ans Herz gelegt. "Der Greif" z.B. Es ist sehr interessant wie er seinen Helden zwischen der "realen" und der "fantastischen" Welt hin und her pendeln lässt und welche Konflikte sich da auftun.
The_Fiddler (18.07.2009, 10:50 Uhr)
@Schöne neue Welt
Es liegt nicht an der "Wohlstandsübersättigun", sondern an der äusseren Ödnis die dieser wohlstandsübersättigten Welt innewohnt. Keine fühlt mehr für den anderen oder kümmert sich um ihn. Und keiner versteht, dass Wohlstand, Geld und erfolg kein glückliches Leben garantieren. Deswegen ziehen wir uns zurück und suchen uns mehr Farbe, weil diese Welt uns zu wenig bietet, weil wir selbst uns zu wenig Farbe bieten.
LisaT (18.07.2009, 08:36 Uhr)
Schöne neue Welt
Mir scheint, die Menschen in der Ersten Weld sind inzwischen dermaßen wohlstandsübersättigt, dass ihnen nur noch die Flucht in Fantasy, wirr vermischt mit Esoterik, einen Kick verschafft. Traurig, diese innere Ödnis.
MEHR ZUM ARTIKEL
"Harry Potter und der Halbblutprinz" Vom Zauberstreber zu Dirty Harry

Mit "Harry Potter und der Halbblutprinz" kommt der sechste Film aus der Erfolgsreihe in die Kinos. Harry kämpft weiter der finalen Schlacht mit Erzfeind Voldemort entgegen, wird allerdings diesmal von unkontrollierbaren Hormonwallungen geplagt. Es ist der Anfang vom Ende. mehr...

Interview Rupert Grint Der Anti-"Harry Potter"

Seit fast zehn Jahren spielt Rupert Grint den tolpatschigen Ron Weasley, Harry Potters besten Freund. Dabei kann er auch ganz anders. stern.de traf den rothaarigen Schauspieler zum offenen Gespräch. mehr...

"Twilight" Die Generation Anti-Porno

Schluss mit Sprachverrohung, Gewalt und schnellem Sex: Teenager rennen zuhauf in Filme wie "Twilight" und "High School Musical" - sie wollen nicht mehr Rapper 50 Cent in der Bronx, sondern Kinderstar Hannah Montana im Disney-Club. Geht der Trend zur neuen Unschuld? mehr...

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind
 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (22/2012)
Dick im Geschäft