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18. November 2008, 06:46 Uhr

"Eier, wir brauchen Eier"

Gähnende Langeweile auf dem Bauernhof. Doch RTL kann sich die ländliche Tristesse, die sich bei "Bauer sucht Frau" eingestellt hat, erlauben: Die Quoten sind überragend und der wahre Hype findet längst außerhalb der Sendung statt. Ein Blick über den Fernseherrand. Von Katharina Miklis

Bauer sucht Frau, Heinrich, Hansi, Inka Bause, RTL

Nichts ist mehr geheim im Leben von Bauer Heinrich und seinen Kollegen© RTL

Sie waren ganz normale Landwirte. Jetzt heißen sie "einsamer Biobauer", "singender Schäfer" oder "gemütlicher Getreidebauer" und befinden sich inmitten der Vorhölle des TV-Trash. Moderatorin Inka Bause lässt die neun Teilnehmer von "Bauer sucht Frau" seit sechs Wochen mit aufgesetzter Fröhlichkeit durch den brennenden Reifen der Fernsehunterhaltung springen. Und das schadenfrohe Publikum freut sich, wenn sich jemand verbrennt. Davon lebt die Freakshow: Je doller die Bauern schmoren, desto besser. Mehr oder weniger über Nacht sind die neun Landwirte, die auf der Suche nach Liebe waren, zu Hauptakteuren einer Realsatire geworden, in der sie sich selbst spielen - und keine Chance haben: Das Drehbuch ist vom Sender längst vorgegeben. Und darin ist nicht viel Platz für Happy Ends.

Wie RTL mit den Bauern Heu macht

In Folge sechs scheint das Drehbuch kurz und knapp ausgefallen zu sein: "Haben mit den dummen Bauern schon genug Heu gemacht. Jetzt bloß nicht mehr ackern, Kollegen. Der ulkige Schäfer soll nochmal sein Lied singen und: Eier, wir brauchen Eier. Der Hansi soll ein paar davon trinken. Roh. Hat was von "DSDS" und "Dschungelcamp" - die Leute werden es lieben. Klappe und Ende". Und genauso war's. Damit wenigstens ein paar Tränen kullern, durfte der "romantische Schwarzwälder" Frank seinem aufgedrückten Namen alle Ehre machen und "seine" Claudia zum Abschied mit roten Rosen und einem rührenden Liebesgeständnis überraschen. Und Schäfer Heinrich sollte so tun, als hätte er mit "die Anja" etwa Spaß im Heu - klappte nicht. Mehr passierte nicht. Doch das ist halb so schlimm. Die Quoten der Bauernblödelei sind mittlerweile so überragend, dass es dem Sender egal sein kann, wenn die Zuschauer vor dem Fernseher einschlafen - sie schalten nächste Woche sowieso wieder ein. Und der eigentliche Hype findet schon längst außerhalb der Sendung statt.

Privatleben an der Stalltür abgegeben

Gestern noch ganz allein mit sich selbst, den Tieren und höchstens noch Mutti beschäftigt, stehen die unbedarften Bauern plötzlich im Interesse von über acht Millionen Zuschauern. Der "rüstige Hühnerwirt" Hansi findet sich splitternackt auf der Titelseite der "Bild"-Zeitung wieder, auf der in großen Lettern steht, dass die Ehe des 71-Jährigen an seiner FKK- und Alkohol-Sucht zerbrach. Dass Uwe, "der ehrliche Rinderwirt", 46, in seinem ganzen Leben noch keinen Sex hatte, ist auch kein Geheimnis mehr. Ebenso wenig wie das erbärmliche Einkommen, das dem "singenden Schäfer" Heinrich und seiner Mutter zum Leben bleibt. Mit der Teilnahme bei "Bauer sucht Frau" haben die Landwirte ihr Privatleben an der Stalltür abgegeben und jetzt müssen sie sehen, wie sie damit klarkommen.

