Wie im Märchen

28. Januar 2013, 18:30 Uhr

Obwohl das Dschungelcamp in diesem Jahr viele Kritiker langweilte, war es das zweiterfolgreichste. Warum? Die Zuschauer bekamen etwas Seltenes geboten: das Märchen von der Mannwerdung eines Jungen. Von Carsten Heidböhmer

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Kam als Niemand rein und ging als König wieder raus: Joey Heindle, Sieger des diesjährigen Dschungelcamps©

Seit Samstagnacht ist die Geschichte des Dschungelcamps um eine kuriose Wendung reicher: Mit Joey Heindle errang ein 19-jähriger Außenseiter die Dschungelkrone, den vor zwei Wochen kaum jemand gekannt haben dürfte - und der bis vor einer Woche eher als Lachnummer wahrgenommen wurde. Wie konnte es dazu kommen? Und warum erzielte diese Staffel so hervorragende Einschaltquoten, obwohl im Camp eher wenig passierte?

Der Reiz des Dschungelcamps liegt seit jeher in seinem Laborcharakter. Anders als stark durchgeskriptete Shows wie "Deutschland sucht den Superstar", "Der Bachelor" oder "Bauer sucht Frau" handelt es sich hier um ein Experiment mit völlig offenem Ausgang. Man nimmt elf mehr oder weniger prominente Menschen, sperrt sie 16 Tage lang in ein Camp, setzt sie gehörig unter Stress - und beobachtet dann genüsslich, was passiert.

Das Ergebnis dieses Prozesses ist aus zwei Gründen wenig vorhersehbar: Zum einen lässt sich nicht genau abschätzen, wie die Kandidaten mit dieser besonderen Situation umgehen. Und dann hat der Zuschauer noch ein gehöriges Wörtchen mitzureden: Er entscheidet ab der zweiten Woche, wer bleibt, wer geht - und wer König wird.

Joey eroberte die Herzen der Zuschauer

In diesem seltenen Fall eines Wahlkönigtums entscheidet sich das Volk für die Person, mit der es sympathisiert und sich am stärksten identifiziert. In diesem Jahr war das überraschend der einstige "DSDS"-Teilnehmer Joey, der zunächst ob seiner gewaltigen Wissenslücken und völligen Unbedarftheit belächelt wurde. Doch Schritt für Schritt eroberte dieser Bursche die Herzen des Publikums, brach die Zynismus-gestählten Brustpanzer der Zuschauer auf. All die Witzchen der Moderatoren Sonja Zietlow und Daniel Hartwich über seinen offenbar so geringen Verstand - sie prallten an der Reinheit und Großherzigkeit des Toren ab.

Das hatte unmittelbar mit seinem Verhalten im Camp zu tun: Während sich Kandidatinnen wie Iris Klein, Fiona Erdmann, Allegra Curtis und Georgina Fleur immer wieder Zickenkriege lieferten, und die lange Zeit favorisierte Olivia Jones viel Zeit mit Lästereien über die anderen investierte, ließ sich Joey Heindle seine grundpositive Haltung von nichts und niemandem nehmen. Von ihm vernahm man kein böses Wort zu oder über einen anderen Kandidaten. Das einzige, was ihn im Camp plagte, war der Liebeskummer. Er vermisste seine Freundin - und schämte sich nicht seiner Tränen. Auf diese Weise lebte der 19-Jährige mal eben ein neues Männerbild vor: "Ein richtiger Mann zeigt Gefühle. Wenn er das nicht macht, dann ist er kein Mann", formulierte Heindle sein genderpolitisches Credo im stern.de-Interview.

Die Mannwerdung des Bürschchens

Dieser einzigartige Aufstieg von der absoluten Lachnummer zum ernstzunehmenden Thronanwärter, die Mannwerdung eines unreifen Bürschchens - das war die große Erzählung des diesjährigen Dschungelcamps. Nur eine Staffel war erfolgreicher als diese: Die Ausgabe vor zwei Jahren, als sich Peer Kusmagk durch einen mutigen Akt der Zivilcourage von der grauen Maus in einen Helden verwandelte. Der diesjährige Erfolg zeigt: Wenn die Show eine solche Erzählung liefern kann, eine veritable Heldenreise, gilt sie als gelungen - das lässt sich dann an den guten Quote ablesen.

Denn, das sei allen Kulturpessimisten, die sich für etwas Besseres und das Dschungelcamp für primitiven TV-Trash halten, ins Stammbuch geschrieben: Das Publikum - auch bei RTL - ist besser und anspruchsvoller als sein Ruf. Die Zuschauer wollen mehr, als nur zweitrangigen Promis beim rumzicken zugucken. Sie wollen eine große, glaubwürdige Erzählung. Bei "Ich bin ein Star" haben sie genau das bekommen: ein modernes Märchen. Und das ganz ohne Drehbuch.

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