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26. August 2011, 17:12 Uhr

Mangas aus dem Jahr 1810

Ein Berliner Museum zeigt überraschend modern anmutende Zeichnungen des Künstlers Katsushika Hokusai. Der Japaner gilt als Vater der Mangas und schuf das erste Comicheft zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Von Anja Lösel

Mangas, Comics, Hokusai-Ausstellung, Berlin

Eine Besucherin betrachtet ein Bild des japanischen Künstlers Katsushika Hokusai im Martin-Gropius-Bau in Berlin© Wolfgang Kumm/DPA

Spaß sollten seine Schüler haben. Und dabei spielerisch und vergnügt lernen. Deshalb brachte Meister Hokusai ihnen die Kunst des Malens mit gezeichneten Witzen bei, mit kleinen satirischen Bildchen und komischen Szenen. Manga nannte seine Bildchen, das heißt eigentlich: "etwas ohne Absicht malen". Schon das erste Manga-Heft von 1810 wurde so populär, dass Hokusai immer weiter machte und am Ende 15 Hefte herausbrachte, die in großen Auflagen gedruckt wurden. Wie die Comics von heute sehen sie nicht aus, eher wie Momentaufnahmen des japanischen Alltags. Aber sie sind so phantasievoll, witzig und skurril, dass man sich kaum satt sehen kann.

Verkleidete Äffchen, ein Kamel, das sich den Hals verrenkt

Menschen, Tiere, Schriftzeichen, Häuser, Kleider - das gesamte japanische Leben ist da abgebildet. Grandios vor allem die Tiere: verkleidete Äffchen, ein Kamel, das sich den Hals verrenkt, Raubvögel, Schlangen, Ungeheuer. Und immer wieder Fische. Dick und dünn, schuppig und glatt, warzig und glänzend, flunderartig breit oder schlank wie Aale bewegen sie sich durch dschungelartige Unterwasserlandschaften, begleitet von Krebsen, Langusten, Muscheln. Eine große Allegorie des Lebens, komisch und genial.

Je älter Hokusai wird, desto feiner und detaillierter werden seine Zeichnungen. Für die Ausstellung wurde jede einzelne der insgesamt 4000 Seiten digitalisiert, nun kann man am Bildschirm durch die Mangas blättern – und daneben einige der Blätter im Original bewundern. Eine einmalige Chance, die es selbst in Japan so noch nie gab.

Kühn komponiert, witzig und satirisch

35 Jahre lang hat Shimizu Yoichi vom Japanisch-Deutschen Zentrum in Berlin davon geträumt, diese Ausstellung in Deutschland machen zu können. 30 Jahre lang hatte auch Gereon Sievernich, der Chef des Gropiusbaus, dieselbe Idee im Kopf. Jetzt endlich ist es soweit, und beide strahlen am Eröffnungsabend vor Glück. Rund 440 Werke kamen aus Japan, alle empfindlich und wertvoll. Ein riesiger Kraftakt, der nur mit Hilfe des Medienkonzerns Nikkei gestemmt werden konnte. Ja, das sind die mit dem Index. Kühn komponiert, witzig und satirisch sind alle Hokusai-Bilder, ob Manga, Rollbild oder Holzschnitt. In der Serie "Hundert derbe Späße" präsentiert er Rezepte gegen den Kater und macht sich lustig über die überraschende Schwangerschaft einer Witwe. Er zeigt Männer beim Trinkgelage, macht Entwürfe für Spielkarten und entwirft einen Bastelbogen für ein Badehaus aus Papier. Natürlich gibt es auch Erotisches: schöne Konkubinen, lüsterne Paare, und Schildkröten, die sich miteinander vergnügen. Das ganze pralle Leben eben. Die "Große Welle", eines seiner bekanntesten Bilder, könnte sogar eine Illustration der japanischen Tsunami-Katastophe sein, als hätte er das Grauen vorausgesehen. All das macht Hokusai, geboren 1760, zu einem der modernsten Künstler überhaupt.

Von Anja Lösel