Die einen stecken das gut weg. Wie Günne, der "sportliche Milchbauer". Kaum war das RTL-Team samt der Auserwählten, Evelyn, weg, krallte er sich seine Nachbarin. Wo die Liebe hinfällt, wird eben nicht von einer TV-Show vorgegeben. Die anderen Bauern haben es nicht so leicht und fallen auf das - zumeist geheuchelte - Interesse herein. Schließlich sind die Kameras mittlerweile weg und das Leben auf den Hof bei fast allen wieder sehr einsam. Ohne zu merken was passiert, stehen sie plötzlich im TV-Stall der Habgier und werden selbst gemolken. Wie der gutgläubige Schäfer Heinrich. Über Nacht wurde er zum traurigen Star der Balz-Sendung, die Landromantik vorgaukelt und nur Häme und Spott bietet. Jetzt wird der schüchterne Bauer von Dorfparty zu Dorfparty durchgereicht und darf überall mal sein Schäferlied singen. Während die Kassen der Partyveranstalter klingeln und sich schon der nächste überlegt, wie er mit Heinrich eine schnelle Mark machen kann, geht der schon wieder einsam nach Hause. Die große Liebe hat er nicht gefunden. Dafür viele falsche Freunde, die ihm jetzt einreden, er sei ein Star. In den kommenden Tagen bringt er sogar eine eigene CD heraus. Die Marketingmaschinerie läuft. Und ein bisschen Heinrich ist für alle da.

Von Katharina Miklis
 
 
KOMMENTARE (10 von 28)
 
