Wie man Jack Nicholson die Schau stehlen kann

7. Februar 2004, 13:06 Uhr

Um einem Jack Nicholson die Schau zu stehlen, braucht es schon eine Oscar-Anwärterin. Diane Keaton war zur Stelle.

0 Bewertungen

Diane Keaton kam, zog eine Show ab und ließ Jack Nicholson sitzen©

Um einem Jack Nicholson die Schau zu stehlen, braucht es schon eine Oscar-Anwärterin. Ein Nicholson setzt sich nämlich nicht einfach hin, wenn er den Saal für die Pressekonferenz betritt. Er zähnefletscht in die Runde, lässt die Ovationen und Jubelrufe auf sich herabprasseln wie eine warme Morgendusche, nimmt genüsslich Platz und die Bitte eines nervösen Journalisten, ob er nicht seine Sonnenbrille abnehmen könnte, überhört er einfach.

Der Mann, seine winzigen Grimassen, seine weichen Bewegungen, sind ein Gesamtkunstwerk, das selbst wortlos mehr Charisma ausstrahlt, als die restlichen Gewinner der Goldenen Kamera zusammen.

Schlagfertig

Nun, dieser Tag, diese Pressekonferenz gehörte trotzdem nicht Jack. Der in seinem schwarzen Ledersakko, einem schwarz-weiß karierten Hemd und dünner schwarzer Krawatte aussah wie der gealterte Frontmann einer 80er Jahre New-Wave-Band. Der auf die Frage nach dem Stand der deutsch-amerikanischen Beziehungen antwortete: "Gut. Wir mischen uns nicht in eure Wahlen ein, ihr mischt euch nicht in unsere Wahlen ein."

Der Tag, die Stunde schlug für Diane Keaton. Blaugetönte Brille, tomatenroter Lederkurzmantel, tomatenrote Lederhandschuhe und ein Glas Rotwein vor sich.

Keaton gilt bei den Hollywood-Buchmachern als Oscar-Favorit für die beste weibliche Hauptrolle. Der dazugehörige Film, "Was das Herz begehrt", der herrlich albern dem grassierenden Jugendwahn den Hintern versohlt, läuft auf der Berlinale außer Konkurrenz.

„Würden Sie Jack heiraten“

Was soll man über solch eine recht handlungsarme Komödie schon fragen? Die Journalisten beschäftigten sich also lieber mit Intimitäten. Wie peinlich war Ihnen die Nacktszene, Miss Keaton? Wie sehr macht Ihnen das Altern zu schaffen? Wer küsst besser: Jack oder ihr Co-Star Keanu Reeves? Würden Sie Jack heiraten?

Genervte Diane Keaton

Auftritt Keaton, genervt: "Sie stellen so komische Fragen. Und da sind so viele von Ihnen und wir sind so wenige. Ich werde noch verrückt. Ich bin so unglaublich müde." Gerade noch strahlend lächelnd, beginnt sie zu weinen, nein zu schluchzen, fasst sich wieder, winkt ab und geht. Selbst Nicholson ist überrascht. War das jetzt die perfekte Performance einer großen Drama-Queen? Oder ist Keaton wirklich am Rande eines Nervenzusammenbruchs? Wie werden es wohl nie erfahren.

Abseits der Hollywood-Streifen

Gut, dass es auf dem Filmfestival auch noch Filme gibt, zu denen es sich lohnt, ernsthafte Fragen zu stellen. Berlin hat nämlich nicht nur massentaugliches Hollywood-Kino im Programm, sondern auch jede Menge Dokumentarfilme. Im Kino meist stiefmütterlich behandelt, trotz der jüngeren Erfolge von Meisterwerken wie "Bowling for Columbine" oder gerade "Deep Blue".

„Travelling with Che“

Es sind natürlich nicht nur cineastische Offenbarungen, die in den Nebenreihen Forum und Panorama laufen. Aber gute Geschichten haben sie immer zu erzählen. Zum Beispiel die Geschichte von Alberto Granado, der als Student mit einem klapprigen Motorrad durch halb Lateinamerika reiste. Sein Gefährte: der junge Ernesto "Che" Guevara, damals ein angehender Arzt, durch dessen Adern noch wenig revolutionäres Blut floss.

Ihren Kontinent kennen lernen, Abenteuer erleben, wollten die beiden und das sollten sie in den nächsten sechs Monaten mehr als genug. Für Che wird die Reise zur Offenbarung, sie öffnet seine Augen und sein Herz für das Elend seiner Heimat. Wenig später trifft er bei einem zweiten Trip auf Fidel Castro.

Der italienische Regisseur von "Travelling with Che" ist zusammen mit dem heute 81-Jährigen Granado die Strecke noch einmal abgefahren. Doch franst sein 110 Minuten überlanger Film an allen Ecken aus. Er konzentriert sich nicht einfach auf Granado, sondern dreht gleichzeitig ein Making-of des neuen Walter Salles Films "The Motorcycle Diaries", der die Che-Reise fiktionalisiert, aber leider nicht in Berlin zu sehen ist. Dazu kommen oft unscharfe, hoffnungslose verwackelte Digitalkamerabilder. Schade um das tolle Thema.

Unterhaltsamer Umweltschutz

Von einer mindestens genauso wahnwitzigen Reise berichtet "Go Further". Der US-Schauspieler Woody Harrelson ("Natural Born Killers") machte sich mit ein paar Kumpels auf eine Bus- und Fahrradtour die Pazifikküste entlang. Ihr Mission: Die Eingeborenen für einen naturverträglichen Lebenswandel zu missionieren. Vergesst Hamburger und Pommes, Papier aus Holz, Pestizide, Kernenergie. Selbst in der ach so gesunden Milch finden sich Blut und Eiter von entzündeten Kuheutern. 80 kurzweilige Minuten, die wenig Unbekanntes zu Tage fördern, mit ihrem Esoterik-Touch und Yoga-Verrenkungen beinahe schon altmodisch wirken, und dennoch: Selten war Umweltschutz so unterhaltsam.

Am Abend dann doch noch ein neues Meisterwerk: "The Nomi Song". Ein Biographie des Musikers Klaus Nomi mit der wunderbaren Unterzeile "He came from outer space to save the human race". Und tatsächlich wirkt Nomi, seine hohe Singstimme, sein roboterähnliches Styling wie von einem anderen Planeten und der Film von Andrew Horn wirft das kongenial auf die Leinwand. Keine Zweifel: Auch Nomi könnte Jack jederzeit die Schau stehlen.

Matthias Schmidt
 
 
stern TV-Programm
Kostenlos downloaden: stern TV-Programm für iPhone, iPad und Android-Smartphones und -Tablets Mehr Infos über die App
 
Humor
Tetsche, Haderer, Mette und Co. Tetsche, Haderer, Mette und Co.
 
TV-Tipps des Tages
Empfehlungen aus der Redaktion Empfehlungen aus der Redaktion
 
Wissenstests
Sind Sie ein Kultur-Kenner? Sind Sie ein Kultur-Kenner? Ob zu TV, Kino, Literatur oder Musik ... Testen Sie Ihr Wissen rund um die Kultur. Zu den Wissenstests
 
Noch Fragen?

Neue Fragen aus der Wissenscommunity

  von bh_roth: VPN-Server erkennbar?

 

  von Gast 92508: Welche Kühlschranktemperatur ist richtig

 

  von Gast 92503: Warum habe ich nach meiner Privatinsolvenz immer noch einen sehr schlechten Scorwert bei der Schufa...

 

  von Gast 92501: gibt es ökologische Fahrradbekleidung?

 

  von Gast 92499: Rechtsfrage

 

  von rocky1703: mein sohn ist 21 jahre und hat seine ausbildung abgebrochen abgebrochen muss ich weiter unterhalt...

 

  von Amos: Warum heißt es häufig "Freiheitsstrafe" statt "Gefängnisstrafe"? Klingt das...

 

  von Gast: Haben Sie Behindertenrabatte?

 

  von Amos: Was ist dran am möglichen Ende von AC/DC? Alles nur Spekulationen?

 

  von Gast 92465: ich habe bei meinem Nissan Pixo den Lüftungsmotor wegen Geräusche vor 1 Jahr austauschen lassen.

 

  von getachew: Wie kann man die Monatskarte der Bvg steuerlich absetzen?

 

  von Amos: Warum trägt der BVB auch ein VW-Logo auf dem Trikot? Aus Sympathie für Wolfsburg? Bisher hatten sie...

 

  von bh_roth: Zwei Windows Betriebssysteme auf einer Festplatte möglich?

 

  von Gast 92439: Temperatur schwankt im Kühlkombie von -20 bis - 12 Grad. warum?

 

  von Anoukboy: Ich bin Französin, habe mehrere Jahre in Deutschland gewohnt une gearbeitet. Ich ziehe nach...

 

  von Gast 92418: Daten von externer Festplatte auf PC laden?

 

  von Amos: Deutsche Spitzengastronomie wird zu 95% von männlichen Köchen dominiert. Köchinnen kenne ich...

 

  von Amos: Woher stammt die Unsitte, vieles als "vorprogrammiert" zu bezeichen? Statt...

 

  von Gast 92411: wie stelle ich meine e-mail adresse um?

 

  von gerti: suche eine alternative Pfanne zu Aluguss für Induktionsherd welche nicht so schwer ist...

 

 
 
stern - jetzt im Handel
stern (17/2014)
Der Schicksalsflug