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Die tollkühne Prinzessin

Sie sieht aus wie einem tschechischen Märchenfilm entstiegen und kassiert Preise für alles, was sie anfasst. Jetzt startet ihr zweiter Film "Das Herz ist ein dunkler Wald". Begegnung mit einer Frau, die nicht nur Künstler elektrisiert.

Von Oliver Fuchs

Neuerdings sind ja alle so nett. Und so bescheiden. Und so unkompliziert. Daniel Brühl: umgänglich. Fritzi Haberlandt: am Boden geblieben. Moritz Bleibtreu: Kumpeltyp. Jessica Schwarz: reizend. Alexandra Maria Lara: ein Herzchen. Manchmal wünscht man sich fast den alten Kinski zurück, diese Wildsau, oder das "Nerverl" Romy Schneider. Wenn nicht mal mehr Schauspieler zickig, kapriziös und exzentrisch sind, wer denn dann bitte? Generalsekretäre und Aufsichtsratsvorsitzende können sich ja schlecht in Talkshows danebenbenehmen. Der Schauspielerin und Regisseurin Nicolette Krebitz, 35, eilt der Ruf voraus, sehr süß und total schwierig zu sein. So jemanden will man natürlich unbedingt treffen. Eine Interviewanfrage wird von ihrer Pressefrau quittiert mit aha, so so, schwierig, schwierig. Irgendwann lässt Krebitz ausrichten, man solle doch zu den Filmtagen nach Hof kommen, zur Premiere ihres Films "Das Herz ist ein dunkler Wald", dort könne man sich kennenlernen, dann mal weitersehen. Ein Casting für Interviewer? Hübsche Idee. Sonst könnte ja jeder kommen.

Nicolette Krebitz ist hier, um ihre zweite Regiearbeit vorzustellen, und weil in der deutschen Filmbranche alle dauernd mehr oder weniger dasselbe machen, erwartet man in Hof, dass es wohl etwas Ähnliches sein wird wie "Jeans", der Sommer-Sonne-Punkrock-Film, den Krebitz im Jahr 2001 mit ein paar Freunden in Berlin zusammen improvisiert hat. Irrtum! Diesmal hat sie ein finsteres Drama hingewuchtet, voll Kälte und Verzweiflung, eine Tragödie. Nina Hoss spielt in "Das Herz ist ein dunkler Wald" Marie, die eines Morgens zufällig herausfindet, dass ihr Ehemann Thomas (Devid Striesow) eine Parallelfamilie hat, noch einen Sohn, noch eine Frau, in einem anderen Haus in der Stadt, das aber genauso aussieht wie ihr gemeinsames, und dass Thomas sie außerdem seit Jahren mit vielen anderen Frauen systematisch betrügt. Die Kamera folgt Marie, einer Frau unter Schock, der binnen weniger Stunden ihr gesamtes Leben um die Ohren fliegt. Je länger der Film dauert, desto schattenhafter wird sie. Sie geht abends zu einem Kostümball in ein Schloss, wo surreale Dinge passieren, ein bisschen wie bei Kubricks "Eyes Wide Shut", und kehrt im Morgengrauen nackt und allein und leer zurück. 24 Stunden Panik, Horror, Angst. Am Ende fallen drei Schüsse. Wer stirbt, wird hier natürlich nicht verraten, nur so viel: Es ist das unversöhnlichste, schonungsloseste und radikalste Filmende seit ... seit ... seit ... nun ja, seit Fassbinder vermutlich. Oder doch eher Bergman?

Sie ist abwartend, höflich, kühl

Krebitz hat ganz offensichtlich die alten Meister studiert, aber man spürt auch, dass hier jemand seinen eigenen Ton und Rhythmus gefunden hat. Ein tollkühner Film (Kinostart: 27. Dezember). Nach der Vorstellung ist es still. Eine ältere Frau steuert auf die Regisseurin zu und flüstert, dass sie gerade von ihrem Mann verlassen wurde und alles genauso empfunden hätte wie im Film dargestellt. In der Gaststube Strauß stochern dann alle beklommen in ihrem Schweinebraten herum. Die Krebitz setzt sich eine Apfelschorlenlänge dazu, man wechselt ein paar Worte, sie ist abwartend, höflich, kühl, dann muss sie auch schon los. Nach ihrem dreijährigen Sohn gucken, ob der auch ruhig schläft. Das ist also keine von denen, die immer noch ein Weinchen mittrinken. Wie angenehm! Das nächste Treffen findet zwei Wochen später in einem Café in Berlin statt. Casting bestanden. Die Märchenprinzessin trägt Jeans und obenrum irgendwas Schluffiges, gern würde man sich mit ihr in diesem Aufzug vor den Fernseher lümmeln, Kartoffelchips essen und alte "Zorro"- Filme gucken.

Vermutlich handelt es sich um eine Vorsichtsmaßnahme: Nicolette Krebitz sieht aus wie einem tschechischen Märchenfilm entstiegen, Haut wie Schnee, blutrote Lippen, Haare wie Ebenholz, und wird deshalb gern von Journalisten, älteren Herren zumal, angeschmachtet und vollgeschwärmt. Aber auch auf Jüngere wirkt sie elektrisierend, die HipHop-Gruppe Fettes Brot hat ihr den Song "Nicolette Krebitz wartet" gewidmet, gesungen zur Melodie des Bananarama-Hits "Robert de Niro’s Waiting". Der Leipziger Künstler Eberhard Havekost hat sie gemalt, und Jürgen Teller hat sie für das Cover des Albums "Get Ready" von New Order fotografiert. Schwer vorstellbar, dass Katja Riemann jemals solche Pop-Ehren zuteil werden. Woher rührt diese Begeisterung, wie schafft es die fragile Krebitz, dass sich alle regelmäßig in sie verknallen? Nun, niemand kann so prinzessinenhaft die Augen aufreißen und Bauklötze staunen und dabei so cool und abgezockt wirken wie ein CIA-Agent, der beim Verhör auf die Genfer Menschenrechtskonvention pfeift. So macht sie gute Filme zu sehr guten und schlechte Filme wenigstens erträglich.Zwischen zwei Bissen Kaiserschmarrn sagt sie, dass sie dem Hofer Publikum das böse Ende gern erspart hätte. Am Schluss, als die Schüsse fielen, wäre sie gern in die Vorführkabine gegangen, um den Ton abzudrehen.

Wenn Nicolette Krebitz irgend etwas nicht kann, dann ist es warten

Warum hat sie die Rolle der Marie nicht selbst gespielt? Wo sie doch sonst fast alles selbst gemacht hat, Buch, Regie, Drehorte gesucht, Musik ausgewählt, es ist ihr Film. "Ich bin noch nicht so weit. Bin keine vollkommene Frau, so wie Nina Hoss. Ich müsste das erst mal privat werden oder erst mal spielen. Weiß nicht, wie rum es besser ist." Krebitz hat keine Lust, die alten Manierismen zu reproduzieren, das Augenaufreißen und Bauklötzestaunen. Sie streicht sich eine Haarsträhne hinters Ohr und sagt: "Es ist schwer, ins Frausein hinein seine Eigenarten zu retten, ohne dass es nervt. Wenn eine Frau über 30 ist, erwartet man von ihr, dass sie bitte einfach eine Frau ist. Eine Mutter. Eine Wasweißich." Es sind einige Jahre vergangen, seit Krebitz zuletzt in einem großen Film zu sehen war. An Angeboten bestand kein Mangel, aber sie will eben nicht die alte Platte auflegen und immer wieder die Mädchennummer abziehen. Das Leben von Schauspielern stellt man sich ja heute noch als irgendwie glamourös vor, dabei besteht es hauptsächlich aus: warten. Warten, dass endlich der richtige Regisseur anruft. Warten, dass endlich das richtige Drehbuch kommt.

Wenn Nicolette Krebitz irgend etwas nicht kann, dann ist es warten. Worauf auch? Auf wen denn bitte? Sie kann für sich selbst sorgen. Bevor sie wieder bei irgendwas Mittelinspiriertem, Mittelaufregendem mitspielt, wuppt sie lieber selbst Filme, die schocken. Krebitz schaut auf die Uhr. Sie muss dann mal los, ihren Sohn von der Kita abholen. Eine letzte Frage: Das böse Ende, die drei Schüsse, musste das sein? Och, na ja, sie sei eigentlich gar nicht so der Typ, der andere aufrütteln will. Sie zieht ihren Mantel an, denkt kurz nach und sagt: "Ich bin mir sonst gar nicht so sicher, dass es wirklich nur einen Weg gibt. Sind ja immer mindestens zwei Seiten zu bedenken." Pause. Ja doch, eigentlich sei sie so ein Einerseits-andererseits-Typ und gern auch ein bisschen ironisch. "Aber" - Pause - "das ist jetzt vorbei. Fuck Irony!" Sie dreht sich noch einmal um und wiederholt: "Fuck Irony!" Das letzte "Fuck" ist vielleicht einen Tick zu laut. Am Nachbartisch verstummt das Gespräch. Die Umsitzenden gucken verunsichert. Sie schauen Nicolette Krebitz an, als wäre sie Klaus Kinski.

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