Durch den Shitstorm nach Hawaii

9. Juni 2013, 15:13 Uhr

Als die Stierkampfarena zum Circus Maximus wurde: Eine Zuschauerin schummelt sich bei der Lanz-Challenge von "Wetten, dass..?" zum Gewinn und wird zur Hassfigur des Abends. Ein unwürdiges Schauspiel. Von Jens Wiesner

Wetten dass, Lanz, Limbo, Stefanie, Bochum

Das Limbo-Duell bei der Mallorca-Ausgabe von "Wetten, dass..?" sorgte für reichlich Empörung©

Die Menge grölt, buht eine junge Frau aus, die gerade noch mit frenetischem Applaus gefeiert wurde. Stefanie aus Bochum versucht trotzig, Fassung zu bewahren. Keine leichte Aufgabe, wenn sich 9000 Menschen plötzlich lautstark gegen einen richten. Befänden wir uns im alten Rom, wäre Markus Lanz Imperator, er hätte längst den Daumen senken müssen. Aber das 21. Jahrhundert braucht keinen Imperator mehr, der demokratische Pöbel entfesselt den Shitstorm von ganz alleine.

Die letzten Minuten der gestrigen Mallorca-Ausgabe von "Wetten, dass..?" waren ein Lehrstück in menschlicher Psychologie und Gruppendynamik. Im Mittelpunkt stand eine junge Frau, die sich ihre fünf Minuten Fernsehruhm sicher anders vorgestellt hatte.

Was war geschehen? Zuschauerin Stefanie hatte Moderator Lanz zum Limbo-Duell herausgefordert. Die Niveaulatte der Sendung lag ohnehin schon niedrig, warum also nicht? Zu gewinnen gab es auch etwas, eine Reise nach Hawaii, für zwei Personen - immerhin. Für Lanz ging es um die Ehre - mehr Motivation braucht es in der Regel nicht, um den Moderator zu Höchstleistungen zu treiben. Doch mit ihrer vorlauten Art sollte sich Stefanie schnell ihre Vorschusssympathien verspielen. "Ja, einfach nur drunterher!" schleuderte sie Lanz entgegen, als der nach den Limbo-Regeln fragte. Und flutsche selbst locker, flockig in der Hocke unter der Stange durch. "Hallo!", protestierte der Moderator, das Publikum pfiff und roch Schmu. "Ja, nochmal, das war scheiße!" gestand die Herausforderin ein - nur um beim zweiten Versuch auf Knien durchzurutschen. Wieder Pfiffe. Und Stefanie? Die machte auf Oberlehrerin und damit alles nur noch schlimmer: "In der Karibik wird es auf den Unterschenkeln getanzt" und "Steht bei Wikipedia!", klärte sie Lanz auf und fuchtelte dabei wild mit ihrem Zeigefinger vor der Nase des Moderators herum.

Nachspiel auf Youtube

Hatte Stefanie in der Schule nicht aufgepasst? Besserwisser bekommen irgendwann ihre Abreibung. Ganz egal, ob sie recht haben oder nicht. Und tatsächlich: Auf den Rängen der Stierkampfarena schalteten die Menschen auf Schulhofbully-Modus: Immer lauter schrien sie ihren Protest heraus, die Stimmung kippte. Erst in diesem Moment besann sich Lanz seiner Moderatorenpflicht und versuchte die Menge, die er zuvor selbst angestachelt hatte, zu beruhigen. Als Kompromiss trat schließlich Howard Carpendale für die Kandidatin an und erspielte ihr per Kugelstoß doch noch den ersehnten Urlaub. Stefanie bedankte sich artig, während das Publikum weiter lautstark gegen die Entscheidung aufbegehrte. Während Lanz etwas hilflos "Alles gut" stammelte, fiel ihm ausgerechnet Stefan Raab, eigentlich als Gast in der Sendung, in den Rücken: "Ich kann die Leute verstehen."

Vor einigen Jahrzehnten hätte das unwürdige Schauspiel nach dem Abspann ein Ende gefunden. Vergeben, vergessen. Doch in einer durchmedialisierten Welt wie der unsrigen kommt ein solcher Auftritt nicht ohne hässliches Nachspiel aus. Flugs landete die Szene auf Youtube, seitdem sammeln sich minütlich neue Hasskommentare darunter. Erinnerungen an den Fall "Hass-Martin" werden wach, jenen Apothekersanwärter, der sich mit seiner pampigen Art bei "Schlag den Raab" unbeliebt machte.

Mittlerweile durfte sich die Bochumerin in einem Kurzinterview des ZDF zu dem Vorfall äußern. Doch, leider, leider, hat der jungen Frau vorher niemand erklärt, wie man sich im Auge des Shitstorms zu verhalten hat. "Man braucht nur Wikipedia aufschlagen und Limbo eingeben, da sieht man direkt eine Abbildung. Wenn Herr Lanz das gemacht hätte, dann wüsste er wie es geht", versuchte sie, sichtlich aufgewühlt, sich zu verteidigen. Und erreichte damit nur das Gegenteil: Nun keift die Meute auch an einer zweiten Front. Stefanie will ihre Reise trotzdem antreten. Der Shitstorm dürfte sich bis dahin erledigt haben. Ein Sturm im Wasserglas vergeht bekanntlich schnell.

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