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11. September 2005, 10:48 Uhr

Sir Mick ist verschnupft

Mick Jagger mag es nicht, wenn man ihn nach seinem Verhältnis zu George W. Bush, brasilianischen Models oder Ärger mit Keith Richards fragt. Wir haben es trotzdem getan.

Der alte Herr will's nochmal wissen: Mick Jagger geht mit den Stones auf Welttour© Paul Chiasson/AP

Wie spricht man Sie jetzt korrekt an? Sir Michael Jagger?

Mick ist okay. Keiner nennt mich Sir. Nur sehr merkwürdige Leute.

Bedeutet Ihnen die Ritterwürde etwas?

Es ist schon eine Ehre. Manche Leute machen sich dann neue Briefköpfe und wollen, dass jeder sie so nennt. Für mich ist das nur ein Kompliment. Ich nehme das nicht allzu ernst.

Keith Richards sagte, er würde die Ritterwürde von der Queen nie annehmen. Er würde sie sich in den Arsch schieben.

Er würde sie auch nie bekommen. Er hat sich so darüber ausgekotzt, dass keiner ihm die Ehre je zukommen lassen würde.

Richards sagte... Mich interessiert nicht, was er sagt. Danke schön. Richards sagte gerade wieder: "Oft wollten wir uns gegenseitig umbringen." Ich will nicht darüber sprechen.

Immerhin haben Sie die Songs für das neue Album wieder gemeinsam geschrieben. Ganz wie früher?

Nein, auf sehr unterschiedliche Weise. Ich habe erst viele der Texte geschrieben und dann die Melodien. Oft habe ich sogar zuerst den Titel gesucht und danach die Songs geschrieben. Dann habe ich Demotapes gemacht und sie Freunden vorgespielt. Du denkst immer, alles, was du schreibst, ist gut, aber nicht alle sehen das so. Ich habe also viele Songs geschrieben, bevor ich Keith traf. Er hat dann noch einige beigetragen, und ich habe ihm dabei geholfen.

Klingt so, als hätten Sie die Hauptarbeit geleistet.

Das habe ich nicht gesagt. Wir haben uns zusammengesetzt, meist in meinem Haus in Frankreich, und die Ideen dann weiterentwickelt. Aber es ist gut, vorbereitet zu sein. Wir treffen uns nicht und schreiben gemeinsam 20 Songs. Der Druck wäre zu groß. Irgendwann kam Charlie dazu. Dann haben wir zu dritt gearbeitet und daraus die Platte gemacht. Wir haben die Zahl der beteiligten Leute sehr begrenzt.

Sagen Sie Keith Richards offen: Das ist ein furchtbarer Song, den du da geschrieben hast?

Nein, da musst du diplomatischer sein.

Selbst unter guten Freunden? Sie kennen sich seit fast 60 Jahren.

Ja, ich glaube, man sollte immer nett sein. So wie meine Mutter sagen würde: Wenn du nichts Gutes sagen kannst, sag lieber gar nichts.

Aber der andere weiß Bescheid.

Klar. Einmal sage ich: Der Song ist super, fantastisch. Bei einem anderen sage ich: hmmm. Dann weiß er Bescheid.

Ist die Rivalität zwischen Ihnen nicht Teil einer großen Inszenierung?

Die Medien schreiben darüber ohne Ende.

Es ist also nicht wahr?

Nicht wirklich. Wir verstehen uns gut, 99 Prozent der Zeit. Du kannst nicht erwarten, dass Leute immer einer Meinung sind. Wir arbeiten hart zusammen. Aber ich arbeite auch hart mit Charlie an allem Visuellen, am Bühnendesign. Charlie und ich streiten uns häufiger als Keith und ich. Und niemand schreibt darüber. Ist das nicht interessant?

Dreht sich heute im Showbusiness nicht alles nur noch ums Verkaufen, ums Promoten?

Ja.

Ist nicht auch die Kontroverse um den Text Ihres Songs "Sweet Neo Con" über die Kriegspolitik der Bush-Regierung Teil einer Strategie, um Schlagzeilen zu machen?

