Der Schindler von China

4. April 2009, 03:50 Uhr

John Rabe war ein Nazi. Und er war ein Held. Während der japanischen Massaker in Nanking 1937 rettete der Siemens-Manager Tausenden Chinesen das Leben. Am 2. April startete der Film, der das Schicksal dieses seltsamen Deutschen schildert. Von Peter Sandmeyer

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John Rabe, Nazi, China

John Rabe begann 1937 ein Kriegstagebuch zu führen. Zu der Zeit war er bereits seit 29 Jahren in China als Chef der Siemens-Vertretung©

Ein beklemmendes Bild: Japanische Flugzeuge in heulendem Tiefflug, Bomben fallen, Maschinengewehre hämmern, Explosionen, getroffene Chinesen, Sterbende, Verwundete, Frauen, Kinder. Und dann ein europäischer Mann in altmodischem Anzug, Glatze, runde Brille, er hastet durch das Chaos zu seinem Auto, reißt den Kofferraum auf, zerrt ein großes Paket heraus, brüllt andere an, ihm zu helfen, sie packen zu, ziehen, eine riesige Hakenkreuzfahne öffnet sich, wird über die Köpfe gehalten, sodass das Nazi-Emblem zum Himmel weist; Menschen drängen sich unter das schützende Tuch, die nächste Angriffswelle kommt, die Maschinen überfliegen die Flagge, steigen auf, drehen ab.

Eine Szene aus Florian Gallenbergers Film "John Rabe", der jetzt in die Lichtspielhäuser kommt. Großes Kino - und zugleich historische Wahrheit. Die japanischen Flugzeuge gab es, die chinesischen Opfer, den Deutschen mit der Glatze und seine schützende Hakenkreuzfahne.

Nanking, 22. September 1937. "Mit diesem Datum beginnt mein Kriegstagebuch", notierte John Rabe, 54, Kapitänssohn aus Hamburg, seit 29 Jahren in China und Chef der Siemens-Vertretung. Akribisch schrieb er in den folgenden fünf Monaten auf, was in der damaligen Hauptstadt nach dem Überfall durch die japanische Armee geschah und was der China-Historiker William C. Kirby ein "grauenhaftes Ereignis" nennt, "nackten Terror", einen "geschichtlichen Schrecken".

Die Schrecken von Nanking

Nanking, heute Nanjing geschrieben, Sechs-Millionen-Stadt am Ufer des Jangtse, 250 Kilometer westlich von Shanghai, erinnert an den Schrecken in einer "Memorial Hall". 25.000 Quadratmeter groß das Erdgeschoss: eine große dunkle Halle, schwarze Wände, darauf 300.000 Namen, die Opfer. Erschossen, erstochen, enthauptet, verstümmelt, geschändet, erschlagen. Auf einer Projektionsfläche erscheinen in Überblendungen ihre Fotos. Davor eine ewige Flamme. Alle zehn Sekunden ein dumpfer Gongschlag. Im Untergeschoss die Ausstellung zum Massaker. "Attention", warnt ein Schild, "Materials displayed in this room are very disturbing." Schauplätze, Videos von Zeugenaussagen, Dokumente, Fotos. Massenexekutionen Dem brutalen Vorgehen der japanischen Armee fielen in Nanking 300.000 Menschen zum Opfer Dora und John Rabe (1947 in Berlin), unten dargestellt von Ulrich Tukur und Dagmar Manzel gefangener chinesischer Soldaten. Eine Frau, die sich gegen ihren Missbrauch durch Japaner gewehrt und 37 Bajonettstiche überlebt hatte. Frauen, deren Vagina aufgespießt wurde. Männer, die zum Analverkehr miteinander gezwungen wurden. Zerstückelte Kinder, verbrannte Köpfe. Man wendet sich ab. Iris Chang, US-Historikerin chinesischer Herkunft, die das Massaker als Erste umfassend recherchiert und dokumentiert hat, nannte ihren Bericht "Die Vergewaltigung von Nanking - Der vergessene Holocaust". Etwa die Hälfte der Einwohner, die nicht vor den Japanern geflohen waren, so schätzt die Historikerin, wurde umgebracht.