Remolus (24.11.2008, 23:19 Uhr)
Leider ist es so wie es ist
Vermehrt sind hier die Schlagwörter Bildung und Unterhaltung zu hören. Was für eine tolle Kombination wäre es, wenn das Beides zusammen funktionieren würde, ein großer Teil der TV-User sind absolut bildungsresistent.Sie ergötzen sich an der Zurschaustellung ihresgleichen, frei nach dem Motto, dem geht es genau wie mir, oder noch nen Zacken schlechter...
Für mich fragwürdig ist, das es aber Menschen gibt, welche sich ausstellen lassen!!! Und genau diese Menschen haben an dem Erfolg solcher Sendungen genauso viel"Schuld" wie der Konsument solcher Ergüsse hochbezahlter TV-Produzenten. Schön das wir eine enorme Auswahl an Sendern haben und das unsere Fernbedienungen Batterien haben, schön das ich Bücher besitze ...
najaundso (19.11.2008, 00:01 Uhr)
@sportartmakler & @malt
amüsement bedeutet nicht immer nur lachen sondern kurzweil. fragen sie sich bitte selbst was vor 15tagen in der tagesschaue lief und was sie mit der information gemacht haben.
im übrigen sagte ich niregendwo, dass ich die wahrheit gefunden habe, denn wenn man sich meine posts anschaut wird man erkennen, dass ich schrieb "wahrheit basiert auf subjektiver interpretation der tatsachen". die drei punkte nach dem satz können sie sich somit sparen!
@malt
"ich möchte nur, dass sich diese Leute darüber bewusst sind, WIE sie sich unterhalten lassen." sofern sie sich selbst bewusst sind wie sie sich unterhalten lasen, ist alles ok. wenn sie allerdings der meinung sind selbst besser (somit höher) als andere unterhalten zu werden, sollten sie noch einmal gänzlich über ihre unterhaltungssituation nachdenken. denn alles ist einfach nur unterhaltung!
das ist im übrigen auch der satz mit dem ich das ganze begann:
that´s all is entertainment!
Malt (18.11.2008, 19:11 Uhr)
@najaundso
Also, ich für meinen Teil sehe die Tagesschau keineswegs um mich zu "amüsieren", sondern um mich zu informieren. Denn Änderungen des BKA Gesetztes oder staatliche Hilfen für Banken betreffen mich als Bürger dieses Landes und Steuerzahler sehr wohl direkt. Und ja, ich schaue auch z.B. gerne Dokus um mich zu unterhalten.... aber weil es mich schlichtweg interessiert und nicht, um mich anderen Menschen "überlegen" zu fühlen... warum auch? Ich behaute ja nicht, ich wäre besser als die, die sich z.B. BSF anschauen... ich möchte nur, dass sich diese Leute darüber bewusst sind, WIE sie sich unterhalten lassen.
sportartmakler (18.11.2008, 18:14 Uhr)
najaundso
ihr letzter post zeigt ebenfalls einen selbsternannten wahrheitschecker. also nicht so weit aus dem fenster...
ich für meinen teil lache nicht bei der tagesschau über gezeigtes menschliches leid. wie kommen sie daruf wir würden uns amüsieren? unterschied zw. doku von arte und rtl. nun, der eine sender zeigt welche und der andere nicht. und inhalte von dokus als nutzloses, irrelevantes wissen hinzustellen, ist nur ihre persönliche meinung, die ich absolut nicht teilen kann. wissen diene nur der unterhaltung meines gesprächspartners ist schon eine für meinen geschmack sehr seltsame sicht der dinge. wissen, interesse, lernen und damit verbunden immer wieder neue erkenntnisse formen undver#ändern gegebenenfalls die persönlichkeit der menschen zeitlebens. im übrigen, selbst bei konkreter betrachtung des mediums fernsehen kann man seinen unterhaltungswert sehen, streitet keiner ab. was kritisiert wurde ist die entstehende gefahr aus immer flacher werdenen formaten, die auch die letzten grenzen fürs fremdschämen auflösen.
bibi_37 (18.11.2008, 17:36 Uhr)
@najaundso
Faktenwissen ist besser als gar kein Wissen. Das was Sie und ich in der Schule gelernt haben ist auch Faktenwissen, na und? Davon wende ich im täglichen Leben auch relativ wenig an, aber deshalb möchte ich es doch nicht missen. Das gilt auch für die meisten Bücher, die ich gelesen habe. Wissen und Bildung lässt nicht daran messen, wie viel davon man im täglichen Leben anwenden kann. Ich bin froh über alles was ich bisher gelernt habe und über alles was ich noch lernen kann. Es gibt gute und schlechte Sendungen so wie es gute und schlechte Bücher, Filme, Lehrer uvm. gibt.
najaundso (18.11.2008, 17:03 Uhr)
@ malt & bibi37
@malt
"was ich als die eigentliche Gefahr derartiger Sendungen sehe, ist eben der Zustand, das sich hier mal mehr, mal weniger auf Kosten des Leides anderer amüsiert wird, was nun mal die niedrigste Unterhaltungsform überhaupt ist."
was sehen sie in der tagesschau? ich seh da nur leid anderer menschen und wir amüsieren uns darüber. wenn sie den unterhaltungsfaktor der tagesschau anzweifeln, dann überleben sie bitte was an den sogenannten informationen eine relevanz für ihr leben besitzt.
im übrigen reagiere ich so bissig,weil mir die selbsterhöhung der selbsternannten wahrheitschecker zutiefst auf den sack geht. wo ist denn der unterschied zwischen einer doku auf arte und der auf rtl? beides liefert nutzlose fakten die null relevanz für das leben der zuschauer haben. beides unterhält den zuschauer und wird in späteren unterhaltungen/ gesprächen eingebracht um den gesprächspartner zu unterhalten. mehr ist es nicht.
@bibi_37
die sendungen die sie sich aussuchen um etwas zu lernen liefern ihnen im bestenfalle faktenwissen. oder wie hoft haben sie schon das gelernte wissen aus den dokus von arte usw. in ihrem leben angewand.
wahrscheinlich hab ich mich zu sehr mit dem medium beschäftigt, als das man mir hier folgen kann. denn solang man das medium fernsehen abstrakt betrachtet erkennt man seinen unterhaltungsgehalt. mehr ist da nicht zu finden.
aber auch damit werd ich sie nicht überzeugt haben, denn wir betrachten das medium von unterschiedlichem background aus. zum einen vom theoretischen zum anderen vom meinungsstandpunkt der aus subjektiver kulturbedingter gelernter ansicht besteht.
bibi_37 (18.11.2008, 16:42 Uhr)
@najaundso
Sie schreiben: "wie kann das medium fernsehen denn bitte bilden?" Na ganz einfach: indem man sich Sendungen aussucht, bei denen man etwas lernen kann. Es gibt immer noch solche Sendungen, aber natürlich sucht man diese bei RTL und Pro7 vergeblich. Wenn man also mal zu müde zum Lesen ist, kann man sich durchaus auch etwas Vernünftiges anschauen. Ist jedem selbst überlassen, ob er BSF bzw. DSDS oder doch lieber eine interessante Doku, ein Politmagazin oder einen gut gemachten Film anschaut.
Malt (18.11.2008, 16:27 Uhr)
@najaundso
Warum reagieren Sie denn so bissig? Das eine Sendung wie BSF das Bedürfniss des Menschen bedient, sich über andere zu erheben und dadurch besser zu fühlen, kann man wohl nicht abstreiten. Ebenso wie die anderen von mir erwähnten Sendungen, oder? Der Unterschied, und das ist das, was ich als die eigentliche Gefahr derartiger Sendungen sehe, ist eben der Zustand, das sich hier mal mehr, mal weniger auf Kosten des Leides anderer amüsiert wird, was nun mal die niedrigste Unterhaltungsform überhaupt ist. Dies wird aber im Gewand einer "harmlosen" Unterhaltungsshow getan. Und über den Zustand sind sich nun mal viele Leute nicht bewußt! Das ist nun mal so, da muss man sich nur mal mit ein paar Leuten drüber unterhalten.
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Davon abgesehen finde ich das Menschenbild, wie es stellenweise in derartigen Sendungen dargestellt wird, richtiggehend abartig. Da werden wie bei BSF Frauen wie "Frischfleisch" vorgeführt, bei "Das Model und das Freak" wird die unangepasstheit der Leute wie eine Art Krankheit dargestellt, nur weil man eben nicht die neusten Markenklamotten anhat ioder aussieht wie ein Model aus Man's Health, da werden bei DSDSS Menschen, die geistig anscheinend nicht ganz auf der Höhe sind, vor einem Millionenpublikum gedemütigt undundund... ich glaube einfach (und ja, das ist meine persönliche Meinung) dass, wenn man ständig mit derartigen "Gleichschaltungsprogrammen" konfrontiert wird, dieses früher oder später mehr oder weniger mit übernimmt. Denn Wiederholung ist eine stärkere Waffe, als wir alle uns vorstellen können.
najaundso (18.11.2008, 15:45 Uhr)
@sportartmakler
ich sagte fernsehen ist kein bildungsmedium und mein damit die klassische bildung. das es meinungsbildend sein kann, steht ausßer frage, das wissen wir seit hitler und den olympischen spielen 36. aber auch da wurde die meinung durch perfekt inszenierte unterhaltung gebildet. emotionslose moderatoren, einfaches aufzählen von weiten und nur die nennung der sportler wären mit sicherheit nicht so gut angekommen.
und zu ihrer aussage "vorausgesetzt man übernimmt nicht alles was gesendet wird als die ultimative wahrheit" kann ich nur zustimmen. meine frage ist aber mal, was wird mehr als ultimative wahrheit gesehen? das was in der tagesschau läuft, was auf arte läuft oder "bauer sucht frau"? welche ultimativen wahrheiten zeigt "bauer sucht frau" auf und welche die tagesschau? wo sollte man kritisch hinschauen und wo nicht?
im übrigen schätz ich einmal, dass sie sich bei der aussage "dazu ist aber nicht jeder in der lage." sicherlich zu den wenigen zählen. oder? und wiedereinmal bewahrheitet sich der spruch "alle sehen sich immer als teil der lösung aber nie als teil des problems"
ich wünsch noch viel unterhaltung und etwas mehr kritik bei tagesschau und weniger bei boulevard!
sportartmakler (18.11.2008, 15:30 Uhr)
@najaundso
über geschmack läßt sich ja bekanntlich streiten, aber ich finde malt hat nicht ganz unrecht. ihrer ansicht "es ist und bleibt ein einfaches unterhaltungsmedium und es ist da am besten wo es zweifelsfrei unterhält." kann man sich durchaus anschließen, vorausgesetzt man übernimmt nicht alles was gesendet wird als die ultimative wahrheit. dazu ist aber nicht jeder in der lage.
me kann das fernsehen sehr wohl dinge leisten die sie ihm absprechen.
wie jedes andere medium auch trägt es zur meinungsbildung bei, wobei es vermehrt gefährlicherweise meinungen vorgibt.
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