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8. April 2010, 11:41 Uhr

Östrogen-Opfer verlieren gegen Testosteron-Bolzen

Den Kampf um die Fernbedienung haben offensichtlich gestern die Männer für sich entschieden: Doris Dörries Doppelfolge zum Serienstart von "Klimawechsel" hatte wegen der Konkurrenz durch König Fußball wenig Zuschauer. Schade für das TV-Experiment über Psychowracks in den Wechseljahren. Von Kathrin Buchner

Gynkäkologin Dr. Evelyn Bach (Maren Kroymann) spritzt nicht nur ihren Patientinnen Botox© Kerstin Stelter/ZDF

Lediglich 3,57 Millionen Zuschauer schalteten ein bei "Klimawechsel", dem Start der Miniserie von Doris Dörrie über Schweißausbrüche, Hitzewallungen und Altersängste von Frauen in den besten Jahren. Das entspricht einem Marktanteil von elf Prozent und landet weit abgeschlagen von König Fußball: Das Champions-League-Spiel von Bayern München gegen Manchester United verfolgten im Gegensatz dazu gut elf Millionen Fernsehzuschauer.

Die Rechnung, dass Frauen über sich selbst lachen können, wenn Männer die Balljagd verfolgen, ging also nicht auf. Dabei hätte "Klimawechsel" das Zuschauen durchaus verdient: In poppigen Farben, teils mit Handkamera gedreht, und einem guten Gespür für Timing, Pointen, Details und vor allem einer hervorragenden Besetzung hat Regisseurin Dörrie ihre Miniserie über Frauen in den Wechseljahren gedreht. Den Kampf gegen schwindende Östrogene hat die Regisseurin in bitterböse Dialoge verpackt, in denen schonungslos offen Problemzonen ausgesprochen werden: "Die sieht unten aus wie ein ausgeleierte Unterhose", sagt Maren Kroymann als Dr. Evelyn Bach. Die Gynäkologin mit roter Perücke und viel Goldschmuck spritzt sich nicht nur selbst, sondern auch ihren Patientinnen Botox, lässt sich für ihren jungen Liebhaber die Brüste operieren und führt Vaginalstraffungen auf Kassenkosten durch.

Hormonrausch in Pubertät und Klimakterium

Die weiteren Serienheldinnen sind allesamt Lehrerinnen. Das ist besonders pikant, denn so wird die Problemzone ausgeweitet: Das von der Menopause geplagte weibliche Kollegium trifft auf Teenager im Hormonrausch, die sich wie Raubtiere in der Meute gebärden und vor denen rehscheue und leicht hysterische Erzieherinnen wie Cornelia Koch (Juliane Köhler) direkt auf die Therapiecouch flüchten. Da braucht es schon eine Löwenbändigerin wie Beate Busch (Ulrike Kriener), die sich im Tigerprint-Oberteil und mit Kasernenhof-Ton durchsetzt.

Wenn auch einige Szenen etwas überdreht anmuten und die Episoden anfangs eher abgehackt episodenartig aneinandergereiht sind, Dörries feine Beobachtungsgabe für menschliche Schwäche und Charaktere macht das schnell wett. Herausragend ist Andrea Sawatzki als frustrierte Mutter, die vom Stillen ständig müde ist, aber eigentlich nur für die Kunst lebt. Aber weil der nichtsnutzige Kindsvater lieber Matratzengymnastik mit seinen Kundinnen betreibt als mit Yogastunden anständig Geld zu verdienen, muss sie ignoranten Schüler die schönen Künste nahebringen. Wie ein Berserker tackert das verkappte Genie Plastikwindeln auf eine Leinwand. Mit derb-bayerischem Akzent, Hornbrille, straßenköterblonder Ponyfrisur und einer Pelzmütze, mit der sie sich gegen die Ignoranz der Umwelt abschottet, gleicht Sawatzki so gar nicht der immer leicht abgespacet wirkenden "Tatort"-Kommissarin, sondern hat frappierende Ähnlichkeit mit einigen Kunstkäuzen an Deutschlands Schulen.

Wie wenig das Thema der schwindenden Jugend und Schönheit Männer beeindruckt, zeigt eine einzige Szene: Es tue so weh, alt zu werden, sagt Lehrerin Busch zu ihrem Gatten. "Aber nur, wenn man darüber nachdenkt", erwidert der und schaut noch nicht mal vom Computer hoch, als sie zum Hormonyoga abdampft.

Man kann der Serie nur wünschen, dass sich heute Abend, wenn der nächste Teil ab 21 Uhr im ZDF läuft, die Frauen zumindest die Macht an der Fernbedienung zurückerobern und die Quote steigt. Denn ansonsten wird solch TV-Experiment jenseits von Pilcher-Romantik und Traumschiff-Schmonzette künftig kaum jemand mehr wagen.

Von Kathrin Buchner
 
 
KOMMENTARE (10 von 16)
 
gaugola (10.04.2010, 06:56 Uhr)
enttäuscht
Als Frau die die Wechseljahre mit sehr viel Humor "erträgt" und als großer Dörrie-Fan war ich masslos enttäuscht über die benutzten Klischees, den platten Humor, um nicht zu sagen Klamauk,und die Schauspielleistungen. Dennoch habe ich tapfer 1 Folge am Mittwoch durchgehalten, in der Hoffnung es möge besser werden.Leider war dem nicht so:-( Und so habe ich, obwohl ich mich nach all den Vorankündigungen sehr auf die Serie gefreut habe, abgeschaltet und werde auch nicht wieder einschalten..... Schade,für mich Thema verfehlt, auch wenn Gott sei Dank, Frau Ferres und Frau Neubauer nicht mitspielen durften.
gittachen (09.04.2010, 20:34 Uhr)
Fussball
leider ist der Programmdirektor ein Mann.
Diese Sendung haette einen besseren Sendeplatz verdient! Auch ich/Frau 62/ habe Fussball gesehen und habe die Sendung aufgezeichnet.
Ich freue mich auf die naechste Folge:
Sia1957 (09.04.2010, 19:12 Uhr)
Lustiger lesen
Dass das Thema Wechseljahre endlich die öde Ratgeber-Ecke verlässt, wurde höchste Zeit! Ich hatte auch schon sehr viel Spaß mit dem im letzten Herbst erschienen Roman "Erster Tampon, letzter Tampon" von Susanne Schulze-Ploog. Da geht es um eine Hamburger Chefredakteurin, die die zweite Pubertät sehr munter erlebt. Ein Beweis übrigens, dass auch der ganz normale Alltag in dieser Zeit manchmal saukomisch ist (die Dörrie-Überzeichnung braucht es also gar nicht).
regintext (09.04.2010, 16:08 Uhr)
Klimawechsel
Ein kabarettistisches Meisterstück von Doris Dörrie ist dieser "Klimawechsel" und zugleich nichts als die nackte Realtität: Wer als Mann sich je im Lehrerzimmer unter 40 solchen Lehrerinnen aufgehalten hat, weiß: So ist es, so sind sie, und dem ist noch einiges hinzuzufügen! Die Älteren kreisen vorrangig um ihre klimakteriellen Befindlichkeiten, die Jüngeren um Mutterschaft und Kreißsaalerfahrungen. Ich zog es bald vor, das Lehrerzimmer zu meiden und entweder in meinem Klassenzimmer zu bleiben oder mich auf dem Schulhof bei besserer als klimakteriell angeschwitzter Luft aufzuhalten. Ich würde DD gern das Buch "Schule machen ? Lernen mit List und Lust statt Launen und Langeweile" schenken, weil dies ihre Erfahrungen verifiziert und in Details noch ergänzt.
botoxia (09.04.2010, 11:28 Uhr)
Fussball
Wie kann nur jeder Programmdirktor glauben, dass Frauen "auf keinen Fall" Fussball sehen wollen? Bei ausgerechnet einem Champions league Viertelfinale! Mit diesen beiden Mannschaften! Also wirklich, da war die schlechte Quote doch geplant, damit man danach sagen kann, es hätte sich nicht als wirtschaftlich erwiesen, eine schöne kleine Miniserie über Frauen in den Wechseljahren zu produzieren. Auch ich, eigentlich exakt Zielgruppe, habe mir unbedingt Fussball ansehen wollen. Sorry.
batavia (09.04.2010, 10:53 Uhr)
Mehr mehr mehr davon !!
Ich fand es sehr unterhaltsam - mal abgesehen davon, ob die "Wechseljahre" nun wirklich so verlaufen, wie dargestellt.

Aber endlich ohne Neubauer und Ferres und gepilcherten Käse. Und erst die Darstellerinnen ! Glückwunsch zur Besetzung.

Ein highlight ist auch "der Ronny - namaste".

Ist wirklich schon nach sechs Folgen Schluss ? Wäre schade.
Johann58 (08.04.2010, 21:24 Uhr)
@Tendina
im Internet bnei ZDF.de in der Mediathek nachsehen, da kann man es sich im Internet ansehen. Ich habe mich koestlich amuesiert.
schlusi09 (08.04.2010, 15:43 Uhr)
Macht
Da bei uns ich die Macht der Fernbedienung habe,hat mein Mann gestern den Auftakt zur Serie gesehen.Wir beide fandens super lustig,überspitzt,lustig,bitterböse und vor allem sehr gewagt für das ZDF.Andrea Sawatzki als völlig verpeilter Künstlerin zuzu sehen war eine ware Wonne.Mehr davon.
Archimboldo (08.04.2010, 15:00 Uhr)
Sorry!
- Aber die Nähe zu "Sex and the City" sticht mir zusehr in die Augen!
Zwar ist die Betrachtungsweise witzig und schön ironisch, doch fiel mir die Einstiegsfolge zu karrikaturhaft aus und so vermisste ich bei der Handlung etwas Tiefe des "Menschlichen". - Dabei wünsche ich keineswegs eine "verpilcherte" Darstellung des Themas.
Aus eigener Beobachtung scheint das Nachholbedürfnis (gleich welcher Spielart) durch das Klimakterium nur gesteigert aufzutauchen, zugrunde liegende Defizite und Verletzungen (bis zurück in die Kindheit) werden dadurch überlagert.

Als "postklimakterisches" männliches Exemplar würde ich mich gern mit einer Gleichaltrigen vertragen, doch langfristige Prägungen, Gewohnheiten und Befürchtungen sind, wenn überhaupt, nur mit sehr viel Geduld, Zuneigung und Selbstdisziplin zu überbrücken....
Tendina (08.04.2010, 15:00 Uhr)
Pech...
heute ist auch Fussball - Wird die Serie nicht irgendwann wiederholt? Auf Arte?
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