Sind wir nicht alle ein bisschen Schlager?

13. Mai 2013, 18:00 Uhr

Jahrzehntelang wurde er geächtet, der deutsche Schlager galt als altbacken und uncool. Doch jetzt erlebt die Gute-Laune-Musik ihre Auferstehung. Dabei sind die Grenzen zum Pop längst fließend. Von Jens Maier, Malmö

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Beatrice Egli heißt die Gewinnerin der Casting-Show "Deutschland sucht den Superstar". Ihr Siegertitel "Mein Herz" handelt von den typischen Ingredenzien des deutschen Schlagers: Liebe und Herzschmerz.©

Wie eine Blume am Winterbeginn
so wie ein Feuer im eisigen Wind,
wie eine Puppe, die keiner mehr mag,
fühl ich mich am manchem Tag.
Dann seh ich die Wolken, die über uns sind,
und höre die Schreie der Vögel im Wind.
Ich singe als Angst aus dem Dunkeln mein Lied
und hoffe, dass nichts geschieht.

Songtext von Nicoles "Ein bisschen Frieden"

Das deutsche Schlagertrauma beginnt am 24. April 1982 beim Eurovision Song Contest im britischen Harrogate. Ein 17-jähriges Mädchen mit langem, lockigen Haar sitzt mit seiner Gitarre auf einem Hocker und singt vom Weltfrieden. Adrett sieht sie aus, wie eine Pfarrerstochter. In nur drei Minuten bricht ihr Lied den Zeitgeist der wilden Sechziger und Siebziger Jahre. Statt zur Revolution fordert sie zu Liebe, Harmonie und Frieden auf. "Ein bisschen Frieden", um genau zu sein. Ein Ruf, der in ganz Europa erhört wird. Nicole gewinnt mit haushohem Vorsprung den Schlager-Grand-Prix, wie er damals noch genannt wird. Über fünf Millionen Mal wird die Platte verkauft, feiert europaweit Charterfolge. Doch ihr Sieg versetzt Deutschland einen dauerhaften Schlagerschock, von dem sich die Nation der Minnesänger und Volkslieder erst heute zu erholen scheint.

Comeback nach 31 Jahren

Denn erst nach 31 Jahren feiert der deutsche Schlager sein Comeback. Nicht in Malmö, wo derzeit die Proben für das Finale des Eurovision Song Contest stattfinden, sondern im RTL-Studio in Köln. Beim Finale von "Deutschland sucht den Superstar" gewann am vergangenen Samstagabend die 24-jährige Beatrice Egli mit einem Titel, der Nicoles "Ein bisschen Frieden" in nichts nachsteht. "Mein Herz" handelt von Liebe und Herzschmerz - und steht damit genau für das, was dem deutschen Schlager über Jahrzehnte Kritik, ja sogar Anfeindung und Hass entgegenschlagen ließ. Schlager, das galt lange Zeit als Schimpfwort, als Synonym für seichte Unterhaltungsmusik, seine Hörer als naive Romantiker. Lyriker Peter Rühmkorf bezeichnete den deutschen Schlager sogar als "verbrecherische Volksverdummung".

Vor allem deutsche Grand-Prix-Fans hatten jahrzehntelang unter diesem Image zu leiden. Schuld war daran vor allem die Musikindustrie. Während sich in anderen Ländern die Genregrenzen zwischen Popmusik und Schlager oder gar Volksmusik mehr und mehr vermischten, war der ESC hierzulande der Ort, an dem deutsche Populärmusik erst sicher vor Einflüssen wie Disco oder der Neuen Deutschen Welle, dann vor der zunehmenden Anglikanisierung war. Die Interpreten und Komponisten der heilen Schlagerwelt suchten Zuflucht beim ESC. Allen voran Ralph Siegel. Der deutsche Mister Grand Prix verweigerte nach seinen ESC-Erfolgen mit Dschinghis Khan, Lena Valaitis und Nicole jegliche Erneuerung. Eine Entwicklung, die in der Schlagerkatastrophe endete. Noch 1997 trällerte Bianca Shomburg für Deutschland "Zeit" und wirkte damit wie aus eben dieser gefallen. Ein Titel für Ewiggestrige, der mit einem 18. Platz abgestraft wurde. Der Schlager war tot in Deutschland. Doch der Eurovision Song Contest war es nicht. Warum? Weil andere Länder nicht den gleichen Fehler wie Deutschland gemacht haben.

Was wir von Schweden lernen können

Schlagernation Nummer eins in Europa ist heute Schweden. Mit dem Sieg von Abba 1974 beim ESC fing alles an. Ihr Titel "Waterloo" war nichts anderes als ein Schlager - in hippem Gewand und mit zeitgenössischen musikalischen Verzierungen. Was folgte, war das schwedische Popwunder. Statt den Schlager für schwedische Songtexte und Schunkelmelodien zu vereinnahmen, war er offen für ausländische Einflüsse und Erneuerung. Heute ist das kleine Land mit rund 9,4 Millionen Einwohnern der drittgrößte Exporteur englischsprachiger Popmusik, gleich hinter den USA und Großbritannien. Schweden ist eine der erfolgreichsten Nationen beim Eurovision Song Contest. Der Begriff "Schlager", den die Schweden im Übrigen aus dem Deutschen übernommen haben, ist vielleicht verbrannt. Leicht eingängige Melodien mit mitsingfreundlichen Texten erfreuen sich aber weiterhin größter Beliebtheit. Nicht zuletzt Loreens Eurovision-Siegertitel "Euphoria" ist dieser Kategorie zuzuordnen

30 Jahre nach Harrogate scheint sich auch in Deutschland die Erkenntnis durchzusetzen, dass der Übergang vom Schlager zur Popmusik fließend ist. Helene Fischer, Andrea Berg und Andreas Gabalier sind die Vorreiter einer neuen, selbstbewussten Schlagerkultur, die sich nicht dafür schämt, Texte auf Deutsch zu singen. Sieben der zehn meistverkauften Alben waren 2012 deutschsprachig. Darüber hinaus bereichern Künstler wie Clueso, Tim Bendzko oder Mia Diekow die Szene. Sie sind Botschafter des deutschen Schlagers - auch wenn sie sich vermutlich selbst nicht so bezeichnen würden.

Auch Cascada nimmt Anleihen beim Schlager

Wenn am 18. Mai beim Finale des Eurovision Song Contest der deutsche Beitrag erklingt, wird die Arena zur Disco. Cascada singt ihren Dancedampfhammer "Glorious". Mit harten Bässen und viel Bumm-Bumm klingt der Titel alles andere als nach Schlager. Anders ist das, wenn Sängerin Natalie Horler die Nummer als Unplugged-Version singt, wie vor wenigen Wochen im Morgenmagazin. Dann zeit sich, dass der eingängige Refrain, der belanglose Text, und der Mitklatsch-Rhythmus die eindeutigen Zutaten eines Schlagers hat. Von Nicole bis Cascada - alle sind eben ein bisschen Schlager.

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