Die andere Hälfte, 250.000 Menschen, konnte sich in eine "Sicherheitszone" retten, die ein Komitee der in der Stadt gebliebenen Ausländer den Japanern abgetrotzt hatte. Der Vorsitzende war John Rabe. Für die Chinesen bis heute ein Held. Ein "lebender Buddha". Der aus Fürsorge für seine Mitarbeiter in der Stadt blieb, obwohl die Firma ihn abziehen wollte. Der sein Haus und sein Grundstück für die Flüchtlinge öffnete, sein letztes Geld für ihren Reis ausgab, der mit ihnen teilte, mit ihnen hungerte und mehr als einmal für sie sein Leben riskierte. Ein Oskar Schindler in China. Nämlich ein Parteigenosse, der stellvertretender Ortsgruppenleiter der NSDAP in Nanking war und seine einschüchternde Wirkung als Deutscher und Nazi auf die Japaner nachdrücklich einsetzte.

Rabe hoffte auf Hitler wie auf einen Heiligen

"19. Dezember 1937: Sechs Japaner sind über meine Gartenmauer gestiegen und wollen die Tore von innen öffnen. Als ich dazukomme und dem einen der Banditen mit der elektrischen Handlampe ins Gesicht leuchte, greift er zur Pistole, lässt die Hand aber schnell wieder sinken, als ich ihn anbrülle und ihm meine Hakenkreuzbinde unter die Nase halte." Rabe war nicht nur irgendein Parteimitglied, er glaubte fest an das neue Deutschland unter dem Hakenkreuzbanner und hoffte auf Hitler wie auf einen Heiligen. Am 25. November hatte Rabe dem Führer in Berlin ein flehentliches Telegramm geschickt mit der vollkommen naiven Bitte, bei den Japanern zu intervenieren; drei Tage später vertraute er seinem Tagebuch den Stoßseufzer an: "Herrgott, wenn doch Hitler helfen wollte." Auch am folgenden Tag notiert er: "Ich hoffe weiter, dass Hitler uns hilft. Ein einfacher, schlichter Mensch - wie du und ich, wird nicht nur für die Not des eigenen Volkes das tiefste Mitgefühl haben, sondern Rabe in seinem Garten vor einer Hakenkreuzfahne, die japanische Flugzeuge warnen soll auch für die Not Chinas."

"Ja, er glaubte an Hitler, er war Nazi", sagt Frau Tang, die Leiterin der Gedenkstätte, die heute in Rabes ehemaligem Wohnhaus untergebracht ist. Eine kleine Frau, dunkel, rundlich. Die Familie ihres Mannes wurde von den Japanern ausgelöscht. Wir sitzen in Rabes altem Arbeitszimmer. Es ist kalt, die Winter sind streng in Nanking. Frau Tang trägt eine wattierte Jacke. Sie erzählt von den Zuständen, auf die Rabe damals aus diesem Zimmer blickte. "Schneesturm", schreibt er am 20. Januar 1938, "die Lage der Flüchtlinge ist bedauernswert. Das Lager bei mir im Garten hat sich in eine große Schlammpfütze verwandelt. Um die Zelte und Strohhütten sind kleine Kanäle gezogen worden, um dem Schneewasser etwas Ablauf zu verschaffen. Ich drücke beide Augen zu, wenn ich offene Feuer unter den niederen Strohdächern sehe." Frau Tang lächelt. "Er lebt in uns fort. Er war ein guter Nazi."

Ein guter Nazi? Ein Heiland mit Hakenkreuz? Kann es das geben?

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 14/2009

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KOMMENTARE (3 von 3)
 
Vincent_Vega (05.04.2009, 23:34 Uhr)
@gmathol
Wenn Sie die neueren Filme sich mal anschauen würden, könnten Sie erkennen, dass auch die Amis zumindest nicht die Greueltaten als heroisch darstellen.
Ausserdem hat im WK2 wohl einen mehr als deutlichen Überhang an Greueltaten auf deutscher Seite gegeben als auf Allierter.
Und -nein- die Greueltaten allierter Soldanten waren nicht so planmäßig gesteuert als bei den Deutschen.
gmathol (05.04.2009, 04:12 Uhr)
Nanu, ein Deutscher mal als Held und mit gesundem Menschenverstand dargestellt?
Das darf nicht sein! Wir wissen doch das alle Deutschen im 2. Weltkrieg Menschenschinder waren die als Hobby das Herstellen von Lampenschirmen aus Menschenhaut froenten.
Natuerlich die moerderischen Aktivitaeten der englischen Grossmacht und ihrem Nachlaeufer den USA sind als Heldentaten darzustellen.
Trotzdem die Geschichte stimmt. Es gibt auch bereits andere Dokumentationen hierzu - in englischer Sprache.
whismerh2 (04.04.2009, 21:16 Uhr)
@abgesehen davon
das Florian Gallenbergers in meinen Augen ein genialer Regisseur ist, werde ich mir den Film anschauen.
Ein Beispiel mehr das Menschlichkeit
immer schon, und bleibend in den Herzen des Menschen wohnt.
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