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6. Februar 2008, 08:58 Uhr

"Ich bin wie Cortison"

Gipfel der Scheinheiligkeit: Beim rituellen Treffen mit Männerfreund JBK sollte RTL-Sprücheklopfer Dieter Bohlen im ZDF die rüden Methoden bei "DSDS" verteidigen - heraus kamen Häme und gepflegte Selbstdarstellung im beiderseitigen Quoteninteresse. Von Peter Luley

Sprüche-Zampano Dieter Bohlen durfte sich bei ZDF-Talkmaster Johannes B. Kerner austoben© Achim Scheidelmann/DPA

Wenn, wie derzeit wieder, der alljährliche zahnlose Protest der Medienwächter gegen die menschenverachtenden Umgangsformen bei der RTL-Castingshow "DSDS" verhandelt wird, darf natürlich eins nicht fehlen: der rituelle Dieter-Bohlen-Rechtfertigungsbesuch bei ZDF-Talkmaster Johannes B. Kerner. Gestern gab sich der Rüpel-Juror mal wieder bei dem Betroffenheits-Salbader die Ehre. Wie immer musste er nicht befürchten, von dem bewährten Medienpartner und Männerfreund aus dem Studio komplimentiert zu werden.

Wie viele Tage Urlaub er denn im Jahr so mache, hatte sich ZDF-Journalist Kerner stattdessen als knallharte Einstiegsfrage überlegt; der frisch von den Malediven zurückgekehrte Bohlen durfte erst mal ausgiebig über das "Malle für die Diven" und den dort gestiegenen Russenanteil räsonieren. Um die Tücken von Stechmücken ging es (Bohlen: "Es juckt, du kratzt"), den Tauchkurs, den Bohlens derzeitige Lebensgefährtin Carina absolviert habe, Squash-Unfälle, Sport und Fitness, und schließlich vollführte der sogenannte Pop-Titan und Buchautor ("Meine Hammersprüche") zum Beweis seiner Jugendlichkeit 50 Liegestütze.

Die unangenehmen Fragen für später aufgehoben

Ob er die RTL-Castings denn im Urlaub vergessen könne, fragte Kerner besorgt ("ist das raus aus deinem Kopf?") - "Wenn ich beim Casting rausgehe, ist das vorbei für mich, da nehm' ich gar nix mit, du könntest mir am nächsten Tag das gleiche Casting noch mal präsentieren, ich würde das nicht mitkriegen", beruhigte ihn Bohlen. Später in der Sendung wolle man noch über diesen Kandidaten sprechen, dem es nicht so gut ergangen sei, erklärte Kerner zaghaft. Aber zunächst zurück zum Thema Urlaub - Fotografieren, nächtliche Gebete und feuchte Hände beim Fliegen wurden erörtert.

Bis der Tod sie scheidet, möchte Bohlen über Schützling Mark Medlock wachen© Henning Kaiser/DDP

Einmal mehr zelebrierte Bohlen den volkstümlichen Macho, der eben redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist; der vielleicht manchmal über die Stränge schlägt, aber irgendwie auch die Wahrheit sagt. Der Hobby-Philosoph aus Tötensen nutzte das Kerner-Podium, um über das "Wertesystem" zu referieren, das Eltern ihren Kindern vermitteln müssten, damit keine Opas mehr in U-Bahnen zusammengeschlagen würden. Und gab wohlfeile Stammtisch-Parolen aus, die eine Polit-Karriere denkbar scheinen lassen: "Ich finde es eine absolute Sauerei von diesem Land, dass man nicht jedem Jugendlichen eine Lehrstelle gibt."

So viel Gutmenschentum vom Berufs-Krawallo? Bevor es geschäftsschädigend werden konnte, streute Bohlen die obligatorische Portion Häme ein. Von Kerner leutselig auf die Insolvenz des Elektronik-Unternehmers Franjo Pooth angesprochen ("hast du das mitbekommen, dass Veronas Mann 'n bisschen finanzielle Schwierigkeiten hat?"), gab sich der Sprücheklopfer launig als Samariter: "Wenn sie mal 'ne Suppe braucht im Winter, ich bin immer da", erklärte er in Richtung seiner Ex-Gattin. Für den gescheiterten Entrepreneur gab's ein paar gönnerhafte Ratschläge ("Wenn Franjo mich gefragt hätte, soll ich MP3-Player verkaufen, dann hätte ich ihm gesagt: Ey, Alter, lass das. Weil der Markt ist viel zu schwierig für 'n kleinen Jungen, der keine Ahnung hat") - und für die aktuelle Gefährtin einen anrührenden Liebesbeweis: "Wenn sie mir unterschreibt, dass sie mit mir in den Sarg geht, dann mach' ich das."

Bohlen als Retter der Kandidaten

So wurde es halb zwölf, bis Saubermann Kerner in seiner unnachahmlichen Art auf die Kritik am RTL-Casting und den Fall des kollabierten "DSDS"-Aspiranten Raymund zu sprechen kam: Ob die mediale Aufregung Teil der Marketingstrategie sei, fragte der Gastgeber - und erntete von Bohlen ein abgeklärtes "Jo". Auch sonst plagen den einstigen "Modern Talking"-Heuler keine Selbstzweifel: Ob er nicht seelische Wracks produziere, wollte Kerner wissen. Er sehe sich eher als Retter der Kandidaten, der diese vor Selbstüberschätzung schütze, konterte Bohlen: "Ich bin wie Cortison, ich nehm' diese Schwellungen raus, befrei die vom Übel." Im Übrigen sei der Zusammenbruch simuliert gewesen.

Ihren Höhepunkt, sozusagen den Gipfel der Scheinheiligkeit, erreichte die Sendung, als Kerner den inkriminierten "DSDS"-Ausschnitt mitsamt Bohlens inzwischen geflügeltem Echo-Wort ("Wenn du in die Berge gehst und du rufst dazu 'Hallo Echo', da kommt auch kein Echo, weil Echos haben auch Geschmack") selbst noch mal zeigte, um dann zu fragen, ob ein Sender nicht sagen könne: "Einfach mal nicht ausstrahlen?" Bohlen war so natürlich nicht zu packen - auch nicht von dem als unabhängige Instanz geladenen "Gewissensexperten" der "Süddeutschen Zeitung" Dr. Dr. Rainer Erlinger. Der drang nicht durch, als er ins Feld führte, die Vorgeführten könnten ihre ungewohnte mediale Präsenz im Gegensatz zum Vollprofi Bohlen nicht einschätzen. "Wenn das die erste Staffel gewesen wäre", konterte Bohlen.

So hätte es wohl noch ewig weitergehen können, mit Anekdoten des Sprüche-Zampanos, der noch so viele Staffeln machen will, wie's geht, und mit Liebesbekundungen für Mark Medlock, dem Bohlen versicherte, er werde "bis zu seiner Einäscherung" unter seinem Schutz stehen - wenn nicht die Sendezeit von 75 Minuten irgendwann vorbei gewesen wäre. Doch Fortsetzung folgt bestimmt: Irgendwann, verkündeten die beiden am Ende, wollten sie mal die Rollen von Frager und Befragtem tauschen. Für den Zuschauer dürfte das keinen so großen Unterschied machen.

Von Peter Luley
 
 
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