Sie ist 27 Jahre alt, Akademikerin, Rapperin, hochbegabt, Kind türkischer Eltern aus Bremen, und all die Obszönitäten, die ihr unentwegt aus dem Mund purzeln, wollen gar nicht so recht passen zu ihrem mädchenhaften Lachen. Ein Gespräch mit Reyhan Sahin alias Lady Bitch Ray über Koitus, Kant und Kanaken.

Die Rapperin und Schauspielerin Reyhan "Lady Bitch Ray" Sahin posiert in Hamburg bei der Deutschlandpremiere des Films "Chiko"© Roland Magunia/DDP
In gewisser Weise ja. Aber es ist mehr. Ich nenne mich Bitch. Eine Bitch - das meint Hure, Schlampe, Nutte - ist vulgär, frech, rotzig, aufmüpfig, intelligent und schnell. Sie tut Dinge, die bei Frauen gesellschaftlich tabuisiert sind, bei Männern aber stillschweigend akzeptiert werden. Eine Bitch steht zu ihrer vaginalen Selbstbestimmung und macht sich nicht von Männern abhängig.
Wirklich? Für mich als Sprachwissenschaftlerin ist das eher ein Unterschichtenvokabular, das sich bis heute gehalten hat. Einem Gentleman - ich liebe Gentlemen - würde ich natürlich anders begegnen.
Ganz bezaubernd.
Nein. Ich bin doch kein Tussi-Opfer.
Weil ich den Eindruck habe, dass Frauen meines Alters mit mir Probleme haben. Aber Sie sind älter als ich.
Nein. Wenn Ihre Generation sich damals wirklich durchgesetzt hätte, wäre das Problem bis heute nicht so brisant. Das haben die 68er verkackt. Es gibt viel zu wenig selbstbewusste Frauen.
Ganz, ganz viel. Die Freiheit der Ausdrucksform, auch in der Fäkal- oder Vulgärsprache, ist immer extrem, und alle extremen Dinge haben mit Freiheit zu tun, auch Sexualisierung.
...keine Revolution ist elegant. Außerdem: Man muss darauf achten, dass bei den Freiheiten, die Frauen wie Alice Schwarzer dankenswerterweise erkämpft haben, nicht plötzlich neue Schranken entstehen, und das sind immer noch die ewigen Klischees. Darum gibt es ein Problem mit Frauen, die so reden wie ich und in keine Schublade passen wollen: Türkin, Akademikerin, Doktorandin, vulgär. Aber dazu steh ich.
Gar nicht. Ich bin absolut natürlich, eine hübsche, selbstbewusste Frau. Ich bin eher die, die sich zurücklehnt und genießt. Ich will auch keine Groupie-Proleten, die kurz mal Lady Bitch Ray ficken wollen.
Nein.
Nein. Cunnilingus und Fellatio sind noch nicht geboren.
Na ja, mit zweitem Namen würden sie so heißen.
Überspitzt gesagt: Ja. Die einzige Rettung für Frauen aus der Unterschicht oder einer anderen Kultur oder beidem ist Bildung. Und Migranten mussten sich schon immer mehr anstrengen. Mein Vater hat stets zu mir gesagt: Du bist ein Mädchen. Du wirst es schwerer haben. Du musst studieren.
Ich hab sie auch dazu erzogen. Sie wissen, was ich mache.
Möchten Sie denn, dass Ihr Vater Sie ficken sieht, wenn auch nur im Film? Ich hab gesagt: Papa, da gehst du nicht rein. Er: Was machst du denn da? Ich: alles Politik. Im Übrigen - es ist ein Gangsterfilm, der meine Eltern eh nicht interessiert. Sollen sie lieber zur Uni-Feier kommen, wenn ich meinen Doktortitel kriege. Als Tochter muss man den Eltern die guten Dinge im Leben zeigen.
Die Deutschen. Das hat mit der Türkinnenrolle zu tun. Nehmen Sie nur das Beispiel Sibel Kekilli. Die türkische Schauspielerin wurde fertiggemacht, weil sie in einem Pornofilm mitgespielt hat. Und das nur, weil sie Türkin ist.
Im Sommer. Es heißt "Aufklärung", nach Immanuel Kant, dem großen philosophischen Aufklärer. Es wird ein feuchtes, aufregendes Album, mit gesellschaftspolitischen Songs, die viel mit Kant und mir zu tun haben, mit einer in Deutschland lebenden Kanakenbraut.
... lieben mich. Ich bin ihr Idol. Meine Philosophie: Vagina-Style, Pussy de luxe. Ich bin nicht so eine Öko-Tussi wie Charlotte Roche: untenrum nicht waschen, keine Achselhaare rasieren und so. Ich liebe ästhetische Weiblichkeit...
Nein. Obwohl ich das mal gesagt habe. War so 'n Schnack. Ich steh auf Schwänze.
Nein. Aber das heißt doch nicht, dass ich Frauen dazu animieren will, wild durch die Gegend zu ficken. Sondern dazu, selbstbewusster zu werden.
Auf keinen Fall. Im Gegenteil. Frauen, die zu viel auf der Suche sind, haben sogar weniger Selbstbewusstsein. Mir geht es darum, dass Frauen nicht immer in der Opferrolle sind. Ich hasse billige Pornos, in denen Frauen immer diejenigen sind, die blasen müssen. Wir müssen nicht ewig Everybody's darling sein.
... sagen Sie ruhig arschfrei...
Die Herren Schmidt und Pocher schon. Sie fürchteten, ich sei im öffentlich-rechtlichen Fernsehen unberechenbar und würde gleich die Peitsche rausholen.
Doktor haben, Rap machen, Mode machen, Bücher schreiben. Und bei meiner Sprache bleiben. Die habe ich mir im Bremer Arbeiterviertel angeeignet und hart erarbeitet. Auch wenn ich die Wissenschaftssprache beherrsche, muss ich doch nicht immer nur gebildet reden. Wer das von mir erwartet - fuck you.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 19/2008