Seit Jahren arbeiten sie zusammen, seit Jahren verbindet sie eine enge Freundschaft: Anton Corbijn, der niederländische Starfotograf, und Herbert Grönemeyer. Für Corbijns Kinodebüt "Control" kehrt Grönemeyer nach mehr als 20 Jahren auf die Leinwand zurück. Der stern hatte beide im Interview.

Alte Freunde: Grönemeyer, 51, und Corbijn, 52© Anja Grabert
Anton Corbijn: Herbert hat mir immer
wieder gesagt, dass ich einen Film machen
soll. Er hat in mir den Filmemacher gesehen.
Mehr als ich selbst sogar. Aber jetzt
hör ich mal auf, sonst sieht das noch aus...
Herbert Grönemeyer:...als hättest du
den Film nur für mich gemacht. Nein, im
Ernst. Ich war schon immer überzeugt
davon, dass Anton eine eigene Sprache
fürs Kino hat. Wir kennen uns jetzt seit
19 Jahren...
Corbijn: 20!

Der britische Schauspieler Sam Riley, die Schauspielerin Alexandra Maria Lara, Regisseur Anton Corbijn und Herbert Grönemeyer bei der Filmpremiere von "Control"© Miguel Villagran/AP
Grönemeyer: Ja, 20. Jetzt in seinem ersten
Film mitzumachen war eher ein Spaß.
Ich habe nur einen kurzen Auftritt als Arzt.
Mit viel Make-up und ganz versteckt.
Corbijn: Es war mir trotzdem extrem
wichtig, dass Herbert dabei ist. Uns verbindet
eine tiefe Freundschaft. Ich bin der
Patenonkel von Felix, seinem Sohn.
Grönemeyer: Damals musste ich Anton
allerdings regelrecht hinterherlaufen, damit
wir uns überhaupt kennenlernen. Ich habe
ihn immer wieder angerufen, weil mir seine
Depeche-Mode-Videos so gefielen und ich
unbedingt mit ihm zusammenarbeiten wollte.
Irgendwann konnte ich ihn zu einem
Foto-Shooting in Paris überreden...
Corbijn: ...und dann haben wir in Los
Angeles das Video zu deinem Song
"Marie" gedreht.
Grönemeyer: Ich musste im Video eine
Ziege tragen, weil Anton der Ansicht war,
das sei ein gutes Symbol für Unschuld. In
dem Lied geht es um meine Tochter Marie,
die da gerade geboren worden war. Und
irgendwann sind Anton und ich dann
Freunde geworden. Als meine Frau Anna
starb, war er für mich da. Er hat mir durch
tiefe Täler geholfen.

Bühnenauftritt von Joy Division in "Control"© Capelight/DDP
Corbijn: Ich bin in Strijen aufgewachsen, das liegt auf einer kleinen holländischen Insel. Das hat mein Leben stark beeinflusst, weil alles, was ich mochte, also Musik und Fernsehen, von außerhalb kam. Die ganze Welt passierte außerhalb dieser Insel. Und ich wollte Teil dieser Welt da draußen sein. Später zog ich nach Den Haag, aber meine Vorliebe für Bilder und Musik wurde früher geprägt. Als ich zum ersten Mal Joy Division hörte, hat mich das an diese Zeit erinnert. Ich verstand zwar kein Wort, aber dieser kühle Sound hat mich begeistert. So wild, so myste riös. Und ich dachte, ich gehe jetzt dahin, wo das herkommt. Wegen Joy Division bin ich von Holland nach England gezogen...
Er war sehr verhalten und mein Englisch ziemlich schlecht. Er wirkte nicht wie der Frontmann einer Band. Die meiste Zeit standen wir rum und rauchten. Und er zitterte, weil es sehr kalt war und er natürlich nicht genug anhatte, wie die meisten Engländer. Abgesehen davon kann ich nicht viel sagen, denn unsere Treffen waren nur kurz.
Natürlich. Das war der erste Selbstmord
von jemandem, den ich persönlich kannte.
Aber wenn noch nicht einmal die Menschen
aus seiner nächsten Umgebung damit
gerechnet haben - wie hätte ich damit
rechnen können? Ich habe ja noch nicht
mal seine Texte verstanden. Texte waren
mir nie wichtig. Tut mir leid, dir das sagen
zu müssen, Herbert...
Grönemeyer: ...nein, das überrascht
mich nicht. Als wir das Video zu "Mensch"
gedreht haben, hat Anton einen Eisbären
durch die Gegend laufen lassen. Ein Eisbär,
obwohl das Lied "Mensch" heißt. Und
es passte! Das zeichnet Anton aus. Er
erzählt mit Bildern und Stimmungen und
kümmert sich nicht um Worte. Deshalb
ist die Sprache von "Control" auch so einzigartig.
Corbijn: Einzigartig, haben Sie gehört?
Das wird jetzt auch so gedruckt, oder?!

