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"Filme werden nie die Welt verändern"

In seinem Film "Paradise Now" beschreibt Hany Abu-Assad die Welt von zwei palästinensischen Selbstmordattentätern. stern.de sprach mit dem Regisseur über den Einfluss eines Filmemachers und den Zusammenhang zwischen Terror und sexueller Frustration.

  Hat einen Film über die palästinensische Gesellschaft gedreht: Regisseur Hany Abu-Assad

Hat einen Film über die palästinensische Gesellschaft gedreht: Regisseur Hany Abu-Assad

"Paradise now" handelt von zwei Selbstmordattentäter. Wie nah ist diese Geschichte an Ihren eigenen Erfahrungen?

Ich habe das Drehbuch zusammen mit meinem Produzenten Bero Beyer geschrieben. Wenn man ein Drehbuch schreibt, dann erfindet man Menschen und lässt sie aus deren Logik handeln, nicht aus der Sichtweise des Autors. Die Menschen sind meine Erfindung, aber das bin nicht ich.

Hatten Sie jemals Kontakt zu Menschen, die in terroristischen Kreisen verkehrten?

Nicht direkt. Aber als Palästinenser triffst du immer Menschen, die für oder gegen solche Aktionen sind oder einer Organisation angehören. Ich habe einen Film über meine eigene Gesellschaft gedreht.

In Ihrem Film zeigen Sie die menschliche Seite von Mördern. Glauben Sie, damit ein Tabu gebrochen zu haben, indem sie die menschliche Seite von Selbstmordattentätern behandeln?

Ich glaube, dass ich nicht der erste bin, der das getan hat. Wenn Sie sich den "Paten" anschauen, werden auch da Mörder aus ihrer eigenen Logik und Moral heraus porträtiert. Moral ist ja nicht absolut, sie verändert sich, je nachdem in welcher Situation man sich befindet. Jeder handelt nach seiner eigenen Logik, insofern ist es nicht neu, was ich in meinem Film gezeigt habe. In Filmen wie "Pulp Fiction" ist Gewalt sogar zu Unterhaltung geworden.

Als Filmemacher geht es doch auch immer um die eigene Neugierde. Man will über bestimmte Phänomene mehr wissen, man kann an Orte gehen, wo man nie zuvor gewesen ist. Man will einen neuen Standpunkt kennenlernen. Damit erweitert man seinen Horizont: Man kann dann eigene Meinungen in Frage stellen oder bekräftigen.

Welchen Einfluss hat Sex auf Selbstmordattentäter? Neigen sexuell frustrierte Männer eher dazu, Attentäter zu werden?

Tägliche Demütigung, beispielsweise vom Vater, vom Chef oder von der Gesellschaft erzeugt bei einem Menschen das Gefühl von Impotenz. Man fühlt sich impotent, weil man machtlos ist, und das betrifft dann auch die Sexualität: Du fühlst dich nicht mehr als Mann. Viele Menschen werden in Palästina täglich gedemütigt, wenn man zum Beispiel am stundenlang an einem Grenzübergang warten muss, nur weil man seinen Freund besuchen will. Das ist so ein unglaubliches Gefühl von Demütigung. Wenn du aber dagegen spontan etwas unternehmen willst, kannst du getötet werde. Und weil man darum lieber gar nichts tut, entsteht das Gefühl von Impotenz. So kann man zum Attentäter werden: Irgendwann akzeptierst du deine Impotenz nicht mehr. Nur eine Explosion kann das ändern. Man will sich beweisen, dass man kein Feigling ist und etwas tun, auch wenn man sein eigenes Leben dabei aufs Spiel setzt.

Wie war die Reaktion in Israel auf den Film?

Es gibt ja nicht ein Israel als Person, sondern viele Israelis. Es gibt offene und weniger offene Menschen dort. Die neugierigen Menschen wollen mehr über den Film wissen. Sie haben neue Erfahrungen gemacht, darin Dinge gesehen, die sie nie zuvor gesehen haben. Sie mochten den Film.

Glauben Sie, dass ein Film wie "Paradise now" den Friedensprozess zwischen Israel und Palästina befördern kann?

Wenn er das könnte, würde ich nur noch Filme machen. Nein, im Ernst: Filme werden nie die Welt verändern. Daran glaube ich nicht. Das ist Wunschdenken. Filme sind kein größerer Einfluss als alles andere auf der Welt. Dinge verändern sich, wenn sich Menschen mehr für Politik interessieren. Wer von vorneherein offen ist, wird auch diesen Film verstehen. Aber der Film kann nicht umgekehrt bewirken, dass jemand offener wird.

"Paradise now" soll als erster Film überhaupt für Palästina ins Rennen um den Oscar gehen. Fühlen Sie sich geehrt?

Ja, es hat mich sehr bewegt, dass ich Palästina bei den Oscars repräsentieren werde.

Interview: Carsten Heidböhmer

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