19. Januar 2008, 09:10 Uhr

"Na, bist du ein Kontroll-Freak, Anton?"

Seit Jahren arbeiten sie zusammen, seit Jahren verbindet sie eine enge Freundschaft: Anton Corbijn, der niederländische Starfotograf, und Herbert Grönemeyer. Für Corbijns Kinodebüt "Control" kehrt Grönemeyer nach mehr als 20 Jahren auf die Leinwand zurück. Der stern hatte beide im Interview.

Alte Freunde: Grönemeyer, 51, und Corbijn, 52©

Herr Corbijn, Ihr Film "Control" erzählt die dramatisch kurze Lebensgeschichte von Ian Curtis, dem Sänger der englischen Band Joy Division, der sich mit 23 in der Küche erhängte. Sie als Fotograf haben sich entschieden, daraus einen Film zu machen. Und Sie, Herr Grönemeyer, stehen nach 20 Jahren wieder vor der Kamera.

Anton Corbijn: Herbert hat mir immer wieder gesagt, dass ich einen Film machen soll. Er hat in mir den Filmemacher gesehen. Mehr als ich selbst sogar. Aber jetzt hör ich mal auf, sonst sieht das noch aus...

Herbert Grönemeyer:...als hättest du den Film nur für mich gemacht. Nein, im Ernst. Ich war schon immer überzeugt davon, dass Anton eine eigene Sprache fürs Kino hat. Wir kennen uns jetzt seit 19 Jahren...
Corbijn: 20!

Der britische Schauspieler Sam Riley, die Schauspielerin Alexandra Maria Lara, Regisseur Anton Corbijn und Herbert Grönemeyer bei der Filmpremiere von "Control"©

Grönemeyer: Ja, 20. Jetzt in seinem ersten Film mitzumachen war eher ein Spaß. Ich habe nur einen kurzen Auftritt als Arzt. Mit viel Make-up und ganz versteckt.
Corbijn: Es war mir trotzdem extrem wichtig, dass Herbert dabei ist. Uns verbindet eine tiefe Freundschaft. Ich bin der Patenonkel von Felix, seinem Sohn.
Grönemeyer: Damals musste ich Anton allerdings regelrecht hinterherlaufen, damit wir uns überhaupt kennenlernen. Ich habe ihn immer wieder angerufen, weil mir seine Depeche-Mode-Videos so gefielen und ich unbedingt mit ihm zusammenarbeiten wollte. Irgendwann konnte ich ihn zu einem Foto-Shooting in Paris überreden...
Corbijn: ...und dann haben wir in Los Angeles das Video zu deinem Song "Marie" gedreht.
Grönemeyer: Ich musste im Video eine Ziege tragen, weil Anton der Ansicht war, das sei ein gutes Symbol für Unschuld. In dem Lied geht es um meine Tochter Marie, die da gerade geboren worden war. Und irgendwann sind Anton und ich dann Freunde geworden. Als meine Frau Anna starb, war er für mich da. Er hat mir durch tiefe Täler geholfen.

Bühnenauftritt von Joy Division in "Control"©

Herr Corbijn, mit der Gruppe Joy Divison verbindet Sie eine persönliche Geschichte, die in Ihre Jugend zurückreicht.

Corbijn: Ich bin in Strijen aufgewachsen, das liegt auf einer kleinen holländischen Insel. Das hat mein Leben stark beeinflusst, weil alles, was ich mochte, also Musik und Fernsehen, von außerhalb kam. Die ganze Welt passierte außerhalb dieser Insel. Und ich wollte Teil dieser Welt da draußen sein. Später zog ich nach Den Haag, aber meine Vorliebe für Bilder und Musik wurde früher geprägt. Als ich zum ersten Mal Joy Division hörte, hat mich das an diese Zeit erinnert. Ich verstand zwar kein Wort, aber dieser kühle Sound hat mich begeistert. So wild, so myste riös. Und ich dachte, ich gehe jetzt dahin, wo das herkommt. Wegen Joy Division bin ich von Holland nach England gezogen...

...und Sie haben die Band dort fotografiert, kurz bevor Ian Curtis sich das Leben nahm. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?

Er war sehr verhalten und mein Englisch ziemlich schlecht. Er wirkte nicht wie der Frontmann einer Band. Die meiste Zeit standen wir rum und rauchten. Und er zitterte, weil es sehr kalt war und er natürlich nicht genug anhatte, wie die meisten Engländer. Abgesehen davon kann ich nicht viel sagen, denn unsere Treffen waren nur kurz.

Hat der Selbstmord Sie schockiert?

Natürlich. Das war der erste Selbstmord von jemandem, den ich persönlich kannte. Aber wenn noch nicht einmal die Menschen aus seiner nächsten Umgebung damit gerechnet haben - wie hätte ich damit rechnen können? Ich habe ja noch nicht mal seine Texte verstanden. Texte waren mir nie wichtig. Tut mir leid, dir das sagen zu müssen, Herbert...
Grönemeyer: ...nein, das überrascht mich nicht. Als wir das Video zu "Mensch" gedreht haben, hat Anton einen Eisbären durch die Gegend laufen lassen. Ein Eisbär, obwohl das Lied "Mensch" heißt. Und es passte! Das zeichnet Anton aus. Er erzählt mit Bildern und Stimmungen und kümmert sich nicht um Worte. Deshalb ist die Sprache von "Control" auch so einzigartig.
Corbijn: Einzigartig, haben Sie gehört? Das wird jetzt auch so gedruckt, oder?!

Anton Corbijn ist einer der bekanntesten Fotografen und Musikvideo-Regisseure. Er arbeitete mit Johnny Cash, Depeche Mode und Nirvana. "Control" ist sein erster Film©

Na gut! Wenn Sie sich so mögen - können Sie einander eigentlich auch sagen: Mann, was du da gemacht hast, ist totaler Schrott?

Grönemeyer: Daran misst sich der Wert einer Freundschaft. Wir können offen zueinander sein. Auch wenn jeder erst mal schlucken muss oder ein paar Tage nicht mehr mit dem anderen spricht. Man weiß ja, dass es von jemandem kommt, der es gut mit einem meint.

Können Sie gut mit Kritik umgehen?

Grönemeyer: Nein!
Corbijn: Nein!
Grönemeyer: Es dauert lange, bis ich Kritik akzeptieren kann. Mit leidenschaftlich durchdachter Kritik kann ich umgehen, aber wenn dir jemand nur einen Tritt geben will, weil er dich nicht mag, finde ich das nicht akzeptabel.

Ist das der Grund, weshalb Sie nicht mit der "Bild"-Zeitung reden?

Grönemeyer: Nein, das hat andere Gründe. Die "Bild"-Zeitung ist journalistisch inkorrekt. Ich habe nie mit denen gesprochen. Warum sollte ich? Es ist Zeitverschwendung.

Herr Corbijn, wir wissen bereits, dass Herbert Grönemeyer Sie für einen großartigen Fotografen und Filmemacher hält. Wie sind Sie es geworden?

Corbijn: Das hat wiederum mit England und Joy Division zu tun. Alles, was damals in England passierte - Bands wie The Clash oder eben Joy Division -, das war ja nicht nur Musik. Das war ein Lebensgefühl. Einfach loszugehen, einfach etwas zu machen, obwohl man es nicht gelernt hat: Das war die Inspiration von Punk. Ich war damals ziemlich schüchtern. Aber diese "Just do it"-Haltung hat mich ermutigt, die Kamera zu nehmen und Fotos zu machen. Ich wollte dazugehören, aber ich wollte nicht auf der Bühne stehen. Hinter der Kamera hatte ich meinen perfekten Platz gefunden.

Herr Grönemeyer, haben Sie jemals aus dieser Haltung heraus Musik gemacht? Einfach drauflos?

Grönemeyer: Oh ja - so habe ich angefangen. In der ersten Band sang ich mit 13. So eine typisch deutsche Rockband, die am Wochenende im Feuerwehrzelt spielt. Ein Riff, und der Song war fertig. Ich war damals der Sänger und hatte bereits diese kräftige Stimme. Dazu sah ich aus wie ein Mädchen, mit meinen langen roten Haaren...

Sam Riley spielt Ian Curtis: Im Film singt er die Songs von Joy Division selbst©

Hatten Punkbands überhaupt einen Einfluss auf Ihr Leben und Ihre Musik?

Grönemeyer: In meinem Leben haben sie sicher eine andere Rolle gespielt als für Anton. Ich mochte The Clash und die Sex Pistols. Aber eine Band wie Joy Division war damals noch nicht bei mir angekommen. Vielleicht, weil wir in Deutschland sowieso zu der Zeit eine eigene starke Musikszene hatten, während Holland sich stark an England orientierte. Wir hatten Krautrock und Bands wie Ton Steine Scherben oder Fehlfarben.
Corbijn: Es gab andere Einflüsse, Musik wie die von Kraftwerk oder Neu...
Grönemeyer: ...oder Can. Und auf der anderen Seite gab es die politischen Liedermacher. Es gab also zwei Möglichkeiten: Entweder, du wurdest einer von den Elektronikern. Oder du konzentriertest dich auf deine Texte. Das wurde dann mein Weg, weil ich ein melodiöser Typ bin. Ich brachte das Radikale und Wütende lieber in Texten zum Ausdruck.
Corbijn: Für mich war das natürlich völlig anders. Ich mochte die ganze Stimmung, die damals von der britischen Musik ausging. Tony Wilson, der Plattenboss von Joy Division, hat das mal so formuliert: Das Punk-Motto war: "Fuck you." Das Motto von späteren Bands wie Joy Division war: "I am fucked". Das entsprach meiner Stimmung. Die ganze Welt ist gegen einen.
Grönemeyer: Also ich war immer eher "pro". Das war meine Haltung. All den Post-Punks, oder wie man das nennen will, hätte ich gesagt: Hey, es ist immer auch Licht im Dunkel.

Herr Corbijn, warum haben Sie den Film eigentlich ausgerechnet "Control" genannt?

Grönemeyer: Na, bist du ein Kontroll- Freak, Anton?
Corbijn: Schön, dass gerade du das fragst, Herbert! Nein, im Ernst, der Titel erinnert natürlich an den Song "She's Lost Control". Aber darüber hinaus fand ich ihn passend, weil Ian Curtis tatsächlich ein Kontroll-Freak war, was seine Band anging. Anderseits litt er unter Epilepsie - und das konnte er überhaupt nicht kontrollieren.

  zurück
1 2
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Anton Corbijns "Control" Seelenstück aus der Popgeschichte

Gerade mal 23 Jahre alt war Ian Curtis, als er sich 1980 das Leben nahm, doch schon Legende. Mit seiner Band Joy Division hat er Popgeschichte geschrieben, den Kampf gegen Krankheit und Depressionen verloren. Starfotograf Anton Corbijn hat ihm ein filmisches Denkmal gesetzt.

Verwandte Fragen

Sie kennen die Antwort? Beantworten Sie die Frage hier oder senden Sie selber eine Frage

 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (21/2013)
Geht's jetzt an mein Geld?