Anton Corbijn ist einer der bekanntesten Fotografen und Musikvideo-Regisseure. Er arbeitete mit Johnny Cash, Depeche Mode und Nirvana. "Control" ist sein erster Film© Dean Rogers/Capelight
Grönemeyer: Daran misst sich der Wert einer Freundschaft. Wir können offen zueinander sein. Auch wenn jeder erst mal schlucken muss oder ein paar Tage nicht mehr mit dem anderen spricht. Man weiß ja, dass es von jemandem kommt, der es gut mit einem meint.
Grönemeyer: Nein!
Corbijn: Nein!
Grönemeyer: Es dauert lange, bis ich
Kritik akzeptieren kann. Mit leidenschaftlich
durchdachter Kritik kann ich umgehen,
aber wenn dir jemand nur einen Tritt
geben will, weil er dich nicht mag, finde ich
das nicht akzeptabel.
Grönemeyer: Nein, das hat andere Gründe. Die "Bild"-Zeitung ist journalistisch inkorrekt. Ich habe nie mit denen gesprochen. Warum sollte ich? Es ist Zeitverschwendung.
Corbijn: Das hat wiederum mit England und Joy Division zu tun. Alles, was damals in England passierte - Bands wie The Clash oder eben Joy Division -, das war ja nicht nur Musik. Das war ein Lebensgefühl. Einfach loszugehen, einfach etwas zu machen, obwohl man es nicht gelernt hat: Das war die Inspiration von Punk. Ich war damals ziemlich schüchtern. Aber diese "Just do it"-Haltung hat mich ermutigt, die Kamera zu nehmen und Fotos zu machen. Ich wollte dazugehören, aber ich wollte nicht auf der Bühne stehen. Hinter der Kamera hatte ich meinen perfekten Platz gefunden.
Grönemeyer: Oh ja - so habe ich angefangen. In der ersten Band sang ich mit 13. So eine typisch deutsche Rockband, die am Wochenende im Feuerwehrzelt spielt. Ein Riff, und der Song war fertig. Ich war damals der Sänger und hatte bereits diese kräftige Stimme. Dazu sah ich aus wie ein Mädchen, mit meinen langen roten Haaren...

Sam Riley spielt Ian Curtis: Im Film singt er die Songs von Joy Division selbst© Capelight/DDP
Grönemeyer: In meinem Leben haben
sie sicher eine andere Rolle gespielt als für
Anton. Ich mochte The Clash und die Sex
Pistols. Aber eine Band wie Joy Division
war damals noch nicht bei mir angekommen.
Vielleicht, weil wir in Deutschland
sowieso zu der Zeit eine eigene starke
Musikszene hatten, während Holland sich
stark an England orientierte. Wir hatten
Krautrock und Bands wie Ton Steine Scherben
oder Fehlfarben.
Corbijn: Es gab andere Einflüsse, Musik
wie die von Kraftwerk oder Neu...
Grönemeyer: ...oder Can. Und auf der
anderen Seite gab es die politischen Liedermacher.
Es gab also zwei Möglichkeiten:
Entweder, du wurdest einer von den Elektronikern. Oder du konzentriertest dich
auf deine Texte. Das wurde dann mein
Weg, weil ich ein melodiöser Typ bin. Ich
brachte das Radikale und Wütende lieber
in Texten zum Ausdruck.
Corbijn: Für mich war das natürlich völlig
anders. Ich mochte die ganze Stimmung, die
damals von der britischen Musik ausging.
Tony Wilson, der Plattenboss von Joy Division,
hat das mal so formuliert: Das Punk-Motto war: "Fuck you." Das Motto von späteren
Bands wie Joy Division war: "I am fucked".
Das entsprach meiner Stimmung. Die
ganze Welt ist gegen einen.
Grönemeyer: Also ich war immer eher
"pro". Das war meine Haltung. All den
Post-Punks, oder wie man das nennen will,
hätte ich gesagt: Hey, es ist immer auch
Licht im Dunkel.
Grönemeyer: Na, bist du ein Kontroll-
Freak, Anton?
Corbijn: Schön, dass gerade du das fragst,
Herbert! Nein, im Ernst, der Titel erinnert
natürlich an den Song "She's Lost
Control". Aber darüber hinaus fand ich ihn
passend, weil Ian Curtis tatsächlich ein
Kontroll-Freak war, was seine Band anging.
Anderseits litt er unter Epilepsie -
und das konnte er überhaupt nicht kontrollieren.