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30. November 2011, 08:00 Uhr

Der Müll, der Talk und Frau Roth

Werden wir alle Ökos? Ist Grün das neue Braun? Und was soll eigentlich das Glühlampenverbot? Plakativ formulierte Sandra Maischberger die Frage nach einer drohenden Ökodiktatur. Vor den Talk hatte die Redaktion jedoch den Elchtest an der offenen Mülltonne gestellt. Von Ingo Scheel

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Sandra Maischberger griff beim Motto der Sendung ins höhere Regal: "Eben mal kurz die Welt retten: Droht die Ökodiktatur?"© Illustration: Philipp Möller

Ghetto-Feeling bei Maischberger: Zu Beginn der Sendung hatten sich die Gäste der ARD-Talkerin um Mülltonnen versammelt. Die Gäste, das waren zunächst Grünen-Chefin Claudia Roth und Martin Lindner, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP. Die sollten jedoch nicht etwa rappen, sondern unter Aufsicht von Sabine Thümler, Pressesprecherin der Berliner Stadtreinigung, Müll sortieren. Orangenschalen in die Biotonne, alte Radios auf den Wertstoffhof, Joghurtbecher zum Verpackungsmüll - nein, das hier war kein Öko-Workshop der Volkshochschule aus den 90er Jahren, sondern Late Night Talk anno 2011.

Vermittelten die durchwachsenen Sortierleistungen der politischen Kontrahenten noch den Eindruck, die Idee vom Öko-Dasein und bewussteren Umgang mit Ressourcen befinde sich noch in den Kinderschuhen, griff das Motto der Sendung ins ungleich höhere Regal: "Eben mal die Welt retten: Droht die Ökodiktatur?" war die dickwandige Parole, die die Menschen bei Maischberger diesmal diskutierten. Wobei - "diskutierten" trifft es ebenso wenig wie das mit breitem Pinsel aufgetragene Wort "Diktatur" im Titel dieser Talkausgabe.

Kein Lichtlein beim Zuschauer

Standpunkte raushauen, private Befindlichkeiten formulieren, den politischen Gegner anmotzen, ein wenig Durcheinander hier, über den Mund-Gefahre dort und das ganze auf kurvenreichem Parcours: Drehte es sich zu Beginn der Sendung noch um den Sinn und Unsinn des Glühbirnenverbots, ging es im Verlauf der 75 Minuten via Windparks, Hybrid-Autos und Standby-Geräten über Dienstwagen und Plastiktüten, Bio-Currywurst und Marburger Solarsatzung bis tief in den ecuadorianischen Regenwald. Ein Lichtlein wollte dem geneigten Zuschauer dabei - ob nun Glühbirne, Energiesparlampe oder ressourcenschonendes Kerzlein - nicht recht aufgehen.

Enoch zu Guttenberg etwa, Dirigent, Umweltschützer und selbsternannter Lobbyist seiner Enkel und Kinder, plädierte für ein Tempolimit. Luftfahrt-Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl konterte das herrlich verkürzt: "Es wird ja niemand gezwungen, Tempo 200 zu fahren". Überhaupt - warum immer alles durchregulieren? Warum immer diese Bevormundung statt auf ein gerüttelt Maß Eigenverantwortung zu setzen? Amüsant zu sehen, wie Politiker und Industrielle plötzlich zu deregulationsliebenden Freigeistern werden, und sei es beim Schutz der Umwelt. Der Mensch müsse selbstverantwortlich handeln, und auf Plastiktüten, konstatierte schließlich Schauspieler Hannes Jänicke, kann man auch verzichten, ohne dass es die Politiker bestimmen. Weitere Maßnahmen, ja, ganze Listen von Tipps zur Weltrettung, könne man in seinem Buch nachlesen.

Vater Guttenberg passt beim Zitieren auf

Stichwort Politiker - wer Lindner und Roth im zeitweiligen Clinch zusah, musste einsehen, dass Jänicke und Wöhrl zumindest in diesem Punkt Recht hatten: Seine persönlichen Entscheidungen sollte man in weiten Teilen unabhängig von den Volksvertretern treffen. Lindner gab den Motzki, rutschte auf seinem Sessel, den Zeigefinger in der Luft, immer weiter nach vorne. Alte Talkshow-Regel: Je weniger Hintern eines Redenden das Sitzmöbel berührt, umso höher der Pöbel-Faktor. "Kasperletheater" watschte der denn auch Claudia Roth ab, als es um Subventionen für die Industrie zu Lasten des Bürgers ging. Hilfesuchend ging der Blick der Grünen Richtung Maischberger. Doch so energisch die Talk-Gastgeberin auch dazwischenfunkte, auf Spur konnte sie ihre Gäste nur mit Müh und Not bringen.

Eine weitere Faustregel bewahrheitete sich gegen Ende der Sendung: Wer einen Zettel aus der Tasche zieht - Hallo, Jens Lehmann - der hat besonderes vor. So auch Enoch zu Guttenberg, der die Runde mit etwas Ironie würzte. Als er den Journalisten Franz Alt zitieren wollte, las er Wort für Wort vom Blatt ab. Seine Gründe sind nachvollziehbar: "In meiner Familie muss man mit Zitieren ja bekanntlich aufpassen." Diesen Schlenk Richtung zu Guttenberg junior ließ Frau Maischberger sich natürlich nicht nehmen, die letzte Frage der Sendung galt so dann plötzlich dem über seine gefälschte Doktorarbeit gestrauchelten Ex-Verteidigungsminister. Ob er seinem Sohn wirklich geraten hätte, in die Politik zurückzukehren, wollte sie von Enoch zu Guttenberg wissen. "Mein Sohn ist 40 Jahre alt", so seine Antwort, "Dem gebe ich keine Ratschläge mehr". Da war sie wieder, die geforderte Selbstbestimmung.

Von Ingo Scheel
 
 
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