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16. Juli 2007, 11:07 Uhr

Dichter der Dämmerung

Vor 20 Jahren starb der Schriftsteller Jörg Fauser. Nachts, zu Fuß auf einer Autobahn. Er hatte gerade seinen 43. Geburtstag begossen. stern-Reporter Werner Mathes erinnert an seinen einstigen Kollegen und Trinkkumpanen.

Vor 20 Jahren starb der Journalist und Schriftsteller Jörg Fauser auf bis heute ungeklärte Weise© Archiv Alexander Verlag

"Die längsten Reisen", schrieb er mal, "fangen an, wenn es auf den Straßen dunkel wird." Seine längste und seine letzte Reise begann, als es gerade hell wurde über der A 94 bei München. Vor 20 Jahren, im Morgengrauen des 17. Juli 1987, genau um 4.10 Uhr, starb Jörg Fauser. Er war zu Fuß unterwegs gewesen auf der rechten Spur der Autobahn, zwischen den Ausfahrten Riem und Feldkirchen. Bis ihn ein Laster mit voller Wucht erwischte. Stunden zuvor hatte der Schriftsteller in einer Münchner Bar mit Freunden seinen 43. Geburtstag gefeiert. Bis heute ist nicht geklärt, wie er damals auf die A 94 kam. Am 16. Juli dieses Jahres wäre Jörg "Joe" Fauser 63 geworden.

Zum 20. Todestag Fausers bringt der Berliner Alexander Verlag im Herbst die letzten beiden Bände seiner Jörg-Fauser-Edition heraus: "Der Strand der Städte", seine gesammelten journalistischen Beiträge von 1959 bis 1987, und das Fragment seines letzten (leider unvollendeten) Romans "Die Tournee". Nach einer Gesamtausgabe seines Werks im Verlag Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins (1990) ist der für ein großes Publikum erst spät erschlossene Autor nun ein zweites Mal mit einer Neuauflage seiner gesammelten Arbeiten gewürdigt worden - darunter sein autobiografischer Roman "Rohstoff" von 1984, den die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" in ihrem "Kanon für die Gegenwart" zu den 25 neuen Klassikern zählt. Empfehlenswert bleibt nach wie vor auch die ausgezeichnete Fauser-Biografie "Rebell im Cola-Hinterland" von Matthias Penzel und Ambros Waibel, die vor drei Jahren in der Berliner Edition Tiamat erschien.

Außenseiter und Einzelgänger

So viel Aufmerksamkeit ist erstaunlich für einen Autor, der schon lange nicht mehr lebt. Und der lange nach seinem Tod plötzlich so gefragt ist, wie er es zu Lebzeiten nie war. Der 1981 mit seinem Kokain-Roman "Der Schneemann" - vier Jahre später mit Marius Müller-Westernhagen verfilmt - einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, aber es dennoch kaum in die Feuilletons der großen Blätter schaffte. Denn Fauser war immer ein Außenseiter, Eigenbrötler und Einzelgänger gewesen. "Ich bin kein netter Mensch, sondern Schriftsteller", schrieb er, "einer der Dunkelmänner also, die beim ältesten Verfassungsschutz der Welt angestellt sind - beim Verfassungsschutz für Sprache und Zweifel."

1979 begegnete ich ihm zum ersten Mal. Ich war damals 25 und Chefredakteur des Berliner Stadtmagazins "tip", er gerade 35. Wir hatten ihm damals einen Flug von München nach Berlin spendiert, weil wir seinen Roman "Der Schneemann" vorab drucken wollten. Ich hatte fast alles von ihm gelesen, was bis dato veröffentlicht war. Aus seinem Essay-Band "Der Strand der Städte" klebte damals ein Satz über meinem Schreibtisch: "Leben ist nichts, wenn es nicht Rebellion ist."

Aber am Flughafen Tegel kam einer an, der nicht aussah wie ein Rebell. Fauser schwitzte, war verlegen. Trug einen Anzug mit grauenhafter Strickkrawatte, und überm Arm hing ein heller Trenchcoat. So hatte er es schon immer gehalten: Mach nie das, was andere von dir erwarten.

Radikal subjektiv, leidenschaftlich

Er zog bald um von München nach Berlin. Ließ sich beim "tip" als Redakteur anstellen, schrieb eine 14-tägliche Kolumne, Essays, Reportagen und empfahl vor allem Bücher - von Klassikern wie George Orwell, Graham Greene, Ted Allbeury oder John le Carré, aber auch von deutschen Außenseitern wie Karl Günter Hufnagel oder Hans Frick. Aber so, wie wir es noch nie gelesen hatten: radikal subjektiv, leidenschaftlich, dabei moralisch bis zum Pathos. Seine Arbeiten aus dieser Zeit fehlen in keiner Gesamtausgabe.

Wir waren Freunde geworden, wohnten im selben Haus in Berlin-Schöneberg. Seine geräumige Dreizimmerwohnung, nur spärlich möbliert, war für ihn "Intensivstation Incommunicado", in der er, Pfeife rauchend, die Schreibmaschine traktierte. In der Redaktion ließ er sich beibringen, wie Schlagzeilen und Vorspänne gemacht werden. Er war neugierig, lernte, hatte Spaß. Wenn er arbeitete, war Alkohol für ihn tabu.

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