1. Mai 2008, 08:03 Uhr

Ein Phantom mit Humor

So jemand dürfte eigentlich kein Star sein: Seit vierzig Jahren abgetaucht, gibt keine Interviews, veröffentlicht alle Jubeljahre mal ein Buch. Trotzdem hat Thomas Pynchon auch hierzulande eine treue Fangemeinde. Übersetzer Dirk van Gunsteren bekam den Kultautor zwar auch nicht zu Gesicht, dafür aber Post von Pynchon. Und stellte fest: Der Mann hat Humor.

"Pynchon übersetzen zu können, ist für einen Literaturübersetzer der absolute Glücksfall", sagt Dirk van Gunsteren, hier an seinem Schreibtisch in München©

Dirk van Gunsteren serviert feinsten Darjeeling-Tee und selbstgedrehte Zigaretten zum Interview. In seiner gemütlichen Wohnung in München-Neuhausen darf noch geraucht werden. Und überhaupt, das Leben als Pynchon-Übersetzer sei schöner als man denkt, sagt van Gunsteren. "Denn wann kriegt man schon eine derart charmante Antwort von einem weltberühmten Autor: 'Danke für Ihre Arbeit. Ich verlange nur, dass es im Deutschen besser klingt als im Englischen. (War nur Spaß!)'. Der preisgekrönte Übersetzer kommt gerade von einer Italienreise zurück - bei der er auch ein paar von Pynchons Fährten aufnahm. Gutgelaunt und braungebrannt stellt er sich den Fragen von stern.de.

Thomas Pynchon gilt ja als das Phantom der Literaturszene. Er gibt keine Interviews, tritt nie in der Öffentlichkeit auf und lässt sich auch nicht fotografieren. Wie stellen Sie sich Pynchon eigentlich vor? Wenn Sie ihn zeichnen müssten, wie sähe er aus?

(lacht): Ich hab keine Ahnung. Ich weiß nur, er hat vorstehende Zähne. So Hasenzähnchen...

...was man aufgrund einer vierzig Jahre alten Aufnahme aus Pynchons Jugendzeit weiß...

Ich stelle ihn mir vor wie einen netten alten Herrn - er ist ja inzwischen siebzig -, weltgewandt, humorvoll. Ich glaube nicht, dass er irgendetwas Verschrobenes oder gar Psychopathisches hat. Wir hatten ja Kontakt mit ihm, per E-Mail oder Fax, und er hat immer prompt geantwortet. Er hatte so gar nichts Eitles an sich.

Sie stellen ihn sich also weniger als Althippie, sondern als distinguierten Herrn vor?

Ja.

Und wie arbeitet man mit so einem Phantom konkret zusammen? Pynchons Romane sind ja derart hochkomplex, dass ein reger Austausch zwischen Autor und Übersetzer fast zwingend erforderlich ist, wenn man den Job gut machen will...

Ja, das ist wahr. Wir hatten eine Reihe von Fragen, die tatsächlich nur der Autor beantworten kann. Die haben wir ihm per E-Mail gestellt, das heißt, wir haben E-Mails geschrieben an seine Frau und Agentin Melanie Jackson, mit der Bitte um Weiterleitung, und auf demselben Weg kamen dann die Antworten, manchmal auch per Fax: Und die waren immer sehr erhellend, sehr gründlich und sehr humorvoll. Er hat sich auch nie beklagt über unsere Fragen oder sie gar blöd gefunden, sondern war im Gegenteil sehr erfreut, dass da offensichtlich intelligente Fragen kamen.

Haben Sie mal versucht, ihn persönlich kennenzulernen?

Nein. Ich würde ihn natürlich gern kennenlernen. Aber das muss man respektieren: Pynchon sagt eben, "Ich will keinen Kontakt zur Öffentlichkeit" - und wenn er jetzt damit anfangen würde, dann hätte er bis an sein Lebensende nichts anderes mehr zu tun, als Interviews zu geben...

Das ist klar, aber es gibt ja auch Lektoren und Verleger, wie zum Beispiel Michael Naumann, die ihn durchaus schon persönlich getroffen haben...

Es gibt natürlich eine ganze Reihe Leute aus der Verlagsszene, die ihn persönlich kennen, aber ich hab das nie versucht. Das wäre ja wie Trophäenjagd. Mir ging's einfach immer nur darum: Ich habe konkrete Fragen, verstehe irgendwas nicht - und die hat er eben beantwortet. Das war prima, und mehr wollte ich gar nicht.

Haben Sie versucht, auf dem Umweg über besagte Kollegen herauszufinden, was für ein Typ das ist, dieser Thomas Pynchon?

Der ehemalige Rowohlt-Cheflektor Hans-Georg Heepe hat das mal erwähnt, so aus eigenem Antrieb: Pynchon und er hätten zusammen Abend gegessen und sich unterhalten, und das sei ein ganz netter Mensch. Aber ich habe nie jemanden ausgefragt. Das gehört auch dazu, wenn man so eine Entscheidung respektieren will. Wenn jemand diese Zurückgezogenheit will, dann heißt das für mich auch, dass ich es nicht hinten herum versuche. Seine Bücher sprechen für sich, finde ich. Ich glaube, Pynchon ist gar nicht schrullig, sondern ein sehr humorvoller Typ.

Stichwort "Humor". Wie bewältigt man als Pynchon-Übersetzer eine derartige thematische, sprachliche und zeitliche Bandbreite: Von Popkultur bis Ingenieurswissenschaft, vom Blödelsong bis zur mathematischen Kurzabhandlung und - wenn man auch seine anderen Romane berücksichtigt - vom 18. Jahrhundert bis zum Hippietum der Sechzigerjahre. Kann man sich auf so etwas überhaupt angemessen vorbereiten?

Ach... (seufzt)...Nein. Aber ich bereite mich eigentlich nie vor. Ich lasse das immer erst auf mich wirken, und alles Weitere ergibt sich dann daraus. Natürlich liest man sich im Verlaufe eines solchen Projekts in bestimmte Sachen ein. Das galt in dem Fall für bestimmte mathematische Probleme und Zusammenhänge, von denen ich ehrlich gesagt keine Ahnung hatte - und auch jetzt nicht viel mehr Ahnung habe -, aber immerhin habe ich mich dann per Internet, über Wikipedia und dieses Pynchon-Wiki, was wirklich sehr zu empfehlen ist, ein bisschen eingelesen. [Anm. d. Red.: Das "Pynchon-Wiki" ist eine Art Kommentarseite, die zu allen Romanen Pynchons detaillierte Erläuterungen liefert.] Zudem hatten wir auch noch einen Mathematik-Experten als Gewährsmann, ein guter Bekannter meines Mitübersetzers Nikolaus Stingl.

Und andere Sachen waren einfach schon da. Wenn Pynchon diesen Ton anschlägt, bei den Luftschiffern, diesen Chums of Chance - im Deutschen "Freunde der Fährnis" - das ist so dieser Ton des englischen Abenteuerromans der Zehnerjahre oder der Zeit um 1890. Da klingt dann Jules Verne an, mit dieser wahnsinnigen Fortschrittsgläubigkeit, alles wird immer besser, etc. Und insofern ist dieser Ton, in dem diese Passagen von Pynchon gehalten sind, eigentlich schon vorgegeben. Den musste ich mir nicht anlesen, denn ich hab diese Bücher ja früher gelesen. Jules Verne, oder auch diese Western. Aber das Schöne sind diese unvermittelten Übergänge: Eben noch hochgradig anspruchsvolle mathematische Erörterungen - und dann kommt so ein albernes, also: bewusst albernes Liedchen...

Der Autor

Der Autor Thomas Ruggles Pynchon wurde 1937 in Glen Cove auf Long Island geboren. Nach Abschluss der High School studierte er zunächst Physik, später englische Literatur an der Cornell-Universität, wo er Schüler von Vladimir Nabokov war. 1960 fing er als technischer Redakteur bei Boeing an. Nach dem Erscheinen seines ersten Romans V. im Jahr 1963 schottete er sich völlig von der Öffentlichkeit ab. Obwohl er in 40 Jahren nur sechs Romane und einige Kurzgeschichten veröffentlicht hat, besitzt Pynchon eine treue Fangemeinde, die jedes seiner Bücher sehnsüchtig erwartet. Pynchon gilt als brillianter Stilist - und Parodist. Virtuos verknüpft er Popkultur mit Naturwissenschaften, Psychologie und Kulturgeschichte.

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