Nein, ich habe das doch nicht aus strategischen Gründen geschrieben. Im Gegenteil. Wir haben den Song lange zurückgehalten und Kritikern zunächst nicht zugänglich gemacht. Wir wussten, irgendwann werden die Medien darüber schreiben, aber wir wollten, dass es nicht schon am Anfang der Publicity-Hit wird.

Wie nahe geht Ihnen der Irak-Krieg wirklich?

Es geht in dem Song nicht nur um den Krieg. Ich will eigentlich nicht darüber sprechen. Der Song existiert. Er sagt, was er sagt. Er ist keine persönliche Attacke gegen Präsident Bush. Aber er enthält Kritik an der Politik, die er verfolgt.

Warum fällt es Ihnen so schwer, darüber zu sprechen?

Es ist nicht schwer, es ist nur sehr komplex für ein so kurzes Interview, und ich weiß nicht, wie seriös der stern ist.

Schon seriös.

Okay. Hatte ich vergessen. Deutsche Magazine sind nicht gerade bekannt für ihre Seriosität. Also, es ist ein direkter Song. Als ich ihn schrieb, dachte ich: Wow, das ist ziemlich starker Tobak. Manchmal schreibst du einen Song und weißt nicht, woher er kommt. Es ging sehr schnell. Ich schrieb ihn. Spielte den Bass ein und schnell Gitarre, dann schnell den Gesang, alles in einer Stunde. Wenn du dann einen Schritt zurückmachst, denkst du: Das ist ziemlich heftig. Habe ich das wirklich so gemeint?

Und?

Ja, habe ich.

In dem Song heißt es: "Du nennst dich Christ. Ich nenn dich Heuchler. Du nennst dich Patriot. Ich denke, du bist voller Scheiße." Damit können Sie doch nur Bush gemeint haben. Den wiedergeborenen Christen.

Alle Neokonservativen sind Christen.

Nein. Scooter Libby nicht. Richard Perle nicht. Paul Wolfowitz nicht.

Aber die meisten sind es. Gestatten Sie mir wenigstens das.

Der Sweet Neo Con ist also doch Bush.

Nein, ist er nicht. Nichts bezieht sich direkt auf ihn.

Es wirkt so, als wollten Sie nicht darüber sprechen, weil Sie in den USA einen Backlash fürchten, einen Boykott durch die Rechten, wie Bruce Springsteen und die Dixie Chicks das erleben mussten.

Ach, ich will darüber nicht zu viel sprechen. Ich will nicht, dass diese Geschichte alles andere überstrahlt, verstanden. Ich kann es Ihnen, der Sie von einem deutschen Magazin kommen, ja sagen: In Amerika sind sie nicht sehr tolerant anderen Meinungen gegenüber. Amerika ist zu Recht sehr stolz auf seine Tradition der freien Meinungsäußerung - aber das gilt nur so lange, bis du etwas sagst. Sie sind sehr empfindlich. Wenn du irgendwas kritisierst in Amerika, musst du sehr vorsichtig sein. Äußere solche Dinge in Europa, und die Leute sagen nur: Na und?

Ich frage mich, in welchen Zeiten wir eigentlich leben, wenn die Stones, die mal als Rebellen galten, sich so verteidigen müssen für einen politischen Song.

Das sage ich doch. In dem Song heißt es. "It's liberty for all, democracy's our style, unless you are against us, then it's prison without a trial." Aber letztendlich war die Reaktion in Amerika doch vernünftig. Vor zwei Jahren wäre sie hysterischer ausgefallen.

Kommen wir zur Musik des neuen Albums. Die Songs erscheinen wieder etwas rauer, mit mehr Ecken und Kanten.

Rau, aber anspruchsvoll und sehr unterschiedlich. Im Kern viel Rock'n'Roll, aber um diesen Kern herum gibt es viele andere Dinge, ausgefeilte Balladen wie "Streets Of Love". "Back Of My Hand" ist ein schneidiger Blues, vielleicht wie in den 40er Jahren. Das Album ist sehr vielseitig und lang.

Aber letztlich doch typisch Stones.

Ja, sehr. Sie haben sich nicht gerade weiterentwickelt in diesen vergangenen 20 Jahren.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 36/2005

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