So ein Projekt hat es im deutschen Fernsehen noch nicht gegeben: Die ARD hat unter höchster Geheimhaltung einen Film über Scientology gedreht. Mit einem Gegenfilm will die Sekte gegen die "Kampagne" des Senders vorgehen. Das misslingt ihr gründlich. Von Katharina Miklis

Helen Klare (Nina Kunzendorf) und Frank (Felix Klare) spielen die Hauptrollen in dem ARD-Drama "Bis nichts mehr bleibt" über Scientology© Christine Schröder/DDP
Es riecht nach Wurst. In einem holzvertäfelten, kalten Kellerraum hat Scientology in Hamburg zur "Pressekonferenz" geladen. In dem abgedunkelten Raum mit dem Charme eines Bestattungsunternehmens stehen Wurstschnittchen und Orangensaft für diejenigen bereit, die gekommen sind, um sich Scientologys Replik auf den ARD-Spielfilm anzusehen. Viele sind es nicht.
"Bis nichts mehr bleibt" ist der erste Film über die Sekte im deutschen Fernsehen. Es ist ein Spielfilm über einen Scientology-Aussteiger, gespielt von Felix Klare, der seine Familie an die ausbeuterische Organisation verliert. Zwischen Psychokursen und Reinigungsprogrammen wird er von der Sekte erst gehirngewaschen, dann ruiniert. Es ist eine fiktive Geschichte. Regisseur Niki Stein stützt sich auf verschiedene Berichte von Informanten und Aussteigern und hat diese in dem Film verarbeitet. Heiner von Rönn ist einer der Aussteiger, die der ARD und dem Produktionsteam von teamWorx-Chef Nico Hofmann beratend zur Seite standen. Informationen lieferte die Scientology-Gegnerin und Hamburger Senatsangestellte Ursula Caberta. Auch das ist der Grund, warum sich die vom Bundesverfassungsschutz beobachtete Sekte nun mit einem eigenen Film gegen die ARD-Produktion wehrt. Caberta, so Jürg Stettler, Sprecher der Scientology Kirche Deutschland, habe die ARD manipuliert.
Einen 40 Minuten langen Dokumentarfilm haben Stettler und seine rechte Hand Frank Busch, Sprecher der Scientology in Hamburg, gedreht, um zu zeigen, wie "die ARD in die Irre geführt wurde". Dem Sender wirft man vor, gegen die Programmrichtlinien sowie gegen journalistische Sorgfaltspflicht zu verstoßen. "Genauso könnte man einen Film machen, in dem alle Mitglieder der katholischen Kirche als lüsterne Pädophile dargestellt werden", so Stettler, der seine Organisation zu negativ dargestellt sieht. In einer Mitteilung für die Presse greift Scientology sogar zu härteren Worten: "Jeder mag für sich selbst beantworten, ob ein derartiges Machwerk nach Jahrzehnten der Vergangenheitsbewältigung noch zeitgemäß ist." Von "Kampagnenjournalismus der ARD" und "verfälschten Tatsachen" spricht Stettler.
Das Bizarre daran ist, dass weder er noch seine Scientology-Kollegen den Film bisher gesehen haben. Dafür hat die ARD gesorgt. Laut Scientology-Sprecher bezieht man sich lediglich auf Presseankündigungen und Aussagen von Reportern. Regisseur Niki Stein hingegen hat mit mehreren Aussteigern gesprochen, innerhalb von Scientology recherchiert, Bücher gelesen und sich mit Sektenmitgliedern und Fachleuten ausgetauscht. Gerne hätte er mehr als 90 Minuten Zeit gehabt, um die "totalitäre Organisation, die ihre Mitglieder entmündigt und die Gesellschaft 'von Unfähigen' reinigen will", zu beleuchten. Carl Bergengruen, Fernsehfilmchef des federführenden Südwestdeutschen Rundfunks, hofft, dass der Film, von dem Experten sagen, dass er der Realität erschreckend nahe kommt, "das Bewusstsein der deutschen Zuschauer schärfen